Dienstag, 9. September 2014

[Die Story hinter dem Buch] Tanja Kinkel - Manduchai - Die letzte Kriegerkönigin



heute:



Tanja Kinkel - Manduchai - Die letzte Kriegerkönigin

 



Wann, wie, warum, Wo, Historische Wahrheiten

© Tanja Kinkel
Wann:
Begonnen hat alles mit einem Weg über die Große Mauer. Wer dort schreitet, vergisst dieses Erlebnis nie wieder. Jahre später sah ich den Film „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ der Regisseurin Byambasuren Davaa, und war beeindruckt. Als ich dann das Buch von Jack Weatherford „The Secret History of the Mongol Queens“ las, und Manduchai darin entdeckte, da hatte mich das Thema gefunden.


Wie:
© Tanja Kinkel
Zu Anfang liest man natürlich alles Verfügbare über das Thema und das Umfeld. Dann versuche ich auch, alle Fachleute zu erreichen, die mir bei der Recherche auffallen, und deren Anschriften ich herausbekomme. Dabei beschränke ich mich nicht auf den deutschsprachigen Raum. Bei meinem Roman „Götterdämmerung“ waren mir seinerzeit gerade Wissenschaftler in Harvard eine große Hilfe. Was die Vorarbeit zu „Manduchai“ betrifft: der erste Autor aus der Mongolei, den ich in Deutschland kennenlernte, war Galsan Tschinag. Seine Schilderungen aus seiner Heimat, die Erzählungen über sein Volk, die Tuwiner, eine Minderheit innerhalb der Mongolei, waren sehr eindrucksvoll, und er sollte der erste, aber nicht der letzte sein, der mich durch das Riechen an der Wange begrüßte, eine mongolische Geste, die sich durch die Jahrhunderte gleich blieb. 


© Tanja Kinkel
Dergleichen Begegnungen waren natürlich kein Ersatz für eine eigene Reise in die Mongolei, und es stand für mich von Anfang an fest, daß ich nur dann über Manduchai würde schreiben können, wenn ich das Land des „Ewigen Blauen Himmels“ selbst kennen lernen konnte. Aber wie die ersten Kontakte zu Mongolen knüpfen? Es war selbst bei Reiseagenturen schwer, regelmäßigen Telefon- oder Emailverkehr einzuhalten. Als ich erst einmal in der Mongolei war, verstand ich, weshalb. Das Zeitgefühl eines Nomadenvolkes ist natürlich ein ganz anderes.


© Tanja Kinkel
Zurück zu den Rechercheanfängen: der Chef des Reisebüros Asientours München, mit denen ich in die Mongolei fahren sollte, machte mich darauf aufmerksam, dass die Seidelstiftung dort stark engagiert sei. Deren Chef, Kultusminister a.D. Dr. Hans Zehetmair kannte ich von früher. Über ihn konnte ich ein Gespräch mit der einzigen Frau am obersten Verfassungsgericht der Mongolei vereinbaren, Professor Tserenbaltavyn Sarantuya. Danach kamen auch Kontakte zu mongolischen Historikern zustanden, die mir eine große Hilfe waren: Dr. Enkhtsetseg und Dr. Tserendorj Tsegmed. 

Warum:
Es gab in der europäischen Geschichte immer wieder Frauen, die dem entsprachen, was wir heute unter „emanzipiert“ verstehen, lange, ehe Feminismus ein Begriff wurde. Häufig waren es natürlich Frauen aus bevorzugten Schichten; ärmere Frauen hatten nur sehr selten die Chance, von den männlichen Chronisten ihrer Zeit überhaupt erwähnt zu werden, so daß man ihr Leben manchmal nur über Steuerabgaben rekonstruieren kann und dann etwa entdeckt, daß eine verwitwete Bäuerin alleine eine achtköpfige Familie durchbrachte.


