Dienstag, 19. März 2013

[Die Story hinter dem Buch] Liemann, Jörg - Blutige Spuren



heute:



Liemann, Jörg - Blutige Spuren
 



1
Das Ungewöhnlichste an "Blutige Spuren" ist wohl, dass der Protagonist nicht nur Kommissar ist, sondern auch Telefonseelsorger.
Ich wollte mit dem Klischee brechen, Kripo-Beamte hätten keine Hobbys – hier das des Seelsorgers am Telefon. Warum soll ein Polizist nicht in seiner Freizeit ehrenamtlich arbeiten? Aber genau genommen wollte ich zunächst gar keinen Krimi schreiben.
Es ist etliche Jahre her, da hatte ich selbst Nachtdienste bei der Berliner Telefonseelsorge. Das ist ein nicht-kirchlicher Verein. Als notorischer Schreiber habe ich mich dann gefragt, auf welche Weise ich meine Erfahrungen umwandeln und zu Papier bringen kann. Umwandeln: Weil aus biografischen Erlebnissen niemals 1:1 etwas Literarisches wird. Und weil ich natürlich die Anonymität der Telefonseelsorge nicht brechen durfte und wollte. Aber über viele Jahre fand ich keine Lösung, keine geeignete Form. Das nagte an mir.
Irgendwann lag ich zwei Wochen mit üblen Schmerzen danieder, und weil ich mich nicht mit Tabletten vollpumpen wollte, lenkte ich mich mit Kampflesen ab. Ich las die ganze Wallander-Reihe von Henning Mankell in einem Zug. Und dabei ging mir plötzlich das Licht auf: der Kriminalroman als Format hat viele Vorzüge. An Mankell konnte ich sehen, was mir gefiel und was nicht. Ich schrieb eine Liste der Krimis, die ich schon gelesen und gesehen hatte und kam auf eine beachtliche Zahl.
Die Serie um meinen Hauptkommissar Kai Sternenberg fällt in das Genre des Berlin-Krimis. Hinzu kommt aber die spezielle Perspektive: Wir erleben nicht nur die eine Schattenwelt der Großstadt-Kriminalität, sondern noch eine andere, meist ebenfalls dunkle Seite Berlins, nämlich die der Einsamkeit, der Anonymität, des Nicht-Mehr-Weiter-Wissens eines Menschen. Das ist zum einen ein persönliches, individuelles Schicksal, zum anderen aber eine Kehrseite dieser Stadt, die da offenbar wird. Ich glaube, statistisch gesehen haben inzwischen jeder Berliner und jede Berlinerin schon mal die Notrufnummer gewählt. Das ist also kein Einzelfall-Phänomen. Und es zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und Berufe. Das Telefon ist hier ein Echolot, und die Sternenberg-Romane erlauben uns, ab und zu ein wenig mitzuhören.
Ich kenne keinen anderen Autor, der Romane über Telefonseelsorge aus eigener Erfahrung schreibt. Neben dieser Nähe ist aber auch Distanz wichtig: Für mich war es gut, viele Jahre vergehen zu lassen zwischen meinen Telefondiensten und dem Schreiben.

2
"Blutige Spuren" ist der zweite Fall des Kommissars Kai Sternenberg. Der erste Band ist "Flammenopfer", erschienen 2011 im Goldmann-Verlag. Die Romane stehen jeweils für sich, aber natürlich entwickeln sich die Charaktere von Buch zu Buch. Deshalb würde ich immer empfehlen, beim Lesen die Reihenfolge einzuhalten. Inzwischen gibt es Manuskripte für die Fälle drei bis sechs, und ich bin selbst neugierig, was aus Sternenberg und seinem bunt gemischten Team darüber hinaus noch wird. Die Grundidee für Fall 7 steht jedenfalls.
Zunächst hatte ich nicht vorgehabt, das erste Buch zu veröffentlichen. Ich wollte einfach keine Kompromisse beim Schreiben eingehen und auch keine Energie für das Texte-Werben vergeuden. Ich bin glücklich, wenn ich schreiben kann. Und wenn auch nur eine einzige Leserin begeistert ist. Alles andere ist zweitrangig.
Eine gute Freundin empfahl mir dennoch, das Manuskript beim Roman-Wettbewerb der Zeitschrift "Brigitte" einzureichen. 2033 Leute nahmen teil. Zwar gewann ich nicht, aber die Redaktion schickte mir einen netten Brief, in dem sie mir mitteilte, ich sei in die engere Wahl gekommen, in die TopTen, und solle es unbedingt weiter versuchen. Das motivierte mich, mit der Kai-Sternenberg-Reihe fortzufahren. Ich bin dann noch zweimal im "Brigitte"-Romanwettbewerb, den es heute leider nicht mehr gibt, mit Sternenberg-Krimis unter die ersten zehn gekommen. Das war der Auslöser, mir eine Literaturagentur zu suchen.
Die renommierte Agentur von Gudrun Hebel und Susan Bindermann war bereit, mich und Kai Sternenberg zu vertreten, Susan Bindermann wurde meine Agentin. Für mich war das ein faszinierendes erstes Treffen mit Susan, denn da war eine mir bis dahin fremde Frau, die über meine Romanfiguren sprach, als seien sie real.
Mehrere Verlage waren interessiert, Goldmann preschte vor. Barbara Heinzius, die damalige Lektorin, war ein bekennender Sternenberg-Fan. Wir haben dann das erste Manuskript kaum verändert, auch nicht in der sehr anregenden Redaktionsarbeit mit Martina Czekalla. Allerdings wollte der Verlag einen anderen Titel. Aus meinem 'Palma Nova' wurde "Flammenopfer". Das ist etwas reißerisch, aber ich verstehe, dass der Buchmarkt bestimmten Regeln unterliegt. Der zweite Fall hieß bei mir noch 'Hohe Wacht', jetzt ist er als "Blutige Spuren" zu kaufen.

