Dienstag, 17. März 2015

[Die Story hinter dem Buch] Lorenz, Wiebke - Bald ruhest du auch




heute:



Lorenz, Wiebke - Bald ruhest du auch
 




Töte dich selbst – sonst stirbt deine Tochter!

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Lena und Daniel sich begegnen. Allerdings ist Daniel depressiv und haltlos, gefangen in einer unglücklichen Ehe. Lena schenkt ihm neuen Lebensmut, er lässt sich von seiner Frau scheiden und nimmt sogar den Bruch mit seiner elfjährigen Tochter Josy in Kauf.

Lena und Daniel heiraten, wünschen sich Kinder, träumen von einer zweiten Chance auf das ganze große Glück. Aber die Jahre vergehen, ohne dass Lena schwanger wird. Erst als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben haben, geschieht das Wunder, und Lena erwartet ein Baby.

Ihr Glück scheint perfekt – bis zu jenem Tag kurz vor der Geburt: Daniel verunglückt tödlich. Lena versucht, Emma trotz Kummer und Schmerz eine gute Mutter zu sein. Nur ahnt sie nicht, dass der wahre Albtraum erst beginnt, denn wenige Wochen später wird ihr Kind entführt. In Emmas Wiege liegt eine Warnung: „Kein Wort zu irgendwem, oder deine Tochter stirbt!“

Sofort fällt Lenas Verdacht auf Josy. Das Mädchen hasst sie. Aber ist ein Teenager zu so einer Tat fähig? Und welche Rolle spielt Niklas Krohn, der plötzlich in Lenas Leben tritt?


Nach dem Buch ist vor dem Buch ...

Ganz ehrlich: Nach meinem letzten Thriller „Alles muss versteckt sein“ (die Story zu diesem Buch findet sich hier unter August 2012) lag die Messlatte für mich nahezu unerreichbar hoch. Dieser Roman war (und ist) so besonders für mich, dass es mir lange Zeit unvorstellbar erschien, jemals wieder so ein Buch schreiben zu können. Nicht nur, dass all mein bisheriges Können in diesem Thriller steckt – es ging in „Alles muss versteckt sein“ auch um ein Thema, das mir als ehemals Betroffene einfach sehr am Herzen lag und liegt: die Zwangserkrankung. Darüber wollte ich damals schreiben, über die Ängste und Nöte derjenigen, die mit dieser psychischen Störung zu kämpfen haben. Das habe ich getan – und damit eine für mich immens wichtige Geschichte erzählt. Zwar als fiktionalen Thriller, aber doch mit einem ausgeprägt autobiografischen Hintergrund.

Übrigens: Ich habe eine Weile gebraucht, um öffentlich zu sagen, dass ich selbst auch zwangserkrankt war/bin. Also bitte nicht wundern, wenn Ihr ältere Texte/Interviews von mir lest, in denen davon keine Rede ist. Ich brauchte einfach ein wenig Zeit, um mir darüber klar zu werden, dass ich so offen damit umgehen möchte.

Aber weiter im Text. Ich bin ja nun mal Schriftstellerin, und da liegt es in der Natur der Sache, dass „nach dem Buch“ auch „vor dem Buch“ ist. Kaum ist das Manuskript abgegeben, muss schon wieder über das nächste Werk nachgedacht werden. Jedenfalls, wenn man – so wie ich – von dieser Arbeit lebt. Und auch nicht viel anderes kann ... Ich musste also irgendwann mit einem neuen Thriller beginnen. Nur: worüber schreiben? Über was? ÜBER WAS? Schließlich kann und will ich mir nicht jede psychische Erkrankung selbst zulegen, nur um danach aus eigenen Erfahrungen schöpfen zu können. Dabei sind eigene Erfahrungen bzw. Themen, die einen Autor selbst bewegen, sicherlich die beste Quelle für authentische und packende Geschichten.

© pressebild.de


Brainstorming mit mir selbst

Also: hinsetzen, Gedanken sortieren, Themen suchen. Was beschäftigt mich im Moment? Was berührt mich? Was ist mir wichtig? Die Antwort lag umgehend auf der Hand: Kinder. War es früher der langjährige und stark ausgeprägte unerfüllte Kinderwunsch (mehrere Fehlgeburten hatten bei mir ursprünglich die Zwangserkrankung ausgelöst), war ich nun mittlerweile glückliche Mama einer kleinen, kerngesunden Tochter. Und dazu in einer schönen Partnerschaft. Satt und zufrieden, möchte ich sagen. Und weil es zu den Grundregeln der Dramaturgie gehört, dass eine Geschichte dann am spannendsten ist, wenn der Hauptfigur das Allerallerallerschlimmste widerfährt, was ihr überhaupt zustoßen kann, entwickelte ich so aus dem Grundthema einen Anfang, einen Anstoß: Nimm einer Frau das Kind weg. Und töte ihren Mann, lass sie vollkommen allein und verzweifelt zurück, hoffnungslos, beinahe gebrochen. Schick sie dann auf die Suche nach ihrem Kind, auf die Suche nach dem ‚Warum’ – Lena Andersen war geboren.


Viele Wege führen nach Rom ...

... und noch viel mehr Wege führen vom Anfang einer Geschichte zu deren Ende. Mal abgesehen davon, dass es zig Bücher und Filme gibt, in denen die Hauptfigur einen geliebten Menschen verliert (weil es eben für viele das Schlimmste ist, was sie sich vorstellen können), macht das allein nun wirklich noch keinen Thriller. Hier geht die Arbeit erst richtig los, ab hier gilt es, die Ideen im Kopf von links nach rechts und wieder zurück zu drehen. Wer und wie ist meine Hauptfigur? Was könnte der Grund für die Entführung des Kindes sein? Welche anderen Figuren stelle ich Lena zur Seite, wer hilft ihr, wer bekämpft sie? Ideen tauchen auf und werden verworfen. Um irgendwann dann teilweise doch wieder aufgenommen zu werden.