„Emanzipation“ bedeutet wortwörtlich „Selbstbefreiung“; Mündig zu werden, für sich selbst zu sprechen, das war der Sinn, in dem die alten Römer das Wort einst gebrauchten. Durch die Geschichte hindurch war ich immer von Frauen fasziniert, denen es gelang, für sich selbst zu sprechen. Ihnen dabei zu zuhören und ihre Geschichten zu teilen, war und ist mir ein inneres Bedürfnis. Dabei mußte ich solche weiblichen Stimmen nicht erst erfinden. So ging es bereits in meinem ersten Roman, „Wahnsinn, der das Herz zerfrisst“, um die von Biographen oft sehr herablassend behandelte Schwester von Lord Byron, Augusta, der ich durch meine Lektüre ihrer Briefe näher kam. Mit „Der Löwin von Aquitanien“ kam dann natürlich mit Eleonore ein ganz großes Kaliber. Eine Powerfrau und Überlebenskünstlerin, wie sie auch heute noch die absolute Ausnahme darstellen würde. Katharine Hephurn hat ihr in „Die Löwin im Winter“ ein filmisches Denkmal gesetzt, der aber nur einen kleinen Teil des Lebens von Eleonore schilderte, während ich ihre ganze Entwicklung schildern wollte. 

Eine Frau, die ebenfalls voller Selbstbewußtsein durch ihr gefährliches Leben ging, und nie einem Mann gehorcht hätte, nur weil er Mann war, war sicher auch Elisabeth I. von England, der ich mit „Im Schatten der Königin“ versuchte, ein Denkmal zu setzen. Beide waren Königinnen, aber ich hatte auch Frauen ohne jede Machtstellung in meinen Büchern, die mich faszinierten, wie Sarah Belzoni in „Die Säulen der Ewigkeit“. Sarah kam aus äußerst bescheidenen Verhältnissen, war zeitlebens nie reich und bereiste doch als eine der ersten Europäerinnen den Mittleren Osten. Sie schlug sich als Mann verkleidet von Ägypten bis zum Tempelberg durch, und betrat ihn, was damals ein ähnliches Sakrileg war, wie Mekka als Christ zu betreten. Dazwischen gab es in meinen Romanen gelegentlich auch fiktive Persönlichkeiten in tragenden Rollen, doch diese hatten wie die Ärztin Judith im „Spiel der Nachtigall“ einen durchaus realen Hintergrund. In Frankfurt am Main und in Mainz sind in der betreffenden Epoche – dem frühen 13. Jahrhundert - nicht weniger als fünfzehn Ärztinnen nachgewiesen. Zu den drei Augenärztinnen unter ihnen gehörte die Jüdin Zerlin, die aktenkundig wurde, weil man ihr gestattete, außerhalb des Ghettos zu wohnen, und die Staroperationen am Auge ausführen konnte. Dagegen hat meine Zwergin Andromeda, die Hauptfigur von „Venuswurf“, wirklich gelebt – Plinius der Ältere erwähnt sie in seiner Naturgeschichte -, auch wenn das, was wir heute von ihr wissen, sich auf wenige Zeilen beschränkt.

In Asien war das Patriarchat nicht weniger die Norm als in Europa, doch es wundert nicht, daß es dort immer schon genau wie bei uns Frauen gab, deren für sich selbst sprechende Stimmen durch die Jahrhunderte dringen. Es dauert aber eine Weile, bis ich den Mut hatte, aus dem Blickwinkel von asiatischen Frauen schreiben zu wollen. Schließlich sollte es keine Reiseerzählung eines Europäers werden, der seine Sicht auf asiatische Verhältnisse kundtut. (Das Modell von Marco Polo hat immer noch viele literarische Epigonen.) Den entscheidenden inneren Stoß versetzte mir die Entdeckung gleich zweier auch für heutige Maßstäbe außergewöhnlicher Frauen, die noch dazu zeitgleich gelebt und gewirkt haben.