3
Über die Personenkonstellation möchte ich nicht zu viel verraten. Zwei Aspekte sollen genügen:
Kai Sternenberg als Teamleiter steht im Mittelpunkt, das ist klar. Er hat eine Reihe menschlicher Schwächen, zum Beispiel rastet er schon mal ein wenig aus, wenn ihm etwas sehr wichtig ist – keine gute Voraussetzung, weder für einen Kriminalisten noch für einen Seelsorger. Andererseits muss er ein zumindest so vernünftiger und kompetenter Mensch sein, dass wir ihm sowohl seine Polizei-, als auch seine Telefonarbeit abnehmen. So ein Vernunftmensch könnte langweilig werden, deshalb ist er umrahmt von einem kontrastreichen Team. Mir schwebte mal eine Story vor, in der zwei extrem unterschiedliche Ermittler kooperieren: ein alter, leiser, weiser Beamter und ein junger Draufgänger, der sich an keine Regel hält. Diese beiden Charaktere lassen sich teilweise in Wolfgang Lichtenberg, dem ständig rauchenden Brummelkopf und in Tarek wiederfinden, einem etwas aggressiven, anfangs noch unsicheren Kommissar. Diese beiden sind so unterschiedlich wie das "to be" und das "not to be" bei Shakespeare. Aber es muss einen Dritten geben, der zwar nicht so schillernd ist wie diese beiden. Er ist derjenige, der entscheiden muss und sich die Frage zu stellen hat: to be or not to be... (dazu inspiriert wurde ich übrigens von der Konstellation Spock und McCoy, Kirk ist der Entscheider in der Mitte.)
Ein nicht unwichtiger Aspekt ist die Rolle der Frauen. Einerseits habe ich von drei Männern gesprochen. Andererseits habe ich die "Brigitte" erwähnt und die Partnerinnen in der Literaturagentur und im Verlag. Ich weiß nicht, inwieweit das Zufall ist. Ich kann nur sagen, dass die Sternenberg-Reihe nicht speziell für Frauen geschrieben ist, aber meist denke ich beim Verfassen doch an Leserinnen. Und nun blicken wir mal auf die weiteren Charaktere. Da mag es drei wichtige Männer geben, aber: Sternenberg hat eine Chefin, die es ihm nicht immer leicht macht. Er hat nahezu erwachsene Zwillingstöchter, für die ähnliches gilt. Im Team gibt es Petra und Isabel, zwei kompetente Kommissarinnen. Später kommen weitere hinzu. Also, wer hier wirklich die Entscheidungen trifft, darüber ließe sich diskutieren... Isabel ist mir dabei so wichtig, dass "Blutige Spuren" unbedingt mit ihr beginnen sollte. Eigentlich erwartet man ja bei einer Fortsetzung, dass der Protagonist als erstes aus dem bekannten Team wieder erscheint. Das erste Wort im ersten Kapitel ist "Isabel". Und das ist kein Zufall.

