Mittwoch, 28. November 2012

[Die Story hinter dem Buch] Seidel, Jana - Mich gibt's übrigens auch für immer



heute:


"Mich gibt's übrigens auch für immer" von Jana Seidel





Von meinen bisherigen Büchern hat dies vermutlich den größten Exotik-Faktor: Ein längerer Abschnitt spielt in Südindien. Genau dorthin ist nämlich der Vater der Protagonistin Tanja einst verschwunden, um in einer Kommune zu leben.

Als ihr Freund Hrithik ihr dann – viele Jahre später – den eigentlich lang ersehnten Heiratsantrag macht, bekommt Tanja zunächst einen Schock. Ihr ist nicht gleich klar wieso. Immerhin ist sie überzeugte Romantikerin und mag weiße Kleider. Doch nun muss sie feststellen: Vielleicht ist dies der Zeitpunkt, an dem man erst mal mit sich – und den Eltern – ins Reine kommen sollte, bevor man selbst eine Familie gründet...

Die Ideenfrage
„Woher nimmst du deine Ideen?“ Das ist wohl die Frage, die Autoren am häufigsten gestellt bekommen. Würde ich spontan und ehrlich antworten, müsste ich sagen: „Ich weiß nicht genau, irgendwie waren sie plötzlich da.“
Nicht sehr befriedigend? Na gut, dann grabe ich noch ein klein wenig tiefer und stelle fest, dass es am Anfang wohl doch zwei entscheidende Bruchstücke gab, die den entscheidenden Anstoß für „Mich gibt es übrigens auch für immer“ gegeben haben. Zum einen wäre da meine Schwäche für Bollywood-Filme, für die ich mich später noch ausgiebig rechtfertigen werde ;-)

Teil 1: Vater und Tochter
Zum anderen hatte ich eine kleine Szene im Kopf, die ich in der Vorweihnachtszeit in dem Supermarkt bei mir um die Ecke gesehen habe (Für Autoren ist es sehr hilfreich, wenn ihr Hobby „Leute beobachten“ ist): Ein kleines Mädchen stand mit ihrem Vater vor dem gemieteten Kaufhaus-Nikolaus, um ein paar Süßwaren abzustauben. Nachdem sie ihren Schoko-Weihnachtsmann hatten, sind sie wieder gegangen, ohne etwas zu kaufen. Kurz darauf habe ich die beiden noch einmal in einem anderen Supermarkt beobachtet, wo sich das Gleiche abspielte. Mittlerweile schien dem Mädchen diese Tour aber peinlich zu sein – so angestrengt, wie sie den Boden angesehen und sich an der Hand ihres Vaters gewunden hat. Der gut gelaunte Vater schien aber wild entschlossen, seinem kleinen Mädchen sämtliche Gratis-Süßigkeiten dieser Welt zu verschaffen. Ich vermute einfach mal, dass er nicht gerade ein Zahnarzt mit einer Villa in einem der Nobelviertel Hamburgs war (es sei denn er wäre ein echter Geizhals, der sich auch gleich noch mit einem schäbbigen Mantel getarnt hat und... – nun, die Geschichte spinne ich vielleicht ein anderes Mal weiter.

Und wie ich das Mädchen so ansah, stand plötzlich meine Hauptfigur Tanja vor mir. Die ist mitte 30, aber eigentlich immer noch das Mädchen, dem die Weihnachtszeit (genau genommen ein umstürzender Weihnachtsbaum) die Mutter geraubt hat, so dass ihr schräger Vater sie alleine durchbringen musste – nicht immer zu ihrem Behagen. Diesen Handlungs-Strang mag ich besonders gerne. Dies ist und bleibt eine romantische Komödie, in der es sich natürlich darum dreht, ob Mann und Frau sich am Ende kriegen – aber eben nicht nur. Durch die Vater-Tochter-Geschichte habe ich Raum für nachdenkliche und sogar melancholische Momente geschaffen, die ich in Komödien sehr mag. So ist’s wie im echten Leben: Man bekommt von allem etwas.

Teil 2: Bollywood
Sharukh Khan
and me
Nun zum zweiten Bruchstück: die Bollywood-Filme. Ja, ja, ja, ich gestehe, ich mag sie! Und einmal wollte ich in einem meiner Bücher unbedingt eine Bollywood-Tanzszene unterbringen.  Die habe ich mir nun gegönnt. Vielleicht mag ich mein Genre („Chick Lit“, obwohl ich „romantische Komödie“ irgendwie lieber mag) genau deswegen: Jede Verrücktheit ist möglich, wenn sie nur innerhalb der Geschichte schlüssig ist. Abgesehen davon spielt Bollywood im fertigen Buch aber kaum noch eine Rolle. Geblieben ist sind die indischen Wurzeln von Tanjas Freund und die Tanzszene gegen Ende des Buches.  Ich vermute, dass es vielen Autoren so geht: Sie marschieren mit einer fixen Idee los, die sie hinter sich lassen, wenn sich etwas Besseres ergibt. Doch ist sie absolut notwendig, um erst mal zu starten. Die Todesangst vor dem weißen Stück Papier ist nämlich absolut keine Erfindung – hat man aber einen guten Plan, ist alles gleich viel weniger schlimm.


Ende

P. S. Nur für die, die ernsthaft noch mehr wollen: Das Bollywood-Extra für Hasser und Liebhaber des Bombay-Kinos (oder überhaupt des Kinos) mit entsetzlich vielen Film-Verweisen

Wer die beiden Vorgänger-Bücher gelesen hat, der hat sicher schon eine vage Vermutung: Die Autorin ist eine echte Film-Fanatikerin. Wenn es ums Kino geht, bin ich relativ wahllos und auf kein Genre festgelegt. Auch funktioniert zumindest in diesem Bereich mein Gedächtnis phänomenal. Ich speichere einfach jede Information ab, selbst die Regisseure, Darsteller und Produktionsjahre von Filmen, die ich nie gesehen habe. Ich kann nicht anders. Selbst meine Abschlussarbeit an der Uni drehte sich um Filme (die von Pedro Almodóvar), obwohl ich eigentlich Literaturwissenschaft studiert habe.

Tendenziell stelle ich aber eine gewisse Vorliebe für britische Filme, die oft die perfekte Mischung aus Witz, Melancholie, Absurdität und Menschlichkeit mitbringen, die ich liebe. So bin ich auch zum Bollywood-Film gekommen. Ich wollte unbedingt die indische Verfilmung (mit Tanz, Gesang und allem drum und dran) von Jane Austens Stolz und Vorurteil sehen. Statt „Pride and Prejudice“ hieß die „Bride and Prejudice“ und war wirklich.... nun ja... amüsant (übrigens nicht die einzige in Indien angesiedelte Verarbeitung des Stoffs, offenbar haben die ehemaligen Kolonial-Herren ihre Spuren hinterlassen: Es gibt noch „Lebe lieber indisch“, da die Regisseurin dieser Variante aber seit Ewigkeiten in Großbritannien beheimatet ist, fehlt irgendwie der Extra-Schuss-Exotik, so dass man sich lieber gleich eine englische Verfilmung anguckt).

Auf jeden Fall wollte ich danach mehr Bollywood. Es ist bisweilen wunderbar, sich den Kopf nicht über all die Grautöne zu zerbrechen, sondern einfach nur Schwarz und Weiß – bzw. in diesem Fall Knallbunt – geliefert zu bekommen. Die Bösen sind echt böse, die Guten sind niederschmetternd gut – und am Ende gibt es meist ein Happy-End, selbst wenn dafür mal ein paar Wiedergeburten notwendig sind, denn, so Sharukh Khan in dem Film  „Om Shanti Om“: „Wenn der Film kein gutes Ende hat, dann ist es noch nicht das Ende.“ (Wird übrigens zitiert von Dev Patel aus „Slumdog Millionaire“ in der grandiosen britischen Komödie „Best Exotic Marigold Hotel“).

Natürlich hat all die knallbunte Glückseligkeit einen klitzekleinen Haken: Vielleicht erinnern mich die Filme  nicht ohne Grund an die unschuldigen Musicals der ganz frühen Hollywood-Ära. Bollywood, die derzeit produktivste Filmwirtschaft der Welt, weist  offenbar hinter den Kulissen die gleichen kriminellen Verflechtungen mit der Unterwelt auf, wie das ganz alte, nicht immer so unschuldige Hollywood-Kino. Da entpuppt sich im echten Leben schon mal ein Filmproduzent als Waffenhändler (zum Beispiel:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9279731.html). Hmmm...

Zum Abschluss noch einen Tipp für all diejenigen, die diese Filme aus sicher überzeugenden Gründen hassen: die großartige Satire „Bollywood“ von Shashi Taroor. Dieser wunderbare Schriftsteller war viele Jahre der Generalsekretär Kofi Annans. Und so böse und witzig wie in „Bollywood“ kann  vielleicht nur ein gebürtiger Inder über das indische Kino urteilen (wie übrigens die besten USA-Satiren ja auch von US-Amerikanern stammen, mein derzeitiger Favorit an dieser Front ist  der Film „Moonrise Kingdom“). Eine wirklich leidenschaftliche Hassliebe bringt man nur der eigenen Heimat hingegen.


geschrieben von Jana Seidel




  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (19. November 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442478154
  • ISBN-13: 978-3442478156



Ich hoffe, euch hat der Blick hinter die (Bollywood-) Kulisse gefallen? :)


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