Donnerstag, 22. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 22



„Andy wird sich leider in Jeromes endlose Reihe der bitteren Enttäuschungen einreihen. Mir graust es jetzt schon davor. Bei seiner letzten Liebeskatastrophe lag er zwei Wochen nur im Bett und hat sich strikt geweigert zu essen. Und glaub mir, eines ist jetzt schon ganz sicher, Andy ist garantiert noch ein größerer Herzensbrecher, als es sein Ex Vince war. Zumal er eine gewisse Ähnlichkeit mit Heath Ledger hat und es ist ein offenes Geheimnis, dass Jerome eine absolute Schwäche für Heath Ledger hat, alle seine Filme auswendig mitsprechen kann.“ Sie verdrehte die Augen. „Als Vince ihn damals verlassen hat, durfte ich das Cuts ganz alleine führen. Was passiert, wenn sich herausstellt, dass Andy kein Kind von Traurigkeit ist, möchte ich gar nicht wissen. Denn den Teil der Prognose hat Jerome garantiert verdrängt.“  Wahrscheinlich war es nicht der richtige Augenblick. Vielleicht war sie auch nicht die richtige Person, um über meine Begegnung im Wohnzimmer zu reden, aber zu wem hätte ich damit sonst mitten in der Nacht gehen sollen? Obwohl, war die Tatsache, dass man mit Hilfe von Karten die Zukunft vorhersagen kann, nicht mindestens genauso abgefahren, wie das, was mir passiert war? Und Nora glaubte ganz offensichtlich an die Weisheit der Karten. Warum sollte sie nicht auch offen für meine Erlebnisse sein?

„Nora?“
Sie reichte mir eine Tasse mit dampfendem Kaffee. „Ja“, sagte sie und trank vorsichtig einen Schluck.
„Also ich … ich“, druckste ich rum und suchte nach den passenden Worten.  
Auf Noras Stirn bildete sich eine besorgte Falte. „Hey, was ist denn mit dir los?“ Sie stellte den Kaffee auf die Arbeitsplatte und kam zu mir herüber. „Nun sag schon, was hast du auf dem Herzen?“ Ermunternd strich sie mir über den Oberarm.  

Ich fasste mir ein Herz, atmete tief durch und dann sprudelte es nur so aus mir heraus. Ich erzählte ihr von meinem Retter, dass ich ihn an meinem Krankenbett gesehen hatte und schließlich von der Begegnung im Wohnzimmer. Von meiner Reise in dem Schlauch und dem unbeschreiblichen hellen Licht, wie der Junge auf mich gewartet hatte und wie ich dann in der anderen Welt meine Großeltern und meine Tante traf, davon erzählte ich ihr allerdings nichts. Dies behielt ich für mich. „Und die Zeugen haben den Jungen, der mich von den Gleisen gerettet hat, exakt so beschrieben. Hast du ihn vielleicht im Krankenhaus gesehen oder … oder hier?“ Ich deutete auf die Wohnung, um mich herum.

Nora, die mir die ganze Zeit zugehört hatte, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen, kaute auf ihrer Unterlippe und starrte mich an. „Nein. Ich habe ihn weder hier, noch im Krankenhaus gesehen. Komm, setzen wir uns auf die Couch“, sagte sie nachdenklich und schälte sich aus ihrem Mantel, den sie auf einen Sessel warf, worauf auch ihre Stiefel im hohen Bogen hinterher flogen. Dann hockte sie sich neben mich und verknotete ihre Beine zu einem Schneidersitz. „Vielleicht war es auch einfach alles ein Bisschen zu viel für dich in der letzten Zeit.“
„Heißt das, du glaubst mir nicht? Ich weiß auch, dass sich das alles total verrückt anhört, aber es ist die Wahrheit“, verteidigte ich mich und bereute fast, dass ich mich ihr anvertraut hatte.
Sie schüttelte den Kopf. „Das meine ich nicht, ich glaube dir schon. Aber schau mal, du wärest fast gestorben, wurdest am Kopf operiert …“ 
„Warte mal - willst du damit etwa sagen, dass ich … spinne?“
„Das will ich keineswegs damit sagen und du weißt auch, dass ich total auf mysteriöse Phänomene stehe. Aber mir ist, solange ich hier wohne, noch nie jemand erschienen. Ein Spuk wäre mir garantiert aufgefallen. Amy, du hattest eine echt schwere Operation und ich glaube eher, dass du erst mal zur Ruhe kommen solltest. Glaub mir, dann wird sicher vieles ein wenig anders aussehen und bestimmt auch erklärbar sein.“
„Mir ist das wirklich wichtig, Nora“, sagte ich mit Nachdruck. „Und ich weiß auch, dass ich mir das nicht eingebildet habe.“
„Gut. Dann schlage ich vor, dass ich dich morgen zur Nachuntersuchung begleite, dann hören wir, was der Doc sagt  und sehen dann weiter. Einverstanden?“ Nora streckte mir ihre Hand entgegen.
Ich zögerte, doch dann schlug ich ein. „Einverstanden.“
© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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