Freitag, 11. Oktober 2013

[Die Story hinter dem Buch] Krist, Martin - Drecksspiel



heute:


Krist, Martin -  Drecksspiel

 


 



Die Geschichte ...

   Schlüssel rasseln an der Tür. »Ich hab mich hübsch gemacht«, wispert Hannah, während ihr Mann Philip hinter ihr den Raum durchquert. Seine Hand streift ihren Nacken. Sie neigt den Kopf und ... sieht Handschuhe voller Blut. Finger schließen sich um ihre Kehle.
   Als sie wieder zu sich kommt, ist sie an einen Stuhl gefesselt. Vor ihr ein fremder Mann. Nur ein Gedanke peinigt sie in diesem Moment: Er darf Millie nicht finden! - Hannahs Tochter schläft im ersten Stock.
   Seit der Expolizist David Gross vor Jahren untertauchen musste, arbeitet er als diskreter Problemlöser. Diesmal ist es ein grauenvoller Entführungsfall ...

... von mir geschrieben.

   Ich war schon immer skeptisch, was das Schreiben übers Schreiben betrifft. In meinem Arbeitszimmer befand sich ein Regal mit Büchern ausschließlich übers Schreiben. Titel wie: Kreativ schreiben. Oder: Wie ich einen verdammt guten Roman schreibe. Und: Von Beruf Schriftsteller. Handbuch für AutorInnen. Keines davon habe ich gelesen. Kürzlich habe ich diese Bücher allesamt verschenkt. Kurzum: Theorie ödet mich an.
   Ich schreibe, seit ich die Buchstaben A und B auseinander halten kann. Bereits im Alter von 4 oder 5 schrieb ich erste Kurzgeschichten, damals noch auf der Schreibmaschine meiner Mutter. Mit 10 entstand mein erster Roman – bis heute allerdings (und zu Recht!) unveröffentlicht.
   Mit 15 begann ich für die Lokalzeitung zu schreiben. Deren Redakteure waren mir gute Lehrmeister. Später, während meines Volontariats bei einer Tageszeitung, waren es die Ressortleiter, die bei meinen Texten wiederholt den Rotstift ansetzten und meinen Blick für's Wesentliche schärften.
   Unterdessen besuchte ein guter Freund die Journalistenschule. Immer wieder klagte er über die blanke Theorie, die dort gepaukt wurde und so gar nichts mit Journalismus zu tun hatte. Ich stand derweil im Alltag meinen Mann - als Redaktionsleiter für ein Musik-Fanzine. Es folgte die Position als Chefredakteur eines Musikmagazins, eines Kulturmagazins, dann eines Stadtmagazins. Mehr als einmal sprang ich ins kalte Wasser. Aber ich lernte. Jedes Mal ein Stückchen mehr.
   »Learning by doing« war meine Philosophie.

© Bianca Krause, Fotosinfonie

   Nicht anders gestaltete sich meine »Schriftstellerei«. Noch bevor ich mein erstes Buch endlich veröffentlichen durfte, schrieb ich Geschichte über Geschichte, zerriss das Geschriebene oder ließ es von anderen verreißen. Nebenher las ich die Romane anderer Autoren, ich las und las und las, immer wieder, ganz viel.
   Ich "studierte" die Schreibe der anderen Autoren, ihre Art der Figurenzeichnung, der Plotgestaltung, vor allem aber setzte ich mich damit auseinander, wie sie Spannung erzeugten. Zugegeben, anfangs kopierte ich. Mit der Zeit entwickelte ich meinen eigenen Stil.
   Mein eigener Stil hat, finde ich, sehr viel mit meiner Umgebung zu tun. Ich bin ein Stadtmensch. In meinem Geschichten spiegelt sich das urbane Leben. Schmutzig. Hektisch. Schnell.
   Das "Drecksspiel" begann mit einem Erlebnis in Berlin ...

   Als ich eines Nachts, kurz nach 1, mit meiner Eurasierhündin Bjella von der letzten Hunderunde im Park heimkehrte, sah ich, wie direkt vor unserer Haustür drei Jugendliche eine Frau überfielen. Als sie mich mit dem Hund entdeckten, ergriffen sie die Flucht, nicht ohne der Frau noch die Handtasche zu entreißen. Später überlegte ich mir, was gewesen wäre, wenn man mich überfallen hätte - und meine Freundin hätte jetzt zu Hause gesessen, auf meine Rückkehr gewartet, die Schlüssel an der Wohnungstür klimpern gehört, sich gefreut, doch nicht ich wäre ins Wohnzimmer gekommen, sondern ...
   Aus diesem furchterregenden Gedanken entstand die Idee zu "Drecksspiel".
   Ein neuer Thriller beginnt bei mir immer mit einer solch kurzen, grausigen Idee. Ihr folgen viele weitere Gedanken, Figuren, Dialoge und Szenen, die sich über viele Wochen hinweg immer mehr verdichten. Zwei, drei Monate, in denen ich beim Gassigehen, Einkaufen, im Restaurant, im Kino, in der Kneipe, egal wo, egal wann, fast ausnahmslos über dieses bunte Sammelsurium nachdenke. Unterschiedlichste Elemente, die sich erst noch zu einer großen, einheitlichen Geschichte zusammenfügen müssen - zu einem komplexen Exposé mit mehreren Handlungsebenen, die sich immer mal wieder kreuzen, aber erst am Ende logisch zusammenfügen dürfen.
   Das "Dreckspiel"-Exposé umfasste, als es endlich fertig war, knapp 90 DIN-A4-Seiten mit den Storylines meiner drei Hauptfiguren David, Hannah und Toni sowie    noch einigen anderen, wichtigen Nebenfiguren.
   Diese Storylines meiner Figuren sind im finalen Konzept eines Thrillers jedes Mal bereits sehr detailliert ausgearbeitet, in Kapitel aufgeteilt, chronologisch sortiert – also so wie sie sich auch im fertigen Roman präsentieren werden: ein Kapitel David, ein Kapitel Hannah, ein Kapitel Toni, dann wieder David, dann wieder Hannah, dann wieder Toni und so weiter und so fort.
   Aber aufgepasst: Natürlich muss am Ende alles stimmen. Es darf keine zeitlichen Brüche geben. Schlimm wäre es beispielsweise, wenn David dienstags eine absonderliche Begegnung hat, im nächsten Kapitel Hannahs Unglück montags geschildert wird. Das ist natürlich Unsinn. So kann es passieren, dass ich vor Abschluß eines Exposés die Kapitel über Tage hin- und herschiebe, nicht selten inhaltlich verändern muss, weil ich merke, dass die eine oder andere Aktion eines Protagonisten im Zusammenspiel mit anderen plötzlich Nonsens ergibt.
   Kapitel für Kapitel hefte ich schließlich in einem Ordner ab, mit Massen von Notizen, Ergänzungen sowie ersten Formulierungen und Dialogen.
   Erst dann beginnt das eigentliche Handwerk. Ich schreibe.


