Dienstag, 20. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 20



Kapitel 4

Vierzehn Tage später wurde ich entlassen.
Meine Hoffnung, dass er mich doch noch einmal im Krankenhaus besuchen würde, erwies sich als vergebens. Jeden Tag hatte ich voller Vorfreude auf ihn gewartet, bis Schwester Mary abends die beigefarbenen Vorhänge zu zog und das Licht löschte. Damit war die Besuchszeit vorbei und erst dann gab ich meine Erwartungshaltung auf, doch meine Nerven blieben auch in der Nacht angespannt wie Drahtseile.

Ich hatte Nora gesagt, dass ich müde wäre und es mir nichts ausmachte, wenn sie kurz zu Nate ins Tattoo-Studio fuhr. Sobald ich alleine war, packte ich meine Tasche aus und legte die Schmutzwäsche, die nach Krankenhaus roch, in einen Korb. Meine Eltern hatten mir ein Paket geschickt, in dem sich unter anderen Mums selbstgemachter Apfelkuchen, eine Packung Erdbeertee und ein Paar blaue Kuschelsocken befanden. Ich schlüpfte in eine Jogginghose und zog mir die neuen Strümpfe an, die sich herrlich weich an meine Füße schmiegten. Dann hockte ich mich auf mein Bett und streichelte Mr Bilbo, der tote Katze spielte, wobei er unbeweglich mit dem Rücken auf meinem Kopfkissen lag und alle vier Pfoten von sich streckte. Vorsichtig lehnte ich meinen Kopf gegen die Wand, schloss die Augen und kraulte den Kater hinter seinen Ohren. Meinen Hinterkopf zierte seit der Operation ein kahler druckempfindlicher Fleck, über den ich meine Haare kaschierend frisierte. Die Ärzte hatten an der Stelle meine Schädeldecke geöffnet, um die innere Blutung zu stoppen.

Ich öffnete meine Augen und starrte aus dem Fenster, in die voranschreitende Abenddämmerung. Bald lag das Zimmer im Halbdunkeln und ich knipste die kleine Nachttischlampe neben meinem Bett an. Vom Garten her hörte ich ein leises Rascheln und Knistern, das durch das gekippte Fenster an meine Ohren drang. Mr Bilbos gleichmäßiger Atem machte mich schläfrig und ruhig, sodass ich in einen meditativen Zustand versank und mich ganz den Erinnerungen an den geheimnisvollen Jungen hingab.  

Ich befand mich im freien Fall und sauste unkontrolliert durch den Schlauch auf das helle, niemals blendende, Licht zu. Funkelnde Goldlichtfinger schlossen sich um meine rechte Hand, denen ich blindlings vertraute, als würde mich ein Autopilot durch ein Nebelmoor lotsen. Mein Begleiter schaute mich an. Die beiden Zirkone an seinen Augen glitzerten, wie bunte Splitter eines Kaleidoskops und warfen das einfallende Licht in regenbogenfarbenen Lichtstrahlen zurück. Ich umklammerte seine Hand, durfte sie nur nicht loslassen, dann konnte mir nichts passieren. Ich sah ihn einfach nur an, während wir raketenschnell durch die sich langsam erhellende, gewundene Röhre schossen. Er war so unbeschreiblich schön. So makellos, so perfekt. In seinen dunklen Augen zu ertrinken, zu sterben, schien mir ein verheißungsvoller Tod zu sein. Ich hätte alles gegeben, um immer in seiner Nähe sein zu können. Sogar mein Leben, an dem ich seit unserer ersten Begegnung nicht mehr wirklich hing. Fast erschien es mir so, dass uns vielmehr mein Leben trennte und ich nur im Tod wirklich bei ihm sein konnte. Ich fühlte mich ihm wieder so nah, so berauschend nah. Ich war süchtig danach mit ihm verbunden zu sein, zu einer Einheit mit ihm zu verschmelzen, ohne die ich fortan nicht mehr existieren könnte. Mein Herz schlug schneller, bedingungsloses Verlangen erfasste mich. Ich wollte ihm noch näher sein. Nein, ich musste es einfach. 

Das schrille Klingeln des Telefons im Korridor katapultierte mich unsanft zurück in mein Zimmer. Zurück in die Wirklichkeit. Stöhnend erhob ich mich vom Bett, taperte aus meinem Zimmer und schaltete die schummerige Korridorbeleuchtung an, die eine viel zu schwache Lampe für den langen Gang spendete. Das Telefon befand sich auf dem hohen Schuhschrank am Ende des Flurs.
Hastig nahm ich den Telefonhörer ab. „Hallo?“
„Hallo Amy? Hier ist Mum“, meldete sich die besorgte Stimme meiner Mutter am anderen Ende der Leitung. „Ich wollte nur nachhorchen, ob bei dir alles in Ordnung ist? Hast du noch Schmerzen?“
„Nein. Bei mir ist alles ok, Mum. Und gegen die Schmerzen habe ich Tabletten bekommen. Ich, ähm … werde gleich noch etwas Wäsche waschen und später vielleicht noch einen Film ansehen. Ach ja, danke übrigens auch für das Paket. Ich habe die Socken sofort angezogen, sie sind wirklich ganz toll.“

Was Mum darauf antwortete, hörte ich nicht. Ich drehte mich mit dem Telefonhörer am Ohr und schaute frontal in den Spiegel, der über dem Schrank angebracht war. Etwas an der Widerspiegelung des unbeleuchteten Wohnzimmers zog meine Aufmerksamkeit magisch an. Das Zimmer lag im Dunkeln, nur der fahle Lichtschein einer Straßenlaterne schien durch die transparenten Vorhänge und ließ die Umrisse der Möbel erkennen. Mein Blick blieb an einem Fenster hängen, vor dem sich eine merkwürdige filigrane Silhouette abzeichnete. Zwei Punkte blitzten für einen kurzen Moment auf. Ein kräftiger Ruck ging durch meinen Körper. Ich hielt die Luft an und versteifte mich.
© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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