Freitag, 2. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 2


Jarvis Brewer wohnte schon, solange ich denken konnte in dem linken Reihenhaus neben uns. Er war der Sohn des hiesigen Bestattungsunternehmers und zwei Monate älter als ich. Von klein auf unternahmen unsere Mütter alles mit uns zusammen, vom Babyschwimmen, über den Flötenkurs, bis hin zur gemeinsamen Einschulungsfeier. Jarvis war nicht nur mein bester Freund, er war auch der Bruder, den ich mir wünschen würde, wenn es ihn nicht gäbe. Im Gegensatz zu Jarvis hatte ich keine Geschwister. Doch dank ihm fühlte ich mich nie als Einzelkind. Wir waren immer zusammen, teilten alles, egal was es war. Ich kann mich noch daran erinnern, als Jarvis im Alter von fünf Jahren seine erste Brille bekam. Er war todunglücklich darüber und so beschloss ich fortan ebenfalls eine Brille zu tragen, um so meine Solidarität unter Beweis zu stellen. Ich fand das Etui mit der Lesebrille meiner Mutter in der Schublade ihres Nachtisches. Damit flitzte ich zu ihm und setzte mir das goldeingefasste Nasenfahrrad vor dem Spiegel auf. Durch die Brillengläser konnte ich alles nur verschwommen wahrnehmen, doch das störte mich nicht. Ich hatte fest beschlossen mindestens genauso zu leiden wie Jarvis und so biss ich die Zähne zusammen. Am Abend hatte ich dann nicht nur Ärger mit meiner Mutter, weil ich ihre Brille einfach genommen hatte, sondern noch höllische Kopfschmerzen obendrein.

Nachdem ich bestellt hatte, schlug ich erwartungsvoll die Zeitung auf und suchte den Teil mit den Wohnungsanzeigen. Es waren vier kleinstbedruckte Seiten, zwei davon reichte ich Jarvis. Es galt schnell die Angebote zu sichten, um möglichst der erste Anrufer zu sein. Günstige Mietangebote im Großraum London waren heißbegehrt und erfahrungsgemäß im null Komma nichts vergeben. 

„Zimmer in Studenten-WG, nahe Wood Lane Station, 280 £ pro Woche“, seufzend legte ich den Anzeigenteil auf den Stuhl zu meiner rechten und trank einen großen Schluck von meinem schwarzen Kaffee. „Wie soll sich ein Student sowas denn leisten können? Sind das alles Lotto-Millionäre oder was? Wenn das so weiter geht, finde ich nie was bis zum Studienbeginn. Ach menno, warum ist London auch so teuer?“ Beklemmung stieg in mir bei dem Gedanken auf, noch länger in Newcastle bleiben zu müssen. Ich wollte unbedingt hier weg. Jarvis musterte mich prüfend, als ob er meine Gedanken erahnte.

„Hey, jetzt bleib mal ganz locker. Du findest schon, noch was, da bin ich mir ganz sicher. Das hab ich im Blut“, versuchte er mich zu besänftigten.
„Ja klar, vielleicht kann ich mit meinem Budget so ein rotes Telefonhäuschen anmieten oder vielleicht doch ein geräumiges Schließfach an der King`s Cross Station“, erwiderte ich sarkastisch. „Außerdem hast du gut reden. Bei deinem Stipendium ist das Zimmer im Studentenwohnheim ja inklusive.“

„Mhm“, brummte Jarvis, ganz in die Anzeigen versunken. Er beugte sich tiefer über die Zeitung, sodass seine Nasenspitze fast das bedruckte Papier berührte.
„Dein Mhm hilft mir auch nicht wirklich weiter. Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte ich, nachdem er nicht antwortete und weiterhin konzentriert die Anzeigen studierte. „Ist dir eigentlich klar, dass nächsten Montag schon die Vorbereitungskurse beginnen? Das sind nur noch fünf Tage … wie soll ich bis dahin denn noch ein bezahlbares Zimmer finden? Eher lässt sich Jacob Black von Edward Cullen in einen Vampir verwandeln!“ 
Plötzlich zappelte Jarvis wie ein Fisch an der Angel auf seinem Stuhl hin und her. „Ich glaube Jacob ist schon auf dem Weg zu Edward. Schau mal hier, das könnte was sein.“

Er schob seinen Teil der Zeitung zu mir und deutete mit dem Zeigefinger auf ein unscheinbares Inserat, ganz unten auf dem Blatt.                                                      
„Zeig her!“                                                    
Ungläubig las ich die Anzeige. Vorsichtshalber ging ich den Text ein zweites Mal durch und dann ein drittes Mal. Der Text blieb der gleiche.                                                
Suche ab sofort Mitbewohnerin. Biete 1 möbliertes Zimmer, Gemeinschaftsküche & Bad, 110 £ pro Woche, Lage: zentral, 5 Gehminuten von Tube Station Rayners Lane, Harrow, London. Kontakt: Nora Cauley, Telefon: (0)20 6333 1308

„Ich fass es nicht! Das könnte tatsächlich meine Chance sein. Und es blieben dann sogar noch 60 £ von meinem verfügbaren Budget über. Und dann noch möbliert. Jar, du bist echt der Hammer!“ Ich fiel ihm stürmisch um den Hals, wobei er im letzten Augenblick noch seine Brille festhalten konnte, bevor diese Bekanntschaft mit dem Holzfußboden machte.
„Ich muss da jetzt sofort anrufen!“

Meine Wangen glühten vor Aufregung, als ich mein Handy aus der immer noch feuchten Tasche fischte und hastig die Nummer eintippte. Es tutete nur einmal, dann hob schon jemand ab und es meldete sich eine Frauenstimme.                            
„Hallo?“                                                        
© Emily Kay


Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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