4
Ich hasse es, wenn mir jemand die Handlung eines Buches oder eines Filmes erzählt. Am liebsten weiß ich nichts von dem, was auf mich zu kommt. Wem es ähnlich geht, überspringe diesen Abschnitt bitte. Ich werde mich aber eh auf Andeutungen beschränken.
In "Flammenopfer" brennt es an verschiedenen Orten in Berlin, vor allem in den In-Vierteln Prenzlauer Berg und Mitte. Als ich das schrieb, gab es noch nicht die ständig brennenden Autos in Berlin. Diese Anschläge geben der Story auf gemeine Weise Aktualität. Ich hatte mich damals bei der Feuerwehr über eine Serie von Brandstiftungen in Berliner Kellern informiert. In "Flammenopfer" misstraut die Polizeiführung einem ihrer ermittelnden Beamten und setzt Sternenbergs Team auf ihn an.
In "Blutige Spuren" geht es unter anderem um Morde an Spaziergängern im Grunewald. Sie werden scheinbar grundlos erstochen. Es sieht nach einem Amokläufer aus. Ein Begriff, der für mich beim Konzipieren und Schreiben des Romans im Mittelpunkt stand, war 'Identität'. Wer möchte, kann dieses Thema mehrfach in der Geschichte angeschnitten finden. Aber keine Sorge, es ist keine intellektuelle Sache, die man wirklich so lesen muss. Es ist mir nur bei aller Spannung und Charakterzeichnung wichtig, dass man bei einem solchen Kriminalroman auch etwas tiefer graben kann, wenn man das möchte – sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Viele Bücher kranken für mich daran, dass die Autoren ihre Leserschaft anscheinend oder tatsächlich für denkfaul oder genügsam halten.

5
Ich komme noch einmal kurz auf die Telefonseelsorge zu sprechen. Es gibt hier Einblicke, wie Menschen sich am Telefon verhalten könnten. Mir war aber wichtig, dass das nie ein Übergewicht in der Geschichte bekommt und dass es nicht aufdringlich nach einem Psychologie-Seminar klingt. Ein wichtiges Spannungs-Prinzip ist, beim Lesen nicht wissen zu können, ob Kai Sternenberg hier gerade nur ein "normales" Krisengespräch führt, oder ob es etwas mit dem Fall zu tun haben könnte. Vielleicht inspiriert ihn ein Anruf bei der Fall-Lösung, vielleicht verschmelzen aber diese beiden Welten auch einmal auf unheimliche Weise.
"Flammenopfer", also der erste Fall, beginnt mit einem etwas wirren Dialog, einem Anruf bei der Telefonseelsorge. Dieses kurze erste Kapitel enthält keinerlei Erzählstimme, kein "sagte er" oder ähnliches. Ich wollte, dass jemand, der das Buch aufklappt, sofort hineingezogen wird in die Telefonseelsorge, in das Leben von Kai Sternenberg und in die verschrobene Psychowelt.

6
Seltsam ist ein Phänomen, das Kai Sternenberg betrifft: Ich sehe ihn nicht scharf gezeichnet vor mir. Und das, obwohl ich eigentlich stark visuell vorgehe, schon weil die meisten von uns neben Büchern auch von Filmen und vom Fernsehen geprägt sind. Ich habe also jeden Ort und jede Situation genau vor dem geistigen Auge. Aber ausgerechnet bei Sternenberg – und anderen wichtigen Charakteren wie etwa Isabel – sehe ich unscharf.
Das ist beabsichtigt. Ich habe mich von Anfang an geweigert, die wichtigen Figuren hinsichtlich ihres Aussehens genau festzulegen. Auf diese Weise möchte ich den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, ihre eigenen Bilder, die sie sich von einer Figur machen wollen, freier zu entwickeln. Ich weiß, dass Sternenberg sportlich ist, ich weiß, wie er spricht und denkt und vermittle das auch. Aber von seiner Haar- oder Augenfarbe habe ich keinen Schimmer.
Beim Lesen dürfte das nicht weiter auffallen. Für mich wurde es aber fast zu einem Alptraum, wenn ich mir vorstellte, die Sternenberg-Serie würde verfilmt werden und man würde mich fragen, welcher Schauspieler den Sternenberg geben soll. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen und kam lange Zeit zu keinem Ergebnis. So ist das ja oft: Eine Verfilmung schränkt unsere Phantasie ein, weil sie Bilder ausschmückt.
Inzwischen habe ich eine Idee, aber ich weiß nicht, ob eine Produktionsfirma da mitspielen würde. Ich denke an zwei unterschiedliche Schauspieler, die ich mag und ihrer enormen Professionalität wegen schätze: Ulrich Tukur. Olli Dittrich. Ein Ulrich Tukur müsste gegen seine sonstigen Rollen einen sehr einfühlsamen Menschen spielen. Olli Dittrich müsste sein Witzlevel herunterfahren. Aber beiden würde ich zutrauen, einen Mann zu verkörpern, der so unterschiedliche Tätigkeitsfelder wie Polizei und Telefonseelsorge miteinander in Einklang zu bringen versucht – und dabei auch schon mal scheitert.

