Sonntag, 19. April 2015

[Gastrezension] Dellaira, Ava - Love Letters to the Dead

Gastrezension von Verena


Alles beginnt mit einem Brief: Für ihren Englischunterricht soll Laurel einen Brief an eine verstorbene Persönlichkeit schreiben. Kurzerhand wählt sie Kurt Cobain – den Lieblingssänger ihrer Schwester May, die genau wie Kurt viel zu früh starb. Mays Tod ist erst ein paar Monate her und Laurel fühlt sich verloren, in ihrer neuen Schule, in ihrer zerbrochenen Familie, in ihrer eigenen Haut. Sie beginnt sich hinter Mays Kleidung zu verstecken, versucht zu sein wie ihre Schwester, schlüpft in ihre Rolle.


Aus diesem einen ersten Brief an Kurt Cobain wird eine lange Unterhaltung mit toten Berühmtheiten wie Janis Joplin, Amy Winehouse und Heath Ledger. Beim Schreiben dieser Briefe kann Laurel ganz sie selbst sein und sie erzählt ihnen von der neuen Schule, ihren neuen Freunden, ihrer verstorbenen Schwester, ihrer zerrütteten Familie und Sky, ihrer ersten großen Liebe. Langsam kommt sie der Wahrheit über sich und ihre Schwester immer näher, dadurch findet Laurel zurück in ihr Leben und hat die Kraft einen letzten Brief an May zu schreiben...

Seit ich das Cover zum ersten Mal in der Vorschau gesehen habe, bin ich verliebt – in die Schlichtheit, die von dem Sternenhimmel mit der untergehenden Sonne ausgeht, in die Ruhe, die das Mädchen, auf dem „E“ sitzend, schreibend mit Papier und Stift in der Hand, ausstrahlt, in den zauberhaften Titel. Da mich auch der Klappentext überzeugt hat, waren meine Erwartungen dementsprechend riesengroß.
 
Nach dem Tod ihrer Schwester hat Laurel die Schule gewechselt um nicht mehr täglich den mitleidigen Blicken ausgesetzt zu sein, sie ist sehr zurückgezogen und schüchtern, taucht in ihrer neuen Schule unter. Der Verlust ihrer geliebten älteren Schwester macht ihr sehr zu schaffen und um sich nicht ganz zu verlieren schlüpft Laurel in May hinein. Sie trägt ihre Kleidung und benimmt sich wie sie, denn in Laurels Augen war May perfekt und sie wäre gerne wie sie. Laurel ist nicht mehr sie selbst und tut Dinge, die sie normalerweise niemals tun würde. So wie sie sich gibt und sich versucht anzupassen um cool zu sein und geliebt zu werden, stehen ihre Taten im krassen Gegensatz zu ihren Gefühlen, Empfindungen und Erzählungen in ihren Briefen. Als Leser merkt man sehr schnell, dass Laurel da ganz anders ist. Denn ihre klugen, tiefgründigen, teilweise philosophisch angehauchten Gedanken in den Briefen an die Verstorbenen regen den Leser zum Weiterdenken an. Es ist als versuche Laurel, sie selbst und May zugleich zu sein: Hin- und hergerissen zwischen sich und ihrer Schwester.

„Ich glaube, wenn man etwas verliert, das einem wirklich viel bedeutet, ist das so, als würde man ein Stück von sich selbst verlieren.“ (Seite 20)

In Laurels Briefen erfährt der Leser auch viel über ihre neuen Freundinnen Hannah und Natalie, über Sky, weitere Freunde, Laurels Eltern und ihre Tante. Ab und an schreibt Laurel etwas über deren Leben, was sich ganz wunderbar in die Handlung einschmiegt und für Abwechslung sorgt. Ebenfalls bringen die vielen verschiedenen verstobenen Persönlichkeiten, die Laurel nicht zufällig wählt, Abwechslung in das Geschehen. In jedem neuen Brief stellt sie einen Zusammenhang her, warum sie gerade demjenigen schreibt und wie deren Leben ausgesehen haben kann. So erfährt der Leser zum Beispiel einiges über Amelia Earhart, die nur davon geträumt hat zu fliegen und dabei verschwunden ist, über Judy Garland, die stets alles gegeben hat, es aber doch nie genug war und über Janis Joplin, die oft in ihrem knallbunten Porsche unterwegs war. Und obwohl Laurel viel aus deren Leben erzählt, hätte ich mir manchmal gewünscht noch mehr zu erfahren.
Auf Anhieb verzaubert die Autorin mit einem großartigen Schreibstil. Obwohl sie ihre Worte sehr schlicht wählt, die Briefe angenehm flüssig zu lesen sind, berühren Laurels Gedanken und es entsteht eine Tiefgründigkeit, die zum Nachdenken anregt, aufrüttelt und den Leser nicht mehr loslässt. Laurels Gedanken über Freundschaft, Liebe und den Verlust ihrer geliebten Schwester helfen ihr mit ihrer Trauer umzugehen und den Weg zurück in ihr Leben zu finden.

„Manchmal sind wir so randvoll mit allen möglichen Gefühlen, dass wir nicht merken, wie unser Verhalten auf jemand anderen wirkt.“ (Seite 288)

Obwohl mich sowohl der Schreibstil als auch die Idee mit den Briefen an verstorbene Persönlichkeiten überzeugen konnten und mich das Buch sehr berührt hat, muss ich mir eingestehen, dass meine Erwartungen nicht ganz erfüllt wurden. Ich war sehr erschrocken, dass bei den Freundinnen Rauchen, Stehlen, Trinken, Lügen und ein großer Männerverschleiß im Vordergrund stehen und das Rebellieren eine so große Rolle spielt. Und das, wo die Mädchen erst um die 15 Jahre alt sind. Es geht zwar auch um Freundschaften, Liebe und Gefühle – dennoch hätte es diese extremen Ansichten meiner Meinung nach nicht gebraucht. Es macht das Buch, welches so leise daher kommt ziemlich unruhig. Der Schluss und die vielen berührenden Zitate haben mich jedoch versöhnlich gestimmt und ich bin sehr froh dank Claudia dieses Buch gelesen zu haben.

„Man bildet sich ein, jemanden zu kennen, und vergisst darüber, dass jeder Mensch sich ständig verändert, auch man selbst. Plötzlich verstand ich, dass genau das ein Zeichen unserer Lebendigkeit ist. Wir haben unsere eigenen tektonischen Platten in uns, die ständig in Bewegung sind und sich immer wieder neu ausrichten, während wir uns langsam zu dem Menschen entwickeln, der wir sein werden.“ (Seite 375)

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: cbt (23. Februar 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3570163148
  • ISBN-13: 978-3570163146
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren
  • Originaltitel: Love Letters To the Dead
  • Verlag:
    http://www.randomhouse.de/cbt/



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