Donnerstag, 15. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 15



Nachdem ich aus dem Sportzentrum heraus an die frische Luft trat, erschien mir das Pochen in meinem Kopf noch lauter als zuvor. Es war nicht besonders weit bis zur Headstone Lane Station, doch an diesem Abend dehnte sich die Distanz schier ins Endlose aus. Ich nahm mich zusammen, versuchte möglichst gerade zu gehen und die Tatsache, dass sich die Straße um mich drehte zu missachten. Die abendliche Stille schien sich drohend um mich herum auszubreiten. Das Leuchten der Straßenlaternen stach wie tausend spitze Pfeile in meinen Kopf. Das konnte so nicht weitergehen, ich musste unbedingt wissen, woher die Kopfschmerzen kamen. 

Ich beschloss Nora nach der Adresse eines Arztes zu fragen, sobald ich zu Hause war. Dort würde ich dann am nächsten Morgen hingehen und mir für die versäumten Kurse am College ein Attest ausstellen lassen. Mir war klar, dass ich unter diesen Umständen nichts vom Unterricht mitbekommen würde. Mit einem Taschentuch wischte ich mir Schweißperlen von der Stirn, atmete tief ein und aus und versuchte mich zu beruhigen. Am Ende der Straße konnte ich schon das Schild der Station leuchten sehen. Jetzt war es nicht mehr weit. Das würde ich schon schaffen. Und trotzdem vermochte ich es nicht zu ignorieren, dass ich mich immer elender fühlte. Mit schlotternden Knien stieg ich die Treppen zu den Bahngleisen hinunter und bereute fast, dass ich Kats Angebot einen Arzt zu rufen, nicht angenommen hatte. Auf dem Bahnsteig war nicht viel los, mit mir warteten vielleicht noch sechs oder sieben weitere Fahrgäste auf den Zug. Ich stellte mich nahe an die Bahnsteigkante, um möglichst zügig in ein Abteil und zu einem Sitzplatz zu gelangen, sobald die Bahn eingefahren war. Neben mir stützte sich eine alte Dame mit einer braunen Wollmütze umständlich auf ihren Rollator, während sie drei Tauben mit Toastbrot fütterte. Schräg über mir raschelte die elektrische Hinweistafel und kündigte den nächsten Zug in zwei Minuten an. 

Ich atmete noch einmal tief durch. Zwei Minuten, das würde ich schaffen. Entfernt hörte ich schon das Rattern des heranbrausenden Zuges. Gleich hatte ich das Schlimmste überstanden, dachte ich beinahe erleichtert. Ich drehte meinen Kopf nach rechts und erblickte die beiden stechend hellen Scheinwerfer der Bahn, als sich plötzlich mein Magen verkrampfte und mir hundselend zumute wurde. Von jetzt auf gleich war ich schweißgebadet und zitterte wie Espenlaub. Mein T-Shirt klebte nass an meinem Rücken. Ich fühlte mich wie auf einem Karussell, dass immer weiter das Tempo beschleunigte. Das Rumpeln der sich nähernden Bahn wurde immer lauter. Ich stützte die Hände auf meine Oberschenkel. Gleich hatte ich es geschafft, redete ich mir gut zu. Es dauerte nicht mehr lange, die Bahn würde in wenigen Sekunden vor mir halten. 

Kaum hatte ich diese Gedanken zu Ende gedacht, überkam mich völlig unerwartet ein Würgreiz. Sekundenbruchteile später kam mir der gesamte Mageninhalt hoch und ich erbrach mich vorneübergebeugt auf die Schienen. Ich taumelte kraftlos zur Seite, die Stimmen um mich herum schienen von weit herzukommen. Die Lichter der Bahn blendeten grell, das Rattern grollte unheimlich. Orientierungslos fasste ich nach meiner Tasche, doch da war nichts. Ich schwankte von einem Bein auf das andere und suchte mit meinen Augen die Plattform nach der Tasche ab. Im nächsten Augenblick hämmerte mir ein Schmerz mit solch einer Gewalt durch den Kopf, dass ich das Gefühl hatte, mir würde die Schädeldecke weggesprengt. Ich konnte nicht mehr klar denken, wusste nicht, was mit mir geschah. Alles um mich herum schien sich zeitverzögert abzuspielen. Menschen schrien. Ich spürte nur, dass mir der Kopf voll lief. Als würde ich in mir selber ertrinken. Dann sackten meine Beine weg, ich verlor den Boden unter den Füßen und schaute in zwei Lichter.                
© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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