   Das Schwierigste ist jedes Mal der erste Satz. Der erste Absatz. Das erste Kapitel. Für mich sind sie in der Regel die größte Hürde. Sie sollen die Leser mit den Protagonisten vertraut machen, zugleich aber so sehr in die Geschichte hineinkatapulieren, dass sie nicht mehr aufhören können zu lesen.
   Ist diese Hürde geschafft, läuft es flüssig. Kapitel für Kapitel. Allerdings – und das ist das Besondere – nicht Kapitel für Kapitel, wie es der Leser später lesen wird, mit ständig wechselnden Handlungsebenen. Im Gegenteil: Ich schreibe NUR für eine Person, tauche in ihre Geschichte, in ihr Leben, bin mit ihr eins. Und kann eine gewisse Genugtuung nicht unterdrücken. Denn so ungetrübt wie ich wird der Leser die Abenteuer Davids nachher nicht mehr lesen können. Immer wieder wird er an einem Cliffhanger stehen und sich ärgern, weil die Perspektive wechselt. Wie geht die Geschichte bloß weiter?
   Genauso gehe ich dann für die Handlungsebene der zweiten Hauptperson vor: Hannah. Abermals Kapitel für Kapitel nehme ich mir ihre Geschichte vor. Dann die dritte Hauptperson. Dann die Nebenfiguren.
Freilich kann es immer wieder vorkommen, dass sich in der Handlung etwas ändert. Viele Autoren berichten davon, dass ihre Figuren machen, was sie wollen, sie quasi beim Schreiben keinen Einfluss auf sie haben.
   Hallo? Was sind denn das für Figuren? Und wer ist hier der Autor?
   Mir passiert das selten. Aber okay, wer mich kennt, der weiß, ich bin Pendant. Ein Ordnungsfanatiker. Ich plane alles bis in Detail. Ich wäge im Vorfeld vieles sorgsam ab. Vor allem beim Schreiben. Insofern bleibt den Figuren nur wenig Raum für Eigenständigkeit. Ist aber nicht schlimm. Denn nur so handeln sie überlegt. Wäre doch schlimm, wenn mein Held von einem Fettnapf in den nächsten tritt, weil er unbelehrbar ist. Solche Leute gibt es ja. Aber in einem Roman dann doch eher selten.
   Erst wenn die Handlungsstränge aller Figuren komplett geschrieben sind, setze ich ihre ausformulierten Kapitel nach meinem ursprünglich konzeptionierten Gerüst zusammen: ein Kapitel David, ein Kapitel Hannah, ein Kapitel Toni und so weiter und so fort. Und erst dann schreibe ich das Wörtchen ENDE unters Manuskript.

geschrieben von Martin Krist




  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (11. Oktober 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548285376
  • ISBN-13: 978-3548285375


 Zum Glück hat Martin Krist noch nicht zu viel von seinem neuen Roman erzählt, schließlich soll die Spannung fürs Lesen erhalten bleiben. Ich habe jedenfalls das Buch schon vorbestellt und ihr? Seid ihr neugieirg geworden?


 

Kommentare:

  1. Vielen vielen Dank für diesen Einblick in den Kopf und das Vorgehen eines Autors. Wenn sich das Buch nur halb so gut lesen lässt, dann hat es schon gewonnen =).

    LG
    Anja

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  2. Ich freue mich schon total darauf das Buch zu lesen. Vielen Dank für den interessanten Einblick, wie dieser Roman entstanden ist.
    LG
    Yvonne

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  3. Das war wirklich ganz schön interessant und so locker zu lesen :) Ich hoffe ja auf die Leserunde bei LB :D "Die Mädchenwiese" liegt schon bei mir auf dem SuB und wird vielleicht ein guter Einstieg zu Drecksspiel.
    LG, Esther

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  4. Hallo Claudia,
    da mich "Die Mädchenwiese" leider nicht umgehauen hat, werde ich mir das neue Buch von Martin Krist wohl nicht zulegen.

    LG
    Sabine

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  5. Ich werde es auf jeden Fall lesen, denn ich bin ein großer Fan von Martin Krist :) Ich fand es so interessant mal hinter die Kulissen zu blicken. Jetzt freue ich mich noch mehr auf das Buch. Danke für den tollen Bericht!!
    LG
    Nina

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