Dienstag, 12. Juni 2012

[Die Story hinter dem Buch] Ruebenstrunk, Gerd - Der letzte Zauberlehrling


heute:


"Der letzte Zauberlehrling" von Gerd Ruebenstrunk



Der letzte Zauberlehrling – ein paar Erinnerungen an die Entstehung des Buches

Wie viele meiner Bücher fing auch "Der letzte Zauberlehrling" mit dem Titel an.

Das kling vielleicht komisch, ist aber so: Sowohl beim "Wörterbuch des Viktor Vau" als auch bei den "Rebellen der Ewigkeit" waren die ersten Worte, die auf dem weißen Blatt standen, die Buchtitel.

In diesem Fall allerdings nur "Der Zauberlehrling". (Das "letzte" ist dann später dazugekommen.)

Anstatt an Goethe zu denken, habe ich mich dann gefragt, wie es wohl wäre, wenn es nur noch einen einzigen Zauberer auf der Welt geben würde. Und wie es wohl dazu gekommen sein mochte.

So entstand dann langsam ein erster Grundriss des Romans. Der Ausgangspunkt: Alle Zauberer des Landes haben ihre Zaubersprüche an einen Industriellen verkauft.

Das stellte mich dann vor ein weiteres Problem: Wie kann man Zaubersprüche überhaupt verkaufen? Also habe ich mir eine Theorie ausgedacht, der zufolge das Zaubern eine Wissenschaft ist. Die Herleitung war zwar etwas kompliziert, aber zum Schluss ergaben sich aus dieser Grundannahme sogar einige nette Nebeneffekte, die in das Buch eingeflossen sind.

Nachdem die Ausgangslage skizziert war, habe ich mich mit dem Ambiente beschäftigt. Da ich ein großer Freund von Steampunk bin, aber weiß, dass Steampunkromane hier in Deutschland nicht so gut laufen (und von den Verlagen deshalb auch nicht ganz so gern gesehen werden), habe ich mich für einen Kompromiss entschieden und die Geschichte in einem Paris vor etwa hundert Jahren angesiedelt, das aber nicht dem tatsächlichen Paris jener Zeit entspricht, sondern zu einem großen Teil erfunden ist.

Der Kanal, der mich zum Treffpunkt von
Humbert und seinen Freunden inspirierte
Warum Paris? Weil ich die Stadt liebe, obwohl ich kaum Französisch spreche und nur dreimal in meinem Leben dort gewesen bin. Aber es gibt bestimmte Orte in meinem Leben, die habe ich vielleicht nur einmal kurz erlebt, und trotzdem hatte ich sofort das Gefühl, dort irgendwie zu Hause zu sein. So ist das auch mit Paris. Die Hauptstadt der Union in meinem Roman "Das Wörterbuch des Viktor Vau" ist bereits in Anlehnung an dieses imaginäre Paris entstanden, und jetzt der Handlungsort des "Zauberlehrling".

Als Inspiration habe ich auf einen Fotoband von Eugène Atget zurückgegriffen, der die Stadt und ihre Viertel vor rund hundert Jahren fotografierte. Die Impressionen dieser Fotos habe ich dann mit erfundenen Elementen ergänzt.

Den zweiten Handlungsort, Biarritz, habe ich mit Google Street View erkundet und ein wenig abgewandelt. Auch das Haus auf der Klippe, das gegen Ende des Buches eine Rolle spielt, habe ich auf diese Weise gefunden. Ich wäre zwar lieber nach Biarritz gereist, um dort vor Ort zu recherchieren, aber dafür hat leider die Zeit nicht gereicht.

Die Geschichte besitzt eine gewisse Komplexität, und während des Schreibens nach einem vorher abgestimmten Kapitelplan habe ich dann gemerkt, dass sie so, wie ich sie mit meiner Lektorin besprochen hatte, irgendwie nicht funktionierte. Da steckte ich aber schon mittendrin. Also habe ich versucht, die Sache im Nachhinein zu korrigieren, was dann dazu führte, dass alles noch komplizierter wurde, mit Rückblenden und Geschichten in Geschichten, um den Bogen wieder zu kriegen. Irgendwie klappte es auch, aber dann hat meine Lektorin nach der Abgabe der ersten Fassung sofort den Finger in die Wunde gelegt.