Wo:
© Tanja Kinkel
Ich habe immer wieder und mit großem Interesse Romane gelesen, die in einer mir fremden Welt handelten, in einem andersartigen Kulturkreis angesiedelt waren. Den Anfang machten hier wohl Pearl S. Bucks Romane „Die Gute Erde“, „Die Frauen des Hauses Wu“ oder „Das Mädchen Orchidee“, die mir China gerade aus weiblicher Sicht nahebrachten, als ich ein Teenager war, ehe ich als Erwachsene Amy Tan für mich entdeckte. „Shogun“ von James Clavell habe ich sehr genossen. Bereits als Vierzehnjährige war ich in Japan und fand manches, was er für das 15. Jahrhundert geschildert hat, dort immer noch vor. Nachdem ich auf einer Reise durch China aber die unglaubliche reiche und schöne Kulturgeschichte dieses Landes nun auch aus eigener Anschauung ein wenig kennenlernen durfte, war meine Aufmerksamkeit immer mehr auf dieses Land und seine Nachbarn ausgerichtet.

© Tanja Kinkel
Die Mongolen lernte ich, wie wohl die meisten westlichen Leser seit achthundert Jahren, zuerst über Marco Polo kennen. Seine für damalige Verhältnisse unglaublichen Geschichte über Kublai Khan und das größte Weltreich der Weltgeschichte, die ihm in seiner Heimat zunächst niemand abnahm, und die auch in seinem „Il Milione“ vorhandene Verknüpfung mongolisch-chinesischer Geschichte machte mich neugierig auf den (gewaltigen) Rest der mongolischen Geschichte. Manchem Leser heute mag das von mir in „Manduchai“ Dargestellte ähnlich unglaublich vorkommen, wie Marco Polos Abenteuer seinen Lesern, was wohl zeigt, daß wir in den letzten Jahrhunderten leider nicht sehr viel vertrauter mit dem faszinierenden Volk der Mongolen geworden sind. Aber ich versichere meinen Lesern: die historischen Fakten habe ich nicht verändert, lediglich den Personen habe ich mehr spekulatives Leben eingehaucht, als die Chronisten uns mit schön geschwungenen Tuschpinseln überlieferten.

Historische Wahrheiten:
© Tanja Kinkel
Oft werde ich gefragt: „Was ist an Ihren Romanen wahr, was fiktiv?“ Ich muss dann immer darauf verweisen, dass Zeitzeugen meist im (bezahlten) Auftrag der herrschenden Klasse schrieben, und ihre Objektivität damals nicht besser war, als heutzutage. Nicht selten widersprachen sie sich außerdem, wenn sie für das nächste Regime schrieben. Die Vorstellung, es gäbe eine einzige feststehende Version der Fakten, von der man dann als Romanautorin entweder abweichen oder bei der man bleiben könne, ist also an sich schon falsch. Dazu waren es fast immer Männer, was für die Darstellung von Frauen einen zusätzlichen Verfälschungseffekt ergab. Bei der Lebensgeschichte von Frauen kann man sich also oft nicht auf viel Material verlassen, sondern muß Intuition und Verstand folgen und sich fragen: Wie kann sich eine Frau unter den damals gegebenen Umständen verhalten haben? Was ist denkbar, was völlig unlogisch? Im Fall meiner beiden Protagonistinen Manduchai und Wan Zhen’er war es natürlich auch so, dass bei ihren ungewöhnlichen Leistungen aus Sicht der Männer Zauberei vorgelegen haben muss. Anders kann es sich kaum ein Mann erklären, was sie erreichten, und wie sie beide mit Männern, die 17 Jahre jünger waren, ein langes gemeinsames Leben haben konnten. Andererseits sind die Ergebnisse ihres Wirkens nun wirklich nicht zu übersehen, und wie diese nicht wegzudiskutierenden Ergebnisse zustande gekommen sein mögen, daran habe ich meinen Roman entwickelt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, denn ich lebe davon, dass meine Bücher gelesen werden!

geschrieben von Tanja Kinkel


  • Gebundene Ausgabe: 592 Seiten
  • Verlag: Droemer HC (1. September 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426199661
  • ISBN-13: 978-3426199664


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