Dienstag, 21. Juli 2015

[Story hinter dem Buch] Pistor, Elke - Ein Verena-Irlenbusch-Krimi (02) Treuetat



heute:


Pistor, Elke - Ein Verena-Irlenbusch-Krimi (02) Treuetat

 

Bei den Recherchen zum ersten Band der Todt & Irlenbusch – Reihe „VERGESSEN“ habe ich mich sehr intensiv mit der Alzheimer Erkrankung auseinander gesetzt, ihren Ursachen und ihren Folgen. Eines der vielen Phänomene, die in diesem Zusammenhang auftauchen, sind Angstattacken, die die Betroffenen erleiden, weil sie bestimmte Situationen nicht mehr richtig verarbeiten und in einen für sich ‚sicheren‘ Zusammenhang stellen können.

Ursachen für diese Angstattacken gibt es viele. Ein sehr weit verbreiteter, aber in der Öffentlichkeit nur langsam bekannt werdender Grund sind traumatische Erlebnisse, die diese Generation der zwischen 1930 und 1945 Geborenen in den Kriegsjahren und unmittelbar danach als Kinder erlebt und erlitten haben. Tod und Zerstörung, Vergewaltigungen, Orientierungslosigkeit der Eltern, weil das bis dahin geltende Weltbild nicht nur wegbrach, sondern sich als eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte herausstellte. 

Ich erinnere mich, wie ich zuerst dachte, ach nein, nicht noch ein Kriegsthema. Aber es war dann nicht das große Ganze, das mich faszinierte und nicht mehr los ließ, sondern die persönliche, menschliche Ebene. Nicht die beeinflusste Masse, sondern der einzelne Mensch. Das einzelne Schicksal. Der einzelne Weg. 

Zeit, Wille und die gesellschaftliche Bereitschaft, die erlebten Traumata zu verarbeiten, waren in der Nachkriegszeit nicht vorhanden. Man hatte ‚Besseres zu tun‘, verdrängte die schlechten Erinnerungen, sprach nicht über ‚solche Sachen‘. 

Durch die Demenz brechen nun heute die intellektuellen Schutzwälle weg, eine zeitlich richtige Einordnung ist nicht mehr möglich. Da wird in der Realität der Erkrankten der junge Pfleger, der kommt, um die Patientin zu waschen, ein feindlicher Soldat, ein Vergewaltiger, dem sie schutzlos ausgeliefert ist. Die panische Reaktion aus dieser Perspektive ist völlig verständlich.

Aber das Verdrängen hatte auch schon vorher weitreichende, schleichende Folgen. Das Trauma gärt weiter, beeinflusst die körperliche Gesundheit und unbewusst das eigene Handeln und Weiterleben. Aus diesen Kindern des Krieges wurden Erwachsene, die selbst Kinder bekamen und erzogen - die Generation der Babyboomer (Anfang der Fünfziger bis Ende der Sechziger Jahre). 

© Marius Faßbender

Ich selbst bin ein Kind der Kriegskinder, aber mir war lange nicht bewusst, dass die Kriegsvergangenheit auch in meiner Generation Spuren hinterlassen hat. Wir sind geprägt von bestimmten Erziehungsstilen, von Entbehrungen und Erlebnissen unserer Eltern – und haben selbst wieder Kinder. Mit der Erkenntnis, dass viele Probleme, denen sich meine Generation aktuell stellen muss, hier ihre Ursachen haben, steht man heute, 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, erst am Anfang.

Für TREUETAT habe ich mich mit diesem Thema auseinander gesetzt, Fragen gestellt, die auch weit in mein persönliches Erleben reichten. Nicht alle meine Gesprächspartner waren offen, konnten oder wollten es nicht. Ich habe versucht, viele Stimmen dazu zu hören und die unterschiedlichsten Aspekte aufzunehmen. 

Darf man in Deutschland von Opfern des Krieges auf der Deutschen Seite sprechen? Was geht in Leuten vor, die erkennen, dass ihre Eltern und Großeltern Aktive innerhalb des Naziregimes waren? Wie verändert diese Erkenntnis ihr Selbstbild? Welche Auswirkungen hat diese kollektive Vergangenheit bis heute auf unser persönliches Leben? 

Viele sagen, dass es in ihrer Familie diese Erfahrungen und Einflüsse nicht gibt. Aber das stimmt nicht. Sie sind da. Auf die ein oder andere Art. Nur der Umgang damit unterscheidet sich. Das war mein Zugang zum Geschehen und den Figuren in TREUETAT. Der Ausgangspunkt für die Geschichte.


geschrieben von
Elke Pistor
Köln, im Juli 2015


  • Taschenbuch: 300 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (10. Juli 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548286119
  • ISBN-13: 978-3548286112




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