Samstag, 24. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 24


Schweißnass fuhr ich hoch. In meiner Kehle steckte ein erstickter Schrei und mein Herz klopfte wild. Ich brauchte eine Weile, um aus dem grauenvollen Albtraum in die Realität zu kommen. Es war hell. Ich war meinem Zimmer in Rayners Lane, beruhigte ich mich. Meine Hände tasteten nach der Wasserflasche, die unter mein Bett gerollt war. Gierig trank ich ihren Inhalt leer, schraubte außer Atem den Verschluss zu und rieb mir über die Augen. Ging das mit den Träumen wieder los? Bitte nicht! Ich wollte die Flasche auf meinen Nachttisch abstellen, doch hielt mitten in der Bewegung irritiert inne. Auf dem Tischchen lag der Block, auf dem ich vergeblich versucht hatte, den Jungen zu malen. Nur fehlte von den Zeichnungen jegliche Spur. Stattdessen waren die Blätter mit Namen und Daten in meiner Handschrift übersät, an die ich mich nicht erinnern konnte, sie jemals aufgeschrieben zu haben. Entsetzt starrte ich auf den Fußboden. Der Anblick schockte mich, wie ein Eimer eiskaltes Wasser, das mir ins Gesicht geschleudert wurde.

Der ganze Boden war weiß. Übersät mit unzähligen Blättern, auf denen ebenfalls Namen und Daten aufgeschrieben waren. Allesamt in meiner Handschrift. Ich hatte keine Erklärung dafür. Ich traute mich nicht aufzustehen und die Blätter einzusammeln. Sie jagten mir Angst ein und ich fürchtete mich davor, sie zu berühren. Hatte Nora etwa doch Recht? Ich wollte nicht verrückt sein!

Mein Handy klingelte und auf dem Display leuchtete Jarvis` Name. Ich heulte vor Erleichterung, als ich seine Stimme hörte und erschreckte Jarvis` durch meine Reaktion so sehr, dass er mich fragte, ob er einen Arzt rufen sollte. Eine Weile benötigte ich, um mich zu beruhigen. Doch dann erzählte ich ihm alles. Von dem Jungen, der Röhre, dem Licht, meinen toten Verwandten, dem Jungen am Bett, dem Jungen im Wohnzimmer und von den Notizen, die sich scheinbar überall in meinem Zimmer ausbreiteten. Nichts ließ ich aus. Und Jarvis verstand mich, erklärte mich nicht für verrückt. Er versprach, zu Nahtoderfahrungen und ähnlichen Phänomenen Nachforschungen anzustellen und noch am gleichen Tag vorbeizukommen.

Nach dem Gespräch fühlte ich mich ein wenig besser. Ich schaffte es sogar die Zettel einzusammeln und in einer Kiste zu verstauen, die ich weit unter mein Bett schob.
Am Nachmittag begleitete Nora mich zu meinem Termin bei Dr Sullivan. Es war Rush Hour und die Autos und Busse verstopften Londons Straßen. Ich hatte mich bei Nora eingehakt, während wir auf Grün an einer Ampel warteten. Die Menschtraube auf unserer und der uns gegenüberliegenden Straßenseite wuchs stetig an und ich bezweifelte, dass wir bei Grün wirklich die Straße überqueren konnten, ohne uns durch Autos und Busse zu schlängeln, die durch das permanente Stop and Go-Tempo nicht vorwärtskamen. Als ich mit Nora am Rand des Bürgersteigs stand und mir einen möglichen Schlangen-Parcours ausmalte, merkte ich, dass ich beobachtet wurde. Ich schaute mich um, doch mir fiel niemand auf, der mich auffällig anguckte.
Es beunruhigte mich, nicht zu wissen, woher das Gefühl kam und vor allem wer mich beobachtete.
Doch dann sah ich auf einmal, wer es war, der zu mir schaute, mich nicht aus den Augen ließ. Ein Adrenalinstoß flutete durch meinen Körper. In dem Moment blendete ich alles Weitere aus. Sämtliche Geräusche und Menschen um mich herum schienen nicht mehr vorhanden. Die Zeit stand still. Ich schaute wie gebannt zur gegenüberliegenden Straßenseite und in das Gesichtermeer, aus dem er deutlich hervor stach.
„Hey, was ist mit dir? Ist dir nicht gut?“, fragte Nora neben mir, als mir ein roter Doppeldeckerbus die Sicht auf ihn nahm.
„Er steht auf der anderen Seite“, sagte ich kratzig und merkte, dass sich meine Beine wackelig anfühlten. 
„Wer? Von wem redest du überhaupt?“
„Der Junge. Er steht auf der anderen Straßenseite.“ 
Der rote Routemaster setzte sich wieder in Bewegung, rollte weiter und gab die Sicht auf die gegenüberliegende Straßenseite frei.