7
Die Film-Frage stellte sich schneller als erwartet. Noch nicht in Form einer Verfilmung, aber es galt, für "Blutige Spuren" einen Buchtrailer zu produzieren. Ich finde, das ist eine der angenehmsten Formen, für ein Buch zu werben. Es strapaziert auch nicht die Geduld der Leute, die das anklicken – ein bis drei Minuten in der Regel. Zunächst bot man mir an, dass andere für mich so einen Trailer produzieren. Aber ich wollte die Art der Präsentation gern selbst beeinflussen.
Ich bat meinen guten und auf diesem Gebiet auch beruflich tätigen Freund Jörg Breitenfeld um Hilfe. Vor Urzeiten, als wir noch mit Zelluloid arbeiteten, hatte er im Rahmen seiner Ausbildung einen lustigen Film über "60 Jahre Esskultur" gemacht. Ich filmte damals eine der Episoden, und Jörg zog mich als Cutter hinzu. Nun, viele Jahre später, übernahm er den Schnitt des Buchtrailers. Zunächst aber standen wir vor der Frage: Welche Bilder wählen wir, um das Buch zu veranschaulichen? Das Filmchen soll ja informieren, zugleich aber nichts verraten.
Sobald wir das Grobkonzept hatten, schrieb ich die Musik. Zum einen wollte ich verhindern, dass Copyright-Probleme entstehen, zum anderen ist Musik die emotionale Brücke – und im Idealfall sogar eine weitere Brücke zwischen Leser und Autor. Ich muss dazu sagen, dass die Sternenberg-Reihe musikalisch ist. Damit meine ich: Ich habe mir regelrecht einen Soundtrack zu jedem Band gebastelt aus vorhandenen Stücken. Zum Beispiel ist Kai Sternenberg großer Janis-Joplin-Fan. Die Vorstellung, Sternenberg mit Musik zu verbinden, war mir also nicht neu. Es galt nun allerdings, das Element des Unheimlichen hineinzubringen. Es ist Absicht, dass die Streicher und in der Mitte das kurze Klaviersolo etwas süßlich sind, im zweiten Teil wandelt sich die Melodie von Dur auf Moll, und die Taktschläge, die anfangs wie eine Schreibmaschine klingen, werden aggressiver. Soweit ich mich erinnere, war das meine erste Komposition, und ich staunte, zu welchen Tätigkeiten man kommt, wenn man sich entscheidet, ein Buch zu veröffentlichen.
Jörg Breitenfeld lachte, als ihm auffiel, dass wir tatsächlich mit drei Kameras arbeiteten. Die Filmsequenzen sind nur kurz, vieles basiert auf – für sich genommen – harmlosen Fotos, die ich zum Beispiel im Wald aufgenommen hatte und die Jörg stark verfremdete. Die kreative Zusammenarbeit machte uns so viel Spaß, dass wir auch gleich den Buchtrailer für mein nächstes Buch gemeinsam produzierten, für den Thriller "Jung genug zu sterben" (Aufbau-Verlag, Oktober 2012). Darin geht es um Gehirnforschung, Pubertät und Kreativität, und ein Thriller benötigt natürlich eine andere filmische Stimmung als ein Krimi. Ich setzte also zum Beispiel für die Musik extreme Bläser-Bässe ein und nahm Wolkenformationen aus einem Flugzeug heraus auf. Hinzu kamen Fotos und Filme von meiner Reise in die Schweizer Bergwelt, wo ich für das Buch recherchiert hatte.

8
Auch für spätere Sternenbergs werden wir bestimmt wieder Trailer produzieren. Zunächst jedoch steckt Spannung in der Frage, ob die Serie fortgesetzt werden kann. Das hängt ganz sicher auch von der Resonanz auf "Blutige Spuren" ab.

geschrieben von Jörg Liemann




  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (18. März 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442474701
  • ISBN-13: 978-3442474707



Ich freue mich, dass Jörg Liemann uns so ausführlich über die Schulter blicken ließ.

Falls jemand von euch (trotzdem) noch Fragen hat, dann stellt sie hier einfach als Kommentar, denn der Autor hat sich bereit erklärt diese gerne zu beantworten.




1 Kommentar:

  1. Das ist wieder eine tolle Story hinter dem Buch. Ich finde es immer wieder interessant, mit welchen Gedanken die Autoren an ihre Bücher gehen und was genau hinter den gewählten Themen steckt. Vielen Dank für diese spannenden Einblicke ;)

    LG Jens

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