Der Autor bei der Recherche
im Pariser Nachtleben
Das gefiel mir erst einmal gar nicht. Immerhin hatte ich im Schweiße meines Angesichts (und das ist durchaus wörtlich zu nehmen) doch alle Fäden logisch aufgebaut und am Ende zusammengeführt, und gerade auf die während des Schreibens erfolgten Einschübe, um die Logik wiederherzustellen, war ich besonders stolz, denn das war wirklich eine Heidenarbeit. Und jetzt sollte ich das alles neu schreiben?

Man muss dazu wissen, dass ich nicht nur Bücher schreibe, sondern auch PR- und Werbetexte für Unternehmen und Agenturen. Das heißt, ich teile mir mein Arbeitsjahr im Voraus sehr genau ein: wie viel Zeit für Bücher, wie viel Zeit für Werbung und PR. Und ein so umfangreiches Rewrite brachte meinen Jahresplan völlig durcheinander. Auch deshalb war ich nicht besonders glücklich darüber.

Ich hab's dann, nach einer längeren Diskussion mit meiner Lektorin, gemacht. Und das war auch gut so. Es bedeutete zwar noch einmal einen Monat intensiver Arbeit am Manuskript, aber es hat sich gelohnt.

Damit sich das jetzt nicht nur nach Arbeit anhört: Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, den "Zauberlehrling" zu schreiben, vor allem, weil es eine Figur gibt, die das Geschehen mit einer gehörigen Portion Sarkasmus kommentiert und so gänzlich unmoralisch ist, wie man nur sein kann. Das bringt eine zweite, etwas erwachsenere Ebene in das Buch, ohne für die jüngeren Leser den Lesespaß zu nehmen (hoffe ich zumindest).

Die Dachkonstruktion des
Grand Palais von innen
Außerdem ist, wie immer, auch diesmal beim Schreiben in der Mitte der Geschichte eine vorher ungeplante Figur aufgetaucht, die zum Schluss hin immer wichtiger wird. Damit hatte ich die Möglichkeit, das Thema "Zauberei" noch einmal aus einer anderen und humorvolleren Perspektive zu beleuchten. Das sind für mich die faszinierenden Momente beim Schreiben, wenn aus dem Nichts plötzlich eine Person erscheint, die einem auf Anhieb so vertraut vorkommt, als würde man sie schon ewig kennen. (Dasselbe ist mir übrigens vor ein paar Tagen beim Schreiben meines neuen Buches passiert.)

Tja, das sind ein paar Dinge, die mir einfallen, wenn ich an die Entstehung des "Zauberlehrling" denke. Ich könnte noch mehr erzählen, aber dann würde ich eine Menge über die Geschichte verraten müssen, und selbst lesen ist doch viel schöner, oder?

geschrieben von Gerd Ruebenstrunk


  • Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
  • Verlag: arsEdition (3. Juli 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3760786790
  • ISBN-13: 978-3760786797
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre



Ich hoffe, euch hat der Auftakt zur neuen Kategorie "Die Story hinter dem Buch" gefallen! Da mich Gerd Ruebenstrunk mit seinen bisherigen Büchern immer bestens unterhalten hat, habe ich das Buch schon auf meiner Wunschliste und freue mich auf das Erscheinen des Buches Anfang Juli. Und was haltet ihr von dem Buch?


Kommentare:

  1. Suuuuuuuuuper =). Das Buch klingt wirklich sehr interessant! Ab auf die Wunschliste. Toller Beitrag und tolle Rubrik. Dankeschön!

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  2. bei mir auch auf der ToRead-Liste... danke für den Tipp... vg, Eva

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  3. gleich mal auf der Wunschliste gelandet, war sehr interessant :)

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  4. schönes Interview, von Ruebenstrunk hab ich bisher noch nix gelesen aber "Rebellen der Ewigkeit" ist auf meiner Merkliste und das vorgestellte Buch hier hört sich richtig gut an *.*

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  5. ...bisher dachte ich eigentlich, dass Bücher quasi nur aus der Fantasie entstehen. Wenn das Schreiben zum "richtigen" Beruf wird muss man sich wohl akribisches Arbeiten und "herantasten" an ein Thema angewöhnen :)RR

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