Ich klammerte mich an Noras Arm. Ich schaute in unbekannte Gesichter der Passanten. Als die Ampel auf Grün sprang,  kämpfte ich mit den Tränen.                              
© Emily Kay


Das war's ihr Lieben! 24 Tage lang konntet ihr das Teilmanuskript zu "Himmelswächter" lesen und ich bin nun sehr gespannt, wie es auch abschließend gefallen hat! Das was ihr gelesen habt, wird ungefähr ein Fünftel eines Romans sein, falls Emily Kay dieses Manuskript weiter schreiben sollte. Ihr könnt dazu den ausschlaggebenden "Kick" geben, falls es euch gefallen hat und ihr gerne mehr lesen wollt. Konstruktive Kritik ist aber ebenfalls willkommen. 

Seid doch so lieb und postet euren Gesamteindruck über dieses Teilmanuskript hier als Kommentar. Was hat euch gefallen, was konnte euch nicht überzeugen, wollt ihr mehr von der Story lesen usw.

Emily Kay und ich sind sehr gespannt!

PS: Hoffentlich hat euch mein literarischer Adventskalender gefallen!

Kommentare:

  1. Liebe Claudia und liebe Leser,

    ich wünschen euch allen ganz wunderbare Weihnachten. Ich hoffe, ihr hattet an dem literarischen Adventskalender ein wenig Freude.

    Danke liebe Claudia, dass du den ersten Teil meines "Himmelswächter" Manuskripts deinen Lesern vorgestellt hast und auch gerne weiterlesen möchtest. :-)

    Ich darf sicherlich schon verraten, dass es nach Weihnachten mit einem Rezi-Video über die "Himmelswächter" Adventsaktion von der YouTuberin Anna (http://www.youtube.com/user/Joguhra?feature=mhee) weitergehen wird. Ich bin jetzt schon sehr gespannt darauf!

    Fröhliche Weihnachten und fühlt euch gedrückt!

    Emily Kay

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  2. Hallo liebe Claudia!

    Mir hat der literarische Adventskalender sehr gefallen. Tolle Idee!

    Ein schönes Weihnachtsfest, viele Geschenke & erholsame Feiertage wünsche ich dir!

    Weihnachtliche Grüße von
    Sabine

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  3. liebe emily,
    soo ich habs auch endlich geschafft himmelswächter zu lesen.. ich muss nämlich zugegeben, dass es mich einige überwindung gekostet hat, weil ich mag keine ebooks... (war ja keins aber man musste es auch am pc lesen :D) das strengt mich furchtbar an... *seufz*
    so aber nun zum wesentlichen:
    ich finde himmelswächter wirklich richtig gut. es ist keine allerweltsstory... aber wenn das 1/5 des buchs war, dann musst du die handlung ganz schön komprimieren oder? oder halt ne fortsetzung schreiben ;))
    ich muss sagen, dass mich die handlung richtig mitgerissen hat.. ich habe absolut mit amy mitgefühlt... muss aber sagen, dass du gewisse sachen noch mehr ausbauen kannst, z.b. die unfallszene und dann auch die krankenhaus szene.. das ist alles ziemlich schnell abgehandelt find ich.
    aber ich denke du machst da wirklich ein richtig gutes buch draus ... auch weil es diese vielen kleinen "baustellen" gibt die den leser interessieren, was war mit amber? wie ist das weiter mit ihrer seele? und mit dem mysteriösen jungen?
    ich bin seeehr gespannt und hoffe darauf, das buch bald in "echt" in meinen händen halten zu können :)

    viele grüße
    tina

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