Samstag, 3. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 3

                                                

„Hallo?“
„Ja, hallo, hier ist Amy Chaplin. Ich … ich rufe wegen der Anzeige an. Ist das Zimmer noch frei?“ 
„Ja klar, du bist die erste, die anruft. Wahrscheinlich überlesen die meisten das Inserat.“ Papier knisterte am anderen Ende der Leitung. „Das Gesuch geht ja auch wirklich an der Stelle fast unter.“
„Ähm … ja, ich habe es auch zuerst überlesen“, gab ich zu. Die Stimme am anderen Ende der Leitung machte einen sympathischen Eindruck.
„Na ja, aber du hast es ja dann doch noch gefunden. Hast du Probleme mit Katzen? Irgendwelche Allergien oder Phobien?“ „Nein … bis jetzt nicht.“
„Perfekt. Also, wann willst du einziehen, Amy … so war doch dein Name?“
„Ja, ja …“, stotterte ich verblüfft, mit solch einem Tempo hatte ich nicht gerechnet, obwohl mir dies natürlich sehr entgegen kam. „Ich könnte am nächsten Samstag einziehen, wenn es Ihnen passt.“ 
„Oh bitte, ich bin Nora – ohne Sie“, lachte Nora.
„Ok, Samstag wäre perfekt. Ich muss nur bis zum Nachmittag arbeiten und wäre dann zu Hause.“ 
Ich notierte mir noch die Adresse, Kings Rd 13, bevor ich mich verabschiedete und Jarvis ein zweites Mal die Luft abdrückte. 

Am Samstagnachmittag hockte ich mit Sack und Pack in dem wuchtigen schwarzen Leichenwagen von Brewers Bestattungen. Herr Brewer hatte sich bereit erklärt, Jarvis und mich nach London zu fahren, seinen Sohn zum unieigenen Wohnheim und mich in die Kings Road No 13. Die Gummi-Profile der Wischer glitten quietschend über die Frontscheibe und hinterließen schlierige Spuren. Es goss immer noch in Strömen, sodass die vorbeiziehende Landschaft verwischt und unscharf aussah. Ich hatte gehofft, dass mit meinem Umzug auch die Schwere von meinem Herzen weichen würde. Aber sie blieb, sie schien mit mir zu reisen. Ich spürte keinerlei Veränderung und London war nicht mehr weit. Newcastle konnte ich verlassen, doch vor den Bildern in meinem Kopf gab es scheinbar kein Entrinnen. Die Ironie der Situation drängte sich mir unausweichlich auf. Ich fuhr in dem gleichen Wagen, in dem auch Amber zuletzt befördert wurde. Hinter meinem Rücken befanden sich die gläserne Trennwand und dahinter der Sargraum, der nun als Ladefläche für meine und Jarvis` übereinandergestapelten Koffer und Taschen diente. Ich wagte es nicht mich umzudrehen und sank tiefer in meinen Sitz. Bei dem Gedanken, wer oder was gewöhnlich mit diesem Auto transportiert wurde, bekam ich eine Gänsehaut und presste meine Fingernägel in die Handflächen. Ich seufzte unwillkürlich und starrte aus dem Fenster, vor dem die Welt wie im Schnelldurchlauf vorbeiflog.

„Hey, alles klar?“, fragte Jarvis und spielte auf meinen Seufzer an.  
Ich schaute nach links zu ihm, hatte ich ganz doch ganz vergessen, dass er neben mir saß. „Ja“, nickte ich. „Es ist nur so – so komisch irgendwie …“ „Ich weiß, was du meinst. Ich musste auch schon die ganze Zeit daran denken.“ 
Er drückte tröstend meine Hand und ich legte meinen Kopf auf seine Schulter.   
Nachdem wir Jarvis zum Wohnheim gebracht und ihm geholfen hatten seine Taschen in das winziges Zimmer zu tragen, ging die Fahrt mit Mr Brewer weiter nach Harrow. Wir fanden die Kings Road auf Anhieb, ohne uns zu verfahren. Das viktorianische Haus mit der Nummer 13 lag in der Nähe von einer Einkaufsstraße und der Tube Station Rayners Lane. Die Fassade hatte einen mintgrünen Anstrich und verlieh dem Gebäude damit zusätzlich den Charme eines Puppenhauses. Wir hielten an.

Nora übertraf alle meiner Erwartungen und war mindestens so verrückt, wie es sich für ein typisches Londoner Goth-Girl gehörte. Stell dir Schneewittchen vor, nur schrill und ausgeflippt und du hast eine ungefähre Vorstellung von ihr. Sie war nicht besonders groß, sehr zierlich gebaut und ihre helle Haut schien das Tageslicht zu reflektieren. Ihre schwarzen Haare fielen locker an ihr herab, fast bis zur Hüfte und ein stumpf abgeschnittener Pony umrahmte ihr Gesicht. Die grünen Augen hatte sie dramatisch schwarz geschminkt, ihre Lippen leuchteten knallrot. Die Unterlippe zierte links und rechts jeweils ein Piercing und in der Nase trug sie mittig einen Ring. Zwei Plugs mit Totenköpfen steckten in ihren Ohrläppchen und auf ihrem gesamten rechten Arm prunkten bunte Tattoos. 

Sie erwartete uns schon vor dem Hauseingang und quietschte vor Vergnügen, als sie sah, dass ich mit einem Leichenwagen vorfuhr.
Mr Brewer verabschiedete sich kurze Zeit später, nachdem er meine Koffer ausgeladen und in dem Korridor meines neuen Zuhauses abgestellt hatte.                                                         
© Emily Kay




Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


Kommentare:

  1. Huhu,
    so nun habe ich auch mal vorbei geschaut und etwas gelesen. Ich finde die Idee echt gut, die Geschichte in einen Adventskalender zu verteilen. Ich gebe ja zu,das ich Buch der Autorin nicht sonderlich gemocht hatte,aber ich bin offen für einen neuen Versuch.Es klingt auf jeden Fall wieder sehr vampirig. :) Upps ich sollte wirklich mal 1-2 türchen lesen.

    vlg misa ♥

    AntwortenLöschen
  2. hallo,
    ich dagegen bin ein grosser Fan von Emilyś Eulenflucht und hab jetzt mal Türchen 1-3 gelesen und ich bin schon sehr gespannt. Was ist mit Amber passiert? Und Nora hat bestimmt was zu verheimlichen!! Glaub ich zumindestens!! :) Bin gespannt auf morgen!!
    LG Anika

    AntwortenLöschen