Mittwoch, 21. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 21



Der Schattenriss verharrte unbeweglich vor dem Fenster. Wir starrten uns gegenseitig an.
Amy? Bist du noch da?“, drang von weit her die Stimme meiner Mutter an mein Ohr. „Hallo?“
Langsam gewöhnten sich meine Augen an das Halbdunkel. Und dann konnte ich schemenhafte Gesichtszüge ausmachen und es durchfuhr mich wie ein Blitz. Für einen kurzen Augenblick glaubte ich, sein Gesicht erkannt zu haben.
„Mum? Der Empfang ist auf einmal ganz schlecht“, log ich. „Lass uns morgen telefonieren.“

Ich legte auf, konnte meine Augen von dem Spiegel und des sich darin widerspiegelnden Wesen vor dem Fenster nicht lösen. Mein Blut pochte heftig gegen die Schläfen. Ich lauschte in die Stille, doch außer meiner eigenen schnellen, flachen Atemzüge vernahm ich nichts. Mein Herz hämmerte wild in meiner Brust, als ich mich in zeitlupenartiger Geschwindigkeit umdrehte und geradewegs zu dem Fenster in dem Wohnzimmer schaute. Die Silhouette bewegte sich unmerklich, um im nächsten Moment erneut einer Statue gleich reglos zu verweilen. Ich wagte nicht zu atmen, als ich mich ihm zögernd näherte. Sein Gesicht lag weiterhin verborgen in den dämmrigen Schatten des Abends. Ich hätte nicht erklären können, woher ich wusste, dass er es war. Ich wusste es einfach. Daran bestand nicht der geringste Zweifel. Seine Gedanken konnte ich nicht lesen, jedenfalls hörte ich ihn nicht in meinem Kopf. Die Gestalt stand immer noch still und unbeweglich vor dem Vorhang. Mein Puls raste. Uns trennten nur noch drei Schritte. Ich blieb vor ihm stehen und verengte meine Augen zu Schlitzen, um besser sehen zu können. Schweigend blickten wir einander an, wie Museumsbesucher, die ein kostbares Gemälde betrachteten. 

„Endlich bist du da. Ich wusste, dass es dich wirklich gibt und nicht nur in meiner Fantasie.“ Ich brachte kaum mehr als ein Flüstern hervor. Daraufhin bewegte er leicht den Kopf zur Seite, wobei ich einen kurzen Blick auf sein Gesicht erhaschte, darin den Glanz seiner tiefschwarzen Augen erspähte und auch die beiden funkelnden Edelsteine ausmachen konnte. Sein Blick flackerte, als er seine Lippen zaghaft öffnete und trotzdem stumm blieb. Ein seltsamer zwiespältiger Ausdruck lag nun in seinen Augen, der mich verunsicherte.  Die Stille zwischen uns krampfte meinen Magen zusammen, ich wollte unbedingt seine Stimme wieder hören. Ich hatte Angst davor, dass er einfach gehen würde, wenn wir uns weiter anschwiegen. Was sollte ich nur sagen? „Ich weiß, dass du bei mir im Krankenhaus warst. Ich habe dich gesehen. Danke …“, hauchte ich und streckte im Affekt meinen rechten Arm nach ihm aus und griff ins Nichts. Kein Lüftchen bewegte den Vorhang am Fenster. Ich war allein.  

Jarvis` Handy war an, doch er hob nicht ab. Nach der elften „Ruf mich zurück“-Nachricht, die ich auf seiner Mailbox hinterlassen hatte, gab ich es schließlich auf. Seit Mr Bilbo zu einem nächtlichen Spaziergang durch die Nachbarschaft aufgebrochen war, wirkte die Wohnung gänzlich verlassen und geräuschlos, fast so, als gäbe es in ihr keinerlei Leben. Selbst das Rascheln und Knistern im Garten erstarb, kein Windhauch regte sich, der das Windspiel an meinem Fenster hätte zum Klingen bringen können. Ich kauerte in eine Decke gehüllt auf meinem Bett und stierte auf mein Handy. Irgendwann musste sich Jarvis doch melden. Dann fiel mir aber wieder ein, dass er von einer Verbindungsparty an seiner Fakultät gesprochen hatte. Damit erklärte sich natürlich, dass er nicht erreichbar war.

Es war weit nach Mitternacht, als endlich das Klappern von Noras Stiefeln im Flur erklang und wenig später die Wohnungstür aufgeschlossen wurde.
In der Küche brannte Licht. Nora füllte Bohnen in den kleinen Kaffeeautomaten, der auf der Arbeitsplatte stand. 
 „Du bist ja noch wach. Möchtest du auch eine Tasse Kaffee?“, fragte sie, nachdem sie mich bemerkt hatte. Nora musste direkt in die Küche gegangen sein, denn sie trug einen schwarzen Wollmantel und ihre glänzenden Stiefel mit den extrem hohen Absätzen.
„Mhm“, stimmte ich zu und lehnte meinen Kopf seitlich an den Türrahmen.
„Tut mir leid, ist jetzt doch alles etwas später geworden. Aber weißt du, Jerome ist noch mit seinem neuen Freund im Studio vorbeigekommen.“ Nora öffnete eine Schrankklappe und beförderte eine zweite Tasse hervor. „Und was soll ich dir sagen? Andy, sein neuer Freund, ist mindestens fünfzehn Jahre jünger als Jerome und sie haben sich in einem Club in Soho kennengelernt“, triumphierte sie. 
Es dauerte einen Moment, bis bei mir der Groschen fiel und ich wusste, worauf sie anspielte.
„Ach, jetzt verstehe ich. Du meinst, das ist der Mann, den du bei Jerome in den Karten gesehen hast?“
„Ganz genau! Da stimmt jedes Detail. Ich darf nur nicht daran denken, was passiert, wenn der Rest auch noch stimmt“, seufzte sie.
„Der Rest? Was war das nochmal?“ 
© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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