Dienstag, 14. Juli 2015

[Story hinter dem Buch] Wünsch, Gabriele - Das Haus, das alle Träume kennt



heute:


Wünsch, Gabriele - Das Haus, das alle Träume kennt

 




Als Claudia mich fragte, ob ich Lust habe, zu meinem neuen Roman einen Beitrag für ihre Rubrik »Die Story hinter dem Buch« zu schreiben, war ich auf der Stelle begeistert. Was für eine interessante Idee, das »Making of...« einer Lesegeschichte zu erzählen!

Wie das Leben so spielt, zog es sich dann eine Weile hin, bis ich dazu kam, intensiv über den genauen Text nachzugrübeln. Und wie das Leben so spielt, habe ich, während ich diese Zeilen schreibe, etwas mehr Zeit als üblich zum Grübeln. Nach einem ziemlich dämlichen Unfall, der zu einem noch dämlicheren Bruch führte, bin ich nämlich gerade in einer Rehaklinik. Wenn man in Rehakliniken so ab circa 16 Uhr eines hat, dann Zeit. 

Mein Aufenthalt hier kam für mich, könnte man sagen, ganz schön überraschend. Auch wenn ich in letzter Zeit immer mal vor mich hin seufzte, dass ich mal wieder richtig Urlaub machen müsste - so hatte ich mir den dann doch nicht vorgestellt. Wobei ich bei zwei Stichworten bin, die eine geradezu ideale Überleitung darