Freitag, 3. Juli 2015

[Die Story hinter dem Buch] Rehn, Heidi - Tanz des Vergessens




heute:


 Rehn, Heidi - Tanz des Vergessens

 

Es gibt Geschlechterklischees, die mich zur Weißglut treiben, aber zu einem stehe ich voll und ganz: Ich liebe Taschen! Natürlich musste ich deshalb vor zwei Jahren auch unbedingt in die große Ausstellung „Taschen. Eine europäische Kulturgeschichte vom 16. bis 21. Jahrhundert“ im Bayerischen Nationalmuseum. Als Autorin von historischen Romanen kann ich so etwas guten Gewissens ja immer gleich als „Recherche“ deklarieren. 

Bestickte Tasche aus dem Ural
© Heidi Rehn

Wie wahr das in diesem Fall wirklich würde, stellte sich im letzten Saal der großen Schau heraus, nachdem ich mich vorher brav an ermüdend vielen Beispielen barocker Beuteltaschen, frühneuzeitlicher Geldbörsen und ersten Reisegepäckstücken sowie den Schautafeln mit entsprechenden Verarbeitungstechniken entlanggehangelt hatte. Ausgerechnet ein eher unscheinbares, relativ kleines rechteckiges Modell, schlicht bestickt mit grünen Glasperlen inmitten glamouröser Designerstücke aus dem 20. Jahrhundert brachte mein Herz zum Rasen. Es war die erste Tasche mit Reißverschluss!
Ich gebe zu, besonders sensationell klingt das jetzt erst einmal nicht. Aber wusstet ihr, dass Reißverschlüsse, die wir heute in allen nur erdenklichen Farben, Formen und Varianten täglich hunderte Male an allen möglichen Kleidungsstücken und eben auch Taschen verwenden, erst Anfang des 20. Jahrhunderts Eingang in den Alltag fanden? Zwar gab es die ersten Entwicklungen von solchen Verschlüssen bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts, aber der eigentliche Durchbruch dieses genialen Dings gelang erst Mitte der 1920er Jahre. Und 1925 wurde auch jene Tasche mit Reißverschluss im Bayerischen Nationalmuseum gefertigt, die mein Herz im Sturm erobert hat.

Reißverschluss der Marke RiRi, wie er auch im Roman von Lou verwendet wird
© Heidi Rehn

Zur Zeit meines Ausstellungsbesuchs hatte sich allerdings auch schon meine Figur Lou in meinem Herzen sehr breit gemacht. Kein Wunder also, dass die erste Reißverschlusstasche und meine Lou für mich sofort eine Symbiose eingehen mussten. Schließlich braucht eine Romanfigur nicht nur einen packenden Plot, ein ergreifendes Schicksal, das ihr Leben buchstäblich auf den Kopf stellt, und natürlich eine halbe Armada an Mit- und Gegenspielern. Sie braucht vor allem auch ein ganz normales Leben! Für mich heißt das, allen meinen Figuren einen ordentlichen Beruf zu geben (was bei mir bezeichnenderweise gleichbedeutend ist mit einer Leidenschaft). Und so ist aus meiner Lou eine gelernte Täschnerin geworden.

handgefertigte Tasche mit Reißverschluss von Vivi Holm
© Heidi Rehn

Damit hat die eigentliche Arbeit für mich allerdings erst begonnen: Ich musste mich ausführlich damit beschäftigen, wie man Taschen zur Zeit meines Romans, also in den frühen Zwanziger Jahren, hergestellt hat und wie es zu dieser Geschichte mit dem Reißverschluss gekommen ist. Da eine meiner persönlichen Leidenschaften ohnehin schon seit langem Taschen sind (vor allem rote) und ich mich außerdem in all meinen Romanen zufällig immer irgendwie mit (alten) Handwerksberufen beschäftige, hatte ich gleich eine erste Anlaufstelle: Vivi Holm aus München. Vivi fertigt ganz tolle Taschen (http://viviholm.com/) nach eigenen Entwürfen und ausschließlich in Handarbeit.
Ihr durfte ich zum Glück Löcher in den Bauch fragen, was man so braucht, wenn man eine Tasche machen will, angefangen vom Leder oder sonstigem Material über Werkzeuge wie Nadeln, Ahlen, Nähross, Nähkolben etc. bis hin zur Werkstattausstattung. Als Kind habe ich oft in der Werkstatt unseres Schusters gesessen. Da der buchstäblich alles, was aus Leder war, genäht und geflickt hat, kannte ich von daher schon die diversen Nähmaschinen, die ich im Roman dem Lederwarentandler Prantl, bei dem Lou in München arbeitet, in die Werkstatt gestellt habe. Auch der typische Geruch, der frisch gegerbtes Leder ausmacht, stieg mir beim Schreiben sofort wieder in die Nase, genauso wie ich das vermeintliche Chaos vor mir sah, das in solch einer Werkstatt mitunter herrschen kann.

perlenbestickte Abendtasche mit Bügelverschluss
© Heidi Rehn

Aber Taschen bestehen ja nicht nur aus Leder, sondern aus allen möglichen Materialien. Sie können bestickt oder mit Perlen verziert werden und dank ihrer Form und ihrer Verschlüsse ihren ganz besonderen Charakter erhalten. Inspirationen dazu, was im frühen 20. Jahrhundert en vogue war, habe ich mir in der Bayerischen Staatsbibliotheken beim Blättern in riesigen Stapeln von Modezeitschriften, Illustrierten und Zeitungen aus jener Zeit geholt. Ein wunderbarer Zufall war, dass ich dabei im Berliner Börsen Courier auf einen Bericht über die „Mode und Heim. Erste große Herbstmesse“ im Berliner Sportpalast im September 1924 gestolpert bin. Damit hatte ich gleich den passenden historisch belegten Ort, um Lous geniale Erfindung zu präsentieren.
Von München im Mai 1919 bis nach Berlin im September 1924 hat sie allerdings einen sehr beschwerlichen Weg zurückzulegen. Ich wünsche euch allen viel Spaß beim Lesen, was Lou und ihren Freunden an tragischen wie auch an schönen Dingen passiert.

 Eure Heidi Rehn



  • Taschenbuch: 560 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. Juli 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426515911
  • ISBN-13: 978-3426515914






1 Kommentar:

  1. An mir ist das Taschengen zwar ebenso voruebergewischt wie das Schuhgen, aber das ist so schoen geschrieben, dass ich mir glatt eine kaufen koennte. Danke, Heidi und Lou! Alles Liebe von Charlie

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