Dienstag, 24. März 2015

[Die Story hinter dem Buch] Vosseler, Nicole C. - Mariposa - Bis der Sommer kommt




heute:



Vosseler, Nicole C. - Mariposa - Bis der Sommer kommt
 



„Nicht mehr als der Flügelschlag eines Schmetterlings“, erzählt meine Heldin Nessa zu Beginn des Romans, „war diese eine winzige Entscheidung, die ich an jenem Herbsttag traf.“
Eine Laune des Augenblicks, die ihr Leben später aus dem Gleichgewicht bringen wird.

Eine solche Laune war es auch, die mich nach Mariposa brachte.

Mariposa
© Nicole C. Vosseler


Es war im Herbst 2010, ziemlich am Anfang meiner ersten Reise durch den Südwesten der USA.
Auf dem Weg von San Francisco in den Yosemite, auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit nicht allzu weit entfernt vom Nationalpark, entdeckte ich auf der Karte einen Ort namens Mariposa.
Mariposa ist das spanische Wort für Schmetterling. Und Schmetterlinge, in fast allen Kulturen und zu allen Zeiten das Sinnbild für Verwandlung und Neubeginn, haben schon immer eine besondere Faszination auf mich ausgeübt; ich trage sogar ein Schmetterlingstattoo auf meiner Schulter.
Ich wusste sofort: Ich muss nach Mariposa. Da will ich eine Nacht verbringen. Nur um des Namens willen.

On the road
© Nicole C. Vosseler

Mariposa liegt nicht einmal vier (gemütliche) Autostunden von San Francisco entfernt – und doch mitten im Nirgendwo. Hinter Meilen und Abermeilen von Pistazien- und Mandelbäumen, deren Reihen bis an den Horizont reichen. Hinter Grasland und Wald und weitem Himmel, eingebettet in die hügeligen Ausläufer der Sierra Nevada. An einem Highway, der aussieht, als ob nur alle paar Tage mal ein Auto durchkäme.
Eine Landschaft wie in einem Road Movie.
Oder in einem Song von Bon Jovi.

Und Mariposa ist … schräg. Auf eine liebenswerte Art schräg, die mich in der knappen Stunde, die ich nach meiner Ankunft dort bis zum Einbruch der Dunkelheit hatte, vollkommen bezauberte.
Ein wirklich winziges, putziges, ein bisschen skurriles Städtchen, wie herausgefallen aus der Zeit.
Angefangen von der rustikalen Sports Tavern, in der ich zu Abend aß und die mich an einen Westernsaloon erinnerte bis hin zu der Grizzly Gas Station mit den beiden riesigen Plastikbären neben den Zapfsäulen.
Wie eine Filmkulisse, dachte ich, für einen Film irgendwo zwischen Gilmore Girls und Twin Peaks.
Oder wie der Schauplatz eines Romans.

Central Mariposa
© Nicole C. Vosseler

Vom Yosemite sah ich am nächsten Tag nicht allzu viel.
Weil ich mich unterwegs spontan entschlossen hatte, noch einen Umweg über Sacramento zu machen, kam ich einen Tag später in den Yosemite als ursprünglich geplant. Genau dieser eine Tag, an dem das Wetter umschlug, es im Yosemite Valley aus Eimern goss und sowohl die Tioga als auch die Sonora Road seit dem frühen Morgen wegen Schneefalls geschlossen waren. Um nach Nevada zu gelangen, blieb nur noch der Weg über den Ebbetts Pass - eine verflixt enge, steil hinauf und hinab führende Straße mit Haarnadelkurven. An einem grauen, lichtlosen Tag und in dichtem Schneegestöber, durch finstere Wälder und oberhalb scharf abfallender Felswände. 
Regenwolken im Yosemite
© Jörg Brochhausen

Eine beängstigende, alptraumhafte Fahrt, die scheinbar kein Ende nehmen wollte.
Zumindest kein gutes.
Als sie dann doch ein glückliches Ende nahm, auf der anderen Seite des Passes, brach ich erst einmal in Tränen aus. Vor Erleichterung, es heil hinüber geschafft zu haben – aber auch, weil der Blick auf die frisch verschneiten Gipfel des Yosemite, hinter denen gerade die Sonne unterging, mich komplett überwältigte.
Und als sich auf dem weiteren Weg  irgendwann vor mir in der Abenddämmerung ein grünes Tal wie aus einem alten Western öffnete, wusste ich, dass sich diese Ecke der Welt in mein Herz geritzt hatte.

Hinter Ebbetts Pass
© Jörg Brochhausen


Wie, so fragte ich mich, wäre es für jemanden, der gegen seinen Willen aus einer Großstadt in den Yosemite verfrachtet wird und einige Zeit hier verbringen muss? Was für eine Vorgeschichte könnte dahinter stecken? Und was könnte das Geheimnis sein, das ein Städtchen wie Mariposa verbirgt?
Alles vor dem Hintergrund von „Boy Meets Girl“ und verbunden mit der reichen Symbolik der Schmetterlinge.
Fragen, Gedanken, Tagträumereien und Ideen, die sich bei mir festhakten und mich die ganzen restlichen dreitausend Meilen durch den Südwesten der USA nicht mehr losließen, genauso wenig wie danach zu Hause in Deutschland.

Half Dome
© Jörg Brochhausen

Ich musste ganz einfach noch einmal nach Mariposa.

Dieses Mal mit der Geschichte von Nessa und Jake im Gepäck, die längst zu einem Herzensprojekt von mir geworden war. Mit jedem Tag, den ich im August 2012 in Mariposa unterwegs war, verwoben sich Realität und Fiktion enger, wurde das reale Mariposa mehr und mehr zu dem Mariposa meiner Geschichte.
Und dieses Mal konnte ich auch die wildraue Schönheit des Yosemite für mich entdecken. Ausgerechnet ich, die sich eigentlich gar nicht so viel aus Berglandschaften macht, mehr der Meerestyp ist.
Bei schönstem Sommerwetter konnte ich die Fahrt über die Tioga Road nachholen und nahm von dort Eindrücke mit, die ebenso unvergesslich geblieben sind wie die meiner Alptraumfahrt über den Ebbetts – und deshalb haben auch beide Fahrten ihre Widerspiegelung im Roman gefunden.

Tuolumne Meadows
© Jörg Brochhausen


Einmal war ich noch in Mariposa, im vergangenen Oktober.

Voll glückseligen Staunens, dass aus dieser Laune damals, die mich dort nur eine einzige Nacht hatte verbringen lassen wollen, nur des Namens wegen, vier Jahre später ein ganzer Roman entstanden war.


  • Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
  • Verlag: cbj (30. März 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3570155366
  • ISBN-13: 978-3570155363
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 12 Jahren




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