Montag, 12. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 12



„Yo Bedhead, alles klar Alter?“, sagte der Skater, klatschte Nates Hand ab und spielte dabei mit der silbernen Kugel seines Zungenpiercings zwischen seinen Lippen. Nora und mir nickte er cool zu.
„Alles easy Bucks, wir machen hier nur eine kleine Führung.“   
„Cool.“ 
Nate und Bucks bedeuteten uns mit einer Kopfbewegung, ihnen zu folgen.
„Wieso wird Nate hier von jedem Bedhead genannt?“, raunte ich Nora zu. 
„Na deswegen.“ Nora schmunzelte und zog ihre langen Haarsträhnen in die Luft. „Seine Haare sehen eben immer aus, als käme er gerade aus dem Bett.“ 
Ich zog die Augenbrauen hoch, das leuchtete mir ein.
Am Ende des Flurs öffnete Bucks erneut eine Tür, den Durchgang zur Skatehalle.
„Ich muss jetzt wieder ins Büro. Aber du kennst dich hier ja aus. Wir sehen uns heute Abend beim Training.“
„Ok, hau rein.“ Nate und Bucks stießen ihre Fäuste gegeneinander. „Na dann, herein in die gute Stube. Willkommen im Wheelscape.“
„Wow“, entfuhr es mir, als ich mich umsah. Die Wände der Skatehalle waren mit kunstvollen, bunten Graffitis besprüht. Auf einer Art Bühne legte ein DJ fetzige Rocksounds auf, die das Klappern der Skateboards fast übertönten.
„Hier findet sich auf 1000 Quadratmeter alles, was das Skater-Herz begehrt, Miniramps, Banks, Curbs, einen Wheely Table, ein Picnic Table und einen Street–Parcours. Aber das wahre Highlight ist der Outdoor–Park. Komm mit, dann zeig ich`s dir.“
Wieder liefen wir auf eine große Tür zu, dahinter eine Skate–Kulisse, die mit ihren türkisenen Schüsseln aussah, als wäre sie geradewegs aus Kalifornien importiert worden.

Am nächsten Abend saß ich im Schneidersitz auf meinem Bett und schrieb an meiner ersten Hausaufgabe. Müde kaute ich auf meinem Stift, ich war trotz des anstrengenden Tages zufrieden. Es hatte alles sofort geklappt. Ich traf pünktlich am College ein, fand auf Anhieb meine Kursräume und die erste Schicht im Sportzentrum verlief auch ohne Komplikationen. Selbst das Telefonat mit meinen Eltern meisterte ich perfekt, konnte ich ihnen doch in kürzester Zeit glaubhaft verklickern, dass es mit gut ging und ich alles hatte, was ich brauchte. Meine Mutter stellte mir natürlich tausend Fragen. Wie ist dein Zimmer? Kommst du mit deiner Mitbewohnerin klar? Wie gefällt dir das College? Wirst du durch den neuen Job mit dem Geld auskommen? Isst du auch genug? Für mich war es offensichtlich, warum sie diese Fragen stellte. Meine Mutter umschiffte, genauso wie ich, das Thema Amber ganz bewusst. Dafür war ich ihr dankbar. London sollte ein Neustart für mich sein, eine Reset-Taste für einen neuen, unbelasteten Lebensabschnitt. Ich legte das Schreibheft beiseite, schob mir das Kissen in den Nacken, schloss die Augen und versuchte den ziehenden Kopfschmerz auszublenden, der mich seit gestern ohne Pause quälte und gegen den jedes Schmerzmittel resistent zu sein schien. Als ich das nächste Mal auf meinen Wecker schaute, war es weit nach Mitternacht. Das Schlafen schien mir keine Probleme mehr zu bereiten, dachte ich und knipste das kleine Leselämpchen mit dem apfelgrünen Schirm aus.

Ich hatte mal gehört, dass Wassertrinken gut gegen Kopfschmerzen wäre. Also bestellte ich eine Flasche stilles Wasser zu meinem Muffin, ergatterte einen Sitzplatz in der Nähe des Eingangs vom Coffee and Cake und wartete auf Jarvis. Eine völlig neue Situation für mich, denn sonst wartete er immer auf mich. Wir hatten uns für sechzehn Uhr verabredet, direkt nach unseren letzten Seminaren. Ich war ausnahmsweise mal pünktlich, aber dafür verspätete sich Jarvis. KOMME 10 MINUTEN SPÄTER. HAB MICH MIT DER TUBE VERFAHREN. JAR. Ein Hoch auf die mobile Kommunikation, ohne die ich mir jetzt Sorgen um ihn gemacht hätte. Jarvis wollte mich zum Leisure Centre begleiten und sich das Wheelscape ansehen. Er war früher ein leidenschaftlicher Skateboarder gewesen und hatte bei meinen Erzählungen merklich wieder Blut geleckt. Ich nippte an meinem Wasser und biss in den Blaubeer–Muffin. Sogar beim Kauen pochte mein Schädel. Einfach nicht drauf achten, dachte ich. Vielleicht musste ich mich ablenken, so den Schmerz vergessen, um dann das nervige Klopfen endlich loszuwerden. Ich schaute durch die große Fensterscheibe auf die Oxford Street, beobachtete eine Weile die Passanten. Als mir dies zu langweilig wurde, ließ ich den heutigen Tag nochmal Revue passieren.

© Emily Kay

Heute ist Halbzeit des Adventskalenders. Ich hoffe, ihr freut euch auf die restlichen zwölf Tage???

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