Freitag, 19. September 2014

[Gastrezension] Dicker, Joël - Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Gastrezension von Sabine von Das Niliversum

Das Jahr 2008 in dem kleinen, beschaulichen Städtchen Aurora an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Gemüter der Bewohner, ja ganz Amerika werden erhitzt, erschüttert durch das Entdecken der Leiche eines vor 33 Jahren verschwundenen Mädchens: Nola, das einstmals unbeschwerte, hübsche 15jährige Mädchen verschwand unter mysteriösen Umständen und wurde bis zu diesem Zeitpunkt nicht gefunden. Doch nun wurde sie entdeckt, besser, ihre Leiche. Und zwar im Garten des Schriftstellers Harry Quebert, der just zur damaligen Zeit einen Riesenbestseller schrieb, zu dem viele aufschauen, von den Bewohnern zum Teil verehrt. Doch nun scheint alles nur Schall und Rauch zu sein und sein Buch ein Hinweis auf seine Schuld am Tod des Mädchens vor 33 Jahren.

Ein ehemaliger Schüler Harry Queberts, Marcus Goldman, wird ebenso erschüttert von diesen Anschuldigungen und hat es sich auf die Fahne geschrieben, Harry Queberts Unschuld zu beweisen. Denn davon ist er felsenfest und zunächst unerschütterlich überzeugt, dass sein Mentor, sein strahlendes Schriftstellervorbild gänzlich unschuldig sein muss!

Er selbst befindet sich nach einem schriftstellerischen Höhenflug der Marke Raketenstart im rapiden Sturzflug, er ist in einer Schaffenskrise gefangen und hinterfragt sein sogenanntes Talent und glaubt nicht zuletzt, dass ihm die Aufklärung dieses Falls zu neuem Ruhm und neuer Ehre gereicht.
Doch die Wahrheit, sie ist kein Wunschkonzert. Die Wahrheit schmerzt so manches Mal mehr, als wir es gern hätten. Auch im Fall von Harry Quebert, wo nichts am Ende so ist, wie es zunächst scheint.

Meine Meinung:
Nicht nur die Figuren im Buch fallen hart auf den Boden der Tatsachen…
Was war ich aufgeregt, als die liebe Claudia von Claudias Bücherregal Gastrezensenten für dieses Buch suchte. Es war ein Riesenwunsch von mir, es zu lesen. Der Hype war ja auch groß genug und ich dachte mir, wenn so viele so unendlich begeistert sind, dann werde ich das auch sein. Wieso nur lass ich mich immer und immer wieder darauf ein? Nun ja, ums gleich vorweg zu nehmen, ich bin nicht so unendlich begeistert. Von mir wird es keine ellenlangen Lobeshymnen geben. Leider.

Zunächst bin ich mit Feuereifer an dieses Buch herangegangen, mit glühenden Wangen, strahlenden Augen, wie ein Kind habe ich es betrachtet, mich darauf eingestellt, den Hammer des Jahres in Händen zu halten. Allein das Ausmaß, 736 Seiten, haben mich jubilieren lassen. Ich mag nun mal dicke, lange Bücher. Aber dann sollte auch wirklich was geboten sein, auf so vielen Seiten. Das war es also nicht in erster Linie, was mich auf den Boden der Tatsachen holte.

Auch nicht die Gestaltung, dass man durch die Löcher quasi auf Seiten dahinter blickt, quasi wie ein heimlicher Blick durchs Schlüsselloch. Zumindest an manchen Stellen. Die Idee fand ich lustig, interessant, machte das Buch auch damit noch zu etwas feinem.

Doch je weiter ich las, umso genervter wurde ich. Es dauerte mir einfach alles viel zu lange. Ja, es sind 33 Jahre. Ja, es lag vieles im Argen und musste mühsam ans Licht gebracht werden. Doch ganz ehrlich? Nachdem der 3. Verdächtige hervorgezaubert wurde, habe ich die Augen verdreht. Und wäre dies nicht eine Gastrezension gewesen, sondern mein reines Vergnügen, hätte es mich spätestens da zur Aufgabe gebracht.
Es war einfach zu viel des Guten! Es wurden wirklich Mordverdächtige aus dem Hut gezaubert, wie die weißen Kaninchen. Ich habe zwischenzeitlich mit mir selbst innerlich schon Wetten abgeschlossen, wer denn als nächster dran ist, ein wirklich sehr schlüssiges Motiv und auch die Möglichkeiten gehabt zu haben, das Mädchen umzubringen.

Nun gut, es gibt eine Story, die –wäre sie nicht ganz so ausgeschlachtet worden- bestimmt viel besser bei mir angekommen wäre. Die Story, was es mit dieser Nola und dem Schriftsteller Harry Quebert und Auroras Bewohnern denn nun im Endeffekt so auf sich hatte. Weil die unterm Strich eben schon nicht schlecht ausgedacht ist, habe ich mir überlegt, diesem Buch doch noch 4 Sterne zu geben.

Auch muss man dem Autor zu Gute lassen, dass er die Protagonisten wirklich äußerst gut ersonnen hat. Sie sind lebhaft, besitzen Tiefe, es hätten nur ein paar weniger sein sollen, dann wäre das ganze nicht so wuselig geraten, für meine Begriffe!

Auch das kleinstädtische, den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts entsprechend, wurde für mich sehr deutlich dargestellt, man sieht es wirklich fast vor sich, das Diner, so typisch für Amerika, dass man glaubt, schon zig mal in so einem seinen Burger bestellt zu haben und die Stammkunden dort zu kennen. Diese ach so gläubigen, moralisch einwandfrei handelnden Kleinstädter, die so manche Leiche im Keller haben (buchstäblich), das mag ich eigentlich sehr, weil es sich für Krimis besonders gut eignet. Und in dem Fall der bildhübschen Aurora lässt es auch viel Raum für Spekulationen, zu was so ein Mädchen alles fähig ist, was hinter der Fassade wirklich steckt.

Ich würde mir wünschen, dass Joel Dicker gern noch mehr knifflige „Fälle“ ersinnt, aber vielleicht sollte er einfach weniger Figuren verarbeiten, ins Spiel bringen, bzw. weniger in den Vordergrund stellen, sondern manchem Typ einfach das Leben als Statist zugestehen. Das würde einem Buch wie diesem einfach besser stehen.

Fazit: Auch wenn mich jetzt wahrscheinlich viele verteufeln, mich hat das Buch nicht umgehauen, höchstens mit der Vielzahl der potenziellen Täter, die für mich die Story ein wenig ad absurdum geführt hat und deswegen ist für mich der Hype unverständlich und das Buch ist für mich ganz nett, aber kein Reißer.



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