Ich versuche mal zu erklären, wie ich eine Geschichte wie „Bald ruhest du auch“ entwickele. Als Ausgangssituation hatte ich mich also dafür entschieden, dass meine Hauptfigur zuerst ihren Mann und später noch ihr Kind verlieren soll. Nun ist das mit Sicherheit für jeden Menschen entsetzlich – aber was ist, wenn der- oder diejenige es auch noch teilweise selbst verschuldet hat? Ganz konkret: Daniel kommt bei einem Autounfall ums Leben. Also nehme ich meine Hauptfigur Lena und lasse sie mit ihm zusammen im Auto sitzen, lasse Lena einen – auch noch ziemlich unsinnigen – Streit vom Zaun brechen, der dazu führt, dass ihr Mann sie wütend aus dem Wagen wirft. Und dann so aufgebracht davonrast, dass er kurze Zeit später frontal in ein anderes Fahrzeug kracht. Lena ist damit „unschuldig schuldig“, wie man es in der Dramaturgie-Sprache nennt. Denn natürlich hat sie den Unfall nicht verursacht – aber irgendwie trotzdem doch. Damit trägt sie bis zu einem gewissen Grad auch für alle weiteren Ereignisse, die danach geschehen, die Verantwortung.

Ein weiteres Beispiel: Bevor Lena endlich schwanger wird, haben ihr Mann und sie viele Jahre versucht, ein Baby zu bekommen. Auch hier: So eine ungewollte Kinderlosigkeit ist für jeden schlimm. Aber wenn ich aus Lena eine Hebamme mache, also eine Frau, die JEDEN VERDAMMTEN TAG mit Babys und glücklichen Neu-Eltern zu tun hat – ist so ein Schicksal dann nicht noch schwerer zu ertragen? So etwas nennt man die „Fallhöhe“ einer Figur; und je größer diese Fallhöhe ist, desto mehr Druck entsteht, desto mehr nimmt uns ihr Schicksal mit. Und damit entsteht eben Spannung.

So arbeite ich, so setze ich meine Geschichten Puzzlestück für Puzzlestück zusammen. Dabei ist mir immer ganz wichtig: Was könnte im wirklichen Leben passieren? Jedem von uns, jeden Tag? Ich persönlich – und das ist wirklich nur mein eigener Geschmack – finde am ehesten solche Geschichte fesselnd, die tatsächlich jedem von uns widerfahren könnten. Der wahnsinnige Serienkiller, der die abstrusesten Ritualmorde begeht oder sein Opfer über Jahre in einem Vakuumtank einsperrt, ist nicht so meins. Ganz einfach, weil mir das keine Angst macht und auch nicht sonderlich berührt, denn so etwas hat nichts mit meinem Leben zu tun. Ich fürchte mich eher vor dem, was in uns allen steckt. Auch in mir.


Der kleine Schmerz des täglichen Seins

Wie gesagt, das ist ganz einfach mein Geschmack. Also arbeite ich auch so. Ich versuche, mich in die kleinen und großen Dramen und Verletzungen hineinzudenken, die uns allen Tag für Tag zustoßen; manchmal so unbedeutend, dass wir erst später merken, wie sehr sie uns getroffen haben. Emotionen spielen, denke ich, in meinen Romanen eine sehr große Rolle.

Der kleine Schmerz, der, wenn er nicht überwunden wird, ein unerträgliches Ausmaß annehmen kann. Und der aus jedem Menschen nicht nur Opfer, sondern auch Täter werden lassen kann. Verhängnisvolle Fehlentscheidungen, die wir treffen. Unausgesprochenes und Missverständnisse, die in die Katastrophe führen können – DAS sind meine Geschichten.

Ich hoffe, dass es mir mit „Bald ruhest du auch“ gelungen ist, wieder so eine Geschichte zu erzählen. Beurteilen müsst das natürlich Ihr als Leser. Viel Spaß dabei! :)



  • Broschiert: 448 Seiten
  • Verlag: Diana Verlag (16. März 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453291719
  • ISBN-13: 978-3453291713







Kommentare:

  1. Danke für diesen Beitrag! Das Buch liegt bei mir und wird bald gelesen. Ein sehr interessanter Beitrag! Ich freue mich jetzt noch mehr drauf.

    Liebste Grüße
    Sabrina

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  2. Tolles Interview zu einem vielversprechenden Buch, das sicher bei mir einziehen wird. Dankeschön.

    Liebe Grüße von
    Sabine

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  3. Vielen Dank für dieses offene und sehr berührende Interview! Auch die Story des Romans macht Lust auf mehr :).

    Liebe Grüße
    Ascari vom Leseratz Blog

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  4. Hallöchen Claudia,
    bin gerade über deinen Blog gestolpert und nach dem ich diesen Post gelesen habe, musste ich einfach Leserin werden. Dein Artikel ist interessant und toll geschrieben.

    "Alles muss versteckt sein" liegt noch auf meinem SuB. Ich musste es einfach unbedingt haben, weil ich das Cover einfach sooooo genial finde. Bisher bin ich aber noch nicht dazu gekommen, es auch zu lesen. Jetzt drängt es mich aber schon arg...

    Viele liebe Grüße
    Nelly

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    1. Freut mich, dich als Leserin dazu gewonnen zu haben :)
      Hoffentlich wirst du noch viele schöne Buchtipps abgreifen können.

      LG Claudia

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