Dienstag, 9. Dezember 2014

[Die Story hinter dem Buch] Gisa Pauly - Die Kurärztin von Sylt



heute:



Gisa Pauly - Die Kurärztin von Sylt

 


Im Jahr 1927 erhält Tessa Melford eine Anstellung als Kurärztin auf Sylt. Doch die Insulaner sind skeptisch. Eine Frau als Kurarzt? Ohnehin ist die Atmosphäre angespannt. Der Bau des Eisenbahndammes sorgt für Unruhe. Als ein Arbeiter nach einem Unfall auf dem Damm stirbt, gibt man Tessa die Schuld. Angeblich hat sie zu spät und falsch reagiert. Sie wird fortan gemieden. Eine Frau jedoch sucht ihre Hilfe: Babette von Keller ist auf die Insel zurückgekehrt. Zum ersten Mal spricht sie über ihre Vergewaltigung. Den Mann, der ihr das angetan hat, kann sie nicht beschreiben, sie hat nur ein großes Muttermal an dessen Arm gesehen. Wenig später überschlagen sich die Ereignisse. Tessa muss einen Schiffbrüchigen aufnehmen, der sich in sie verliebt, und sie begegnet einem Mann mit einem großen Muttermal. Bald beginnt sie zu ahnen, dass Babette nicht einfach nur eine Patientin ist, sondern dass sie viel mehr mit ihr gemeinsam hat.
Quelle: Rütten & Loening

Es war die Idee meines Verlegers, einen Syltroman zu schreiben, der in den 20er Jahren spielt. Meine beiden vorhergehenden historischen Syltromane spielten 1888 (Die Hebamme von Sylt) und 1914 (Sturm über Sylt). Eigentlich hatte ich mich der Neuzeit widmen wollen, ich plante einen Roman in den 50ern, als Sylt voller Promis war, die am Strand wilde Partys feierten, ohne von Paparazzi belauert zu werden. Aber als ich die Sache überdachte, fand ich die 20er Jahre auch sehr interessant. Vor allem die Gegensätze! 

Auf Sylt wurde 1927 der Hindenburgdamm eröffnet, der eine Wende auf der Insel herbeiführte, in Berlin tobte bereits das zügellose Leben. Eine interessante Diskrepanz. Während meiner Recherchen über diese Zeit richtete ich mein Augenmerk immer mehr auch auf Berlin, so spielt das Buch in der ersten Hälfte zu einem guten Teil dort, während sich in der zweiten Hälfte die Handlung mehr und mehr und schließlich gänzlich nach Sylt verlagert. Ein ganz neues Frauenbild entstand damals in Berlin, auf Sylt änderte sich jedoch nicht viel, die Frauen arbeiteten hart, entbehrten viel und konnten das Leben weiß Gott nicht genießen. währenddessen wurden in Berlin die Röcke kürzer und die Haarknoten abgeschnitten, gingen die Frauen allein aus und rauchten in der Öffentlichkeit! Der Unterschied war es, der mich faszinierte. Auch in Berlin war es natürlich so, dass das ungezügelte Leben keineswegs in allen Schichten genossen werden konnte, nur die Privilegierten leisteten sich Verschwendung, durchzechte Nächte, ungehemmtes Vergnügen und Besuche in Clubs, in denen jede Art von Sexualität praktiziert wurde. Auf Sylt dagegen wurden die Touristinnen in ihren knielangen Röcken noch mit offenem Munde angestarrt, und jene, die allein über die Friedrichstraße flanierten, nur deswegen nicht beschimpft, weil sie zu den zahlenden Feriengästen gehörten. 

In dem Bewusstsein dieser Widersprüchlichkeit erfand ich eine junge Frau, die es mit Unterstützung ihrer Mutter schaffte, Medizin zu studieren und zu promovieren, an einer der wenigen Universitäten, die Frauen zum Studium zuließen. So fortschrittlich Berlin in den 20er Jahren auch war, eine Frau, die sich in eine Männerdomäne wagt, wurde auch dort nicht akzeptiert. So erhält Dr. Tessa Melford in Berlin keine Chance, ihre Fähigkeiten als Ärztin unter Beweis zu stellen.

Gisa Pauly

Als ihr die Chance winkt, Kurärztin auf Sylt zu werden, denkt sie, das große Los gezogen zu haben. Aber erstens ahnt sie nicht, welches Geheimnis hinter dieser Chance steckt, und zweitens macht sie sich keine Vorstellungen davon, wie Sylt, wo noch immer das Althergebrachte regiert mit einer Frau umgegangen wird, die sich etwas herausnimmt, was Männern vorbehalten ist. Das aber ist nicht Tessas einziges Problem. Sie wird in eine Familiengeschichte hineingezogen, die zum Teil auch ihre ist, was sie aber zunächst nicht ahnen kann. 

Nachträglich bin ich meinem Verleger dankbar, weil er mir diese Zeit ans Herz legte. Die 20er waren außergewöhnliche Jahre, in denen sich viele Geschichten zugetragen haben müssen, die sich aus den unterschiedlichen Lebensformen, die damals möglich waren und praktiziert wurden, ergeben haben.

geschrieben von Gisa Pauly




  • Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
  • Verlag: Rütten & Loening; Auflage: 1 (5. Dezember 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3352008469
  • ISBN-13: 978-3352008467



Kommentare:

  1. Hallo liebe Claudia,

    zuerst vielen Dank dir und Gisa Pauly für die story hinter dem Buch. Beim Lesen , fiel mir doch glatt ein, dass ich die Hebamme von Sylt immer noch auf meiner Wunschliste stehen habe und ich damals nur Gutes darüber gehört habe.
    Leider muss ich dann immer feststellen, dass es viele sehr gute Bücher gibt, aber meist zu wenig Zeit zum Lesen vorhanden ist. Daher trifft man eine Auswahl und Dank solcher Beiträge wird man auch mal an ältere Bücher der Wunschliste erinnert. Vielen herzlichen Dank dafür.
    Dir und Gisa Pauly wünsche ich noch eine wunderschöne Adventszeit und fühlt euch liebevoll umarmt.

    LG Silvia

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  2. Danke für dein liebes Kommentar, Silvia!
    Dir auch eine wunderschöne Adventszeit!

    LG Claudia

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