Freitag, 22. Februar 2013

[Themenwoche] Andreas Winkelmann und sein "Höllental" - Tag 5





heute:



Winkelmann, Andreas - Höllental
 





Die reale Geschichte hinter „Höllental“.   

Ich bin leidenschaftlicher Bergsteiger, und das schon seit vielen Jahren. Einige Viertausender in der Schweiz habe ich bereits bestiegen, eine Vielzahl von Klettertouren in den Dolomiten absolviert, zweimal bin ich allein zu Fuß über die Alpen gewandert. Bei solchen Touren lernt man interessante Menschen kennen und erlebt die unterschiedlichsten Geschichten. Manche lustig, manche ernst, ein paar wenige geradezu haarsträubend. Dem Buch „Höllental“ liegt eine solche haarsträubende Geschichte zu Grunde.

Es war im Sommer 2008. Ich war allein an den Alpenrand aufgebrochen und wollte an dem Tag über die Via Ferrata auf die Alpspitze steigen und durch das Höllental wieder hinab. Das Höllental ist eine tief eingeschnittene Klamm, durch die tosende Wasser ins Tal rauschen. Ein beeindruckender, archaischer Ort. Der Einstieg befindet sich in Grainau, ich kann jedem raten, die Tour bis zur Höllentalangerhütte einmal zu gehen. Ein unvergessliches Erlebnis!
Über die Alpspitze ist es bei gutem Wetter eine lange, aber grandiose Tour mit tollem Ausblick. Leider goss es an dem Tag wie aus Eimern. Von schlechtem Wetter lasse ich mich aber nicht aufhalten, also zog ich wasserdichte Kleidung an und brach auf.

Die Berge waren in dicke Wolken gehüllt. Das ist immer wieder eine ganz besondere Erfahrung. Man sieht nichts, hört nichts, kommt sich vor wie der einzige Mensch in einer fremdartigen Welt. Ängste befallen einen, man möchte umkehren, zwingt sich aber doch zum Weitergehen. Auf der Alpspitze oberhalb von Garmisch war ich vollkommen allein, und das ist auf diesem tollen Aussichtsgipfel schon eine Seltenheit. Wegen der Kälte und der fehlenden Sicht blieb ich nur wenige Minuten dort.

Der Abstieg ist ein wenig kniffelig, vor allem, wenn überall Wasser hinab läuft. Und es lief an dem Tag nicht, es rauschte. Die Felsen, die Griffe, die Stahlseilversicherungen, alles war rutschig und glatt. Jeder Handgriff, jeder Fußtritt muss unter solchen Bedingungen sitzen. Fehler enden sonst tödlich.

Ich war seit fünf Stunden allein unterwegs und spürte, wie meine Kraft langsam nachließ. Der Regen dagegen nahm noch zu. Während ich mich an einer steilen Kante entlang hangelte, hörte ich ein Geräusch. Stimmen. Ich konnte kaum glauben, dass sich um diese Zeit noch jemand im Aufstieg befand. Ich näherte mich den Stimmen, fand bald heraus, dass es mehrere Personen sein mussten, und dass sie stritten. Sehen konnte ich die Gruppe aber erst, als ich unmittelbar vor ihnen stand.

Vier Jungs und ein Mädchen, alle Anfang Zwanzig. Bis eben hatten sie darüber gestritten, ob sie die Tour nicht besser abbrechen sollten. Ich sah sofort, warum. Das Mädchen war vollkommen fertig. Sie hockte zitternd am Boden. Einer der Jungs fragte mich, wie weit es noch bis zum Gipfel sei. Ich riet ihm, besser umzukehren. Es sei schon zu spät, sagte ich, und sie seien zu langsam. Aber das wollte er nicht hören. Bei ihm schien es sich um den Wortführer der Gruppe zu handeln. Ich wollte es kaum glauben, als er mich fragte, ob ich seine Freundin mit hinunter nehmen könne. Das Mädchen würde es auf keinen Fall auf den Berg schaffen, aber die Jungs wollten weiter, und sie waren egoistisch genug, ihre Freundin mit einem völlig Fremden gehen zu lassen.

Das Mädchen wirkte verstört, war aber auch empört über das Verhalten der Gruppe. Ohne sich von ihnen zu verabschieden ging sie mit mir.

Wir hatten einen vierstündigen Abstieg vor uns. Ich half ihr, so gut es ging. Anfangs war sie ängstlich und zurückhaltend, aber das war unter den Umständen auch verständlich. Wir unterhielten uns, ich konnte sie ein wenig beruhigen, und sie gestand mir, dass sie richtig sauer war auf ihren Freund.

Ich dachte im Stillen bei mir, was hätte passieren können, wenn diese egoistischen Jungs ihre Freundin nicht mir, sondern einem Psychopathen anvertraut hätten. Einem richtig bösen Typen. In dieser abgeschiedenen Bergwelt hätte er dem Mädchen alles antun können und wäre ungeschoren davon gekommen. Die Jungs hätten mich nicht einmal beschreiben können, da ich in Regenkleidung gekleidet war und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Sie kannten weder meinen Namen, noch hatten sie für den Fall der Fälle nach einer Handynummer gefragt. Sie hatten einfach darauf vertraut, dass in den Bergen nur nette Menschen unterwegs sind. Wie dumm und naiv. Warum sollten die Bösen nicht auch gern in die Berge gehen? Noch während wir ins Höllental hinab stiegen, grübelte ich darüber nach und fand, dass sei eine gute und spannende Ausgangslage für eine Geschichte.

Ich begleitete das Mädchen bis ins Tal hinab. Dort verabschiedeten wir uns voneinander. Ich bin mir sicher, ihr Freund wird sich später einiges angehört haben müssen, aber das hatte er auch verdient.

Später, zurück in der Heimat, legte ich die Idee erst einmal in eine Schublade, da ich gerade mit einem anderen Buch beschäftigt war. Aber sie ließ mich nicht los. Die Geschichte wollte erzählt werden. Anfangs erwies sie sich als sperrig, aber ich bekam sie in den Griff. „Höllental“ ist vielleicht kein typischer Thriller, sondern eher eine Geschichte über Freundschaft, Verrat und falsch verstandener Liebe. Vor allem aber eine Geschichte darüber, was passieren kann, wenn man zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort der falschen Person begegnet.

Wenn man dem Teufel in Menschengestalt im Höllental begegnet.

geschrieben von Andreas Winkelmann


  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (18. Februar 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442475619
  • ISBN-13: 978-3442475612




Ich hoffe, ihr hattet Spaß bei dem Blick hinter die Kulissen?!



PS: Denkt an das Gewinnspiel zu "Höllental" und die bunten Buchstaben 
(siehe Ankündigung der Themenwoche).


Kommentare:

  1. Oha, das ist echt eine unglaubliche Geschichte. Wie kann nur so naiv und dumm sein und jemanden so einer Gefahr aussetzen? Sehr interessant, aber irgendwie auch traurig...
    Danke für diesen echt tollen Einblick!

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  2. Das ist wirklich eine spannende und zugleich sehr traurige Geschichte hinter dem Buch. Die Gedanken des Herrn Winkelmann kann man gut nachvollziehen. Ich kann auch nicht glauben, dass man so egoistisch sein kann, wie die Jungs, aber so ist das leider in unserer Welt manchmal. Wie gut, dass am Ende für das Mädchen glückklicherweise alles gut gegangen ist. Vielen Dank für die tollen Hintergrundinformationen.

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  3. Ich war wirklich neugierig auf die Hintergrundgeschichte. Da sieht man mal wieder wie gleichgültig die Menschen heutzutage sind,erstmal ich und dann irgendwann mal wer anderst. Gott sei Dank sind die jungen Leute Ihnen und nicht einem Triebtäter begegnet. Lese grad Höllental deshalb Ciao ich gehe lesen :D

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  4. Wirklich sehr spannend, immer interessant zu erfahren wie Autoren auf ihre Ideen kommen. Und wenn man selbst ebenfalls zumindest ein wenig am Schreiben interessiert ist, eine kleine Inspiration :)

    Danke!

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