Donnerstag, 8. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 8



Jerome blieb nicht mehr lange, ihm waren seine Liebesprognosen deutlich auf die Stimmung geschlagen.
Ich zog mich in mein Zimmer zurück und beschloss noch ein wenig Musik zu hören. Mr Bilbo hatte es sich derweil in einem leeren Umzugskarton gemütlich gemacht. Noras Prognose spukte mir unablässig im Hirn herum, ihre Worte klangen lauter als die Musik aus meinem iPod in meinem Kopf. Schließlich zog ich mir die Stöpsel aus den Ohren und spähte aus meinem Fenster in den Garten. Viel konnte ich nicht erkennen, draußen war es bereits dunkel. Neben dem Schein der Schreibtischlampe  spiegelte sich auch mein Gesicht in der Fensterscheibe wider. Nachdenklich beobachtete ich mich selber. Ich wusste nicht, was ich mit der Vorhersage anfangen sollte. Vielleicht hatte ich auch Angst an sie zu glauben und hinterher enttäuscht zu sein, wenn dieser ominöse Traumtyp nicht aufkreuzte. Oder könnte es vielleicht sein, dass sich das Orakel vertan hat? Möglicherweise war die erste Legung doch für mich gewesen, da Jerome mir den Vortritt gelassen hatte? Das würde passen, denn einen wirklichen Traumtypen hatte ich noch nie getroffen.  
Das leise Klopfen an meiner Tür riss mich aus meinen Überlegungen. Nora lugte ins Zimmer. 
„Ich wollte dich nicht stören, dir nur eben eine gute Nacht wünschen.“ 
„Ach, du störst nicht“, sagte ich. „Komm ruhig rein.“ 
Im Karton raschelte es und Mr Bilbo sprang heraus, machte einen verschlafenen Buckel, streckte sich und zuckelte aus dem Zimmer.
„Ach, da bist du ja. Mr Bilbo ist meistens nachtaktiv, also wundere dich nicht, wenn er nachts draußen vor deinem Fenster sitzt.“ 
Nora sah sich im Zimmer um.  
„Wow. Du hast es dir ja schon richtig gemütlich gemacht. Oh, ein Ville Vallo Plakat hast du auch aufgehängt. Geschmack hast du. Da habe ich wirklich die richtige Mitbewohnerin ausgesucht“, lachte Nora.
„Ja, das hoffe ich doch.“
„Also, ich wollte nur sagen, wenn du was trinken oder essen willst, bitte bediene dich nur. Es ist alles im Kühlschrank. Schlaf gut.“ 
„Danke. Dir auch eine gute Nacht.“
Da drehte Nora sich nochmal in der Tür um.
„Und du weißt ja, was man in der ersten Nacht träumt, geht in Erfüllung.“ 
Sie zwinkerte mir zu und dann schloss sie die Tür. 

Ich hatte das Fenster auf kipp gestellt und lauschte im Dunkeln auf die Geräusche aus dem nächtlichen Garten. Es regnete nach wie vor. Gelegentlich raschelten die Blätter in den Bäumen, ab und an hörte ich ein vorbeifahrendes Auto und von Zeit zu Zeit konnte ich Fetzen eines klassischen Klavierstücks hören, die der Wind zum Fenster herein trug. Ich starrte an die Decke. Das Bett war sehr bequem, aber trotzdem konnte ich nicht einschlafen. Eigentlich schlief ich seit dem Vorfall nicht mehr und wenn, dann war es eher mit einem kurzzeitigen Dämmerzustand vergleichbar. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass sich dies auch hier nicht ändern würde. Meine naive Hoffnung, es würde sich alles wandeln, sobald ich Newcastle verlassen hatte, wurden im Keim erstickt. Wie konnte ich auch nur geglaubt haben, dass sich Erinnerungen durch einen Ortswechsel auslöschen ließen? Verrückt. Fast bedauerte ich es, dass ich meine Koffer schon ausgepackt und alles eingeräumt hatte, denn jetzt hätte ich so eine Aufgabe gut gebrauchen können, um die abermals aufkommenden Bilder auszublenden. Es hätte mich froh gemacht, wenn es ein Spielfilm gewesen wäre, der sich in einer Endlosschleife wieder und immer wieder vor meinem geistigen Auge abspielte. Bei einem Spielfilm hätte ich auf die Stop–Taste drücken können. Doch dies war kein Film. Es war mein reales Leben. Und davor gab es kein Entrinnen, egal wie weit ich von Newcastle weggehen würde. Und das machte mir Angst. Ich legte eine Hand auf meine Brust und spürte, dass sich mein Herzschlag beschleunigte. Niemand hatte damit gerechnet. Innerhalb von wenigen Minuten zerfiel diese scheinbar heile Welt in Millionen Splitter. Ich fühlte mich seitdem wie in einem Albtraum der übelsten Sorte gefangen, der mich nicht mehr schlafen ließ. Dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass es endlich aufhörte. Doch dem war nicht so.   

Vor der College-Abschlussfeier verschwendeten wir keine Gedanken an ein Morgen. Unsere Welt erschien uns völlig sicher und unzerstörbar. Wir lebten von Party zu Party, von Wochenende zu Wochenende, so, wie wahrscheinlich die meisten Englischen College–Absolventen in ihrem letzten Schuljahr. Unsere Zukunft erschien wunderbar, die Möglichkeiten unbegrenzt. Wir feierten unseren Abschluss traditionell in der Aula der Schule. Um Mitternacht versammelten sich Schüler, Eltern, Gäste und Lehrer auf dem Pausenhof vor dem Schuleingang, um das Feuerwerk, das extra anlässlich der Feierlichkeiten stattfand, zu bewundern. Meine Geschichtslehrerin bemerkte sie als Erste. Mrs Thompson stieß einen grellen Schrei aus. Ich drehte mich zu ihr um und mein Blick folgte ihrer ausgetreckten Hand nach oben. Zum Schuldach. Doch es ging alles viel zu schnell. Auf dem Flachdach erkannte ich schemenhaft eine Gestalt, die auf den Asphalt starrte, sich vor beugte und schon im nächsten Augenblick hart auf dem Betonboden aufschlug, nur wenige Meter neben mir. Blut spritzte empor und benetzte die Körper und Kleider, der Personen, die in unmittelbarer Nähe des Aufschlags standen. Die Menge kreischte und schrie. Und ich stand einfach nur da. Wie erstarrt. Meine Umgebung, die Aufregung der Menschen, selbst das Heulen der Sirenen der Ambulanz drangen nur gedämpft in mein Bewusstsein. Eine unsichtbare Käseglocke schien sich über mich zu stülpen, die sämtliche Geräusche von mir abschirmte. Ich fröstelte und meine Glieder zitterten unkontrolliert, als mich ein Sanitäter von der Unglücksstelle fortführte. Vor dem Krankenwagen brach es über mich herein. Die Käseglocke war plötzlich weg. Meine Beine sackten weg. Ich hörte Stimmen um mich herum, die immer wieder den einen Namen sagten, der wie ein Wurm immer tiefer in mein Ohr kroch.                                                  
Amber.


© Emily Kay




Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen