Samstag, 17. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 17



Überrascht stellte ich fest, dass ich seine Gedanken lesen konnte und er auch meine. Gedanken und Gefühle sprangen mit einem unglaublichen Tempo zwischen uns hin und her. Dann schaute ich nach rechts und nahm eine Bewegung in der schimmernden Hülle wahr. Ich spürte große Angst, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung hinter der dünnen Haut.  Fragend blickte ich in seine schwarzen Augen, an deren inneren Unterlidern zwei Zirkone blitzten, die aussahen, als wären sie zu Kristall veredelte Tränen. 
„Sie sind noch nicht so weit.“
Er streckte seinen Arm nach mir aus und ich legte meine Hand in seine und eine Welle der Liebe durchströmte mich. Wäre ich noch ein Mensch gewesen, so hätten mir meine starken Empfindungen den Atem geraubt.

„Wer sind die?“ Ich schaute ihm immer noch in die Augen. 
„Seelen.“
„Seelen?“ 
 „Ja. Seelen von Menschen, die ihr Leben nicht angenommen haben. Sie haben sich selbst gerichtet und das durften sie nicht. Jeder Mensch hat einen Lebensplan und den haben sie nicht erfüllt.“
„Was passiert mit ihren Seelen?“
„Nichts.“ 
„Was bedeutet das? Bleiben sie für immer hier?“ 
„Nein, doch die verlorenen Seelen versuchen immer wieder das Licht zu erreichen und werden von der Zwischenebene aufgefangen und wieder zurück auf die Erde gebracht. Sie dürfen erst ins Licht, wenn ihnen ihr Vergehen vergeben wird.“
Ich schaute noch einmal auf die schillernde Blase.  

„Komm, wir müssen jetzt los.“ Er deutete mit einer Kopfbewegung zum Licht am Ende der Röhre.
Hand in Hand flogen wir weiter. Jetzt erkannte ich, dass wir auf ein leuchtendes Dreieck zu wirbelten, dessen unvorstellbare Anziehungskraft ich immer mehr spürte, je näher wir ihm kamen. Unser Flug führte geradewegs in das helle Strahlen hinein. Wir durchbrachen die Lichtflut, während sich unser Tempo drastisch verringerte, bis wir nur noch segelten. 

Wir landeten auf einem Hügel, dessen Gräser mir bis an die Kniekehle reichten. Ich schaute mich um. Grasbewachsene Hänge, wohin das Auge blickte, kein Baum, kein Haus und keine Menschenseele weit und breit. Eine graue Wolkenwand zog am violett schimmernden Horizont auf und das Gras raschelte im auffrischenden Wind, der ein noch fernes Donnergrollen zu uns trug. Ich wusste, dass ich hier schon mal früher gewesen war, hinterfragte dies aber nicht weiter. Allein durch meine Gedanken konnte ich mich hier bewegen, wobei mir mein Begleiter stets folgte, ohne meine Hand auch nur für eine Sekunde loszulassen. Seine Gesten waren mit meinen absolut gleichlaufend, fast so, als schaute ich in einen Spiegel. Dichter Nebel stieg urplötzlich aus den Hügeln auf, bis ich kaum mehr den Jungen neben mir erkennen konnte. In der Nebelwand bewegte sich etwas. Menschliche Umrisse zeichneten sich ab und dann blickte ich ihnen direkt ins Gesicht. Vor mir standen meine Großeltern und Tante Sarah, die vor Jahren gestorben waren. Sie lächelten und schienen keinen einzigen Tag älter geworden zu sein. Wir unterhielten uns mittels unserer Gedanken und waren glücklich über das Wiedersehen. Die Zeit schien still zu stehen.  

Doch auf einmal brach lauter Donner über unseren Köpfen los und es ruckte an meinem Lichtschweif. Mein Begleiter und ich wurden wie durch einen Magneten in die Höhe gezogen, in die Richtung des Schlauches und zeitgleich hörte ich eine Stimme in meinem Kopf: „Du musst zurück!“
Nein! Ich wollte doch hier bleiben bei meinen Großeltern und  Tante Sarah.
Und wieder meldete sich die Stimme:„Du bist zu früh. Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“

Ein heftiger Ruck durchfuhr mich und augenblicklich verschwammen meine Verwandten vor meinen Augen, als wenn ein Regenguss die Sicht verschleierte. Rasend schnell wurden mein Begleiter und ich, an dessen Hand ich immer noch hing, rücklings in die Röhre katapultiert.
Nun hatte ich Angst und auch er fürchtete sich. Ich wollte nicht zurück, konnte aber nichts dagegen tun. Ich verstärkte nun meinen Griff um seine Hand. Ich durfte ihn nicht loslassen, ihn nicht verlieren.
Wir schossen mit extrem hoher Geschwindigkeit an den verlorenen Seelen in der Zwischenebene vorbei, dann nahm der helle Lichtschein ab und wir tauchten in den blauen Abschnitt und schließlich wurde es ganz dunkel.
„Bist du noch da?“ Verzweifelt drückte ich mit all meiner Kraft seine Hand.
„Ja … bin noch … “, klang es metallisch in meinem Kopf. Unsere Verbindung wurde zunehmend schwächer und dann riss eine enorme Energie an mir, die mich drohte zu zerfetzen. Im Schleudergang wirbelte ich umher, verlor jegliche Orientierung und presste die Hand in meiner noch stärker zusammen.
„Hallo? Was passiert mit uns? Hörst du mich?“, sendete ich ihm angstvoll meine Gedanken. „Hallo? Bitte antworte mir. Hallo?“ 
Doch ich bekam keine Antwort mehr. Er blieb stumm neben mir und dies war schlimmer als der Strudel der uns weiter und weiter in ein unendliches Rabenschwarz sog. Sein Schweigen drohte mein Herz zu zerfleischen, das ich auf einmal ganz immens spürte.
„Ich werde dich nicht loslassen“, war das Letzte, was ich dachte.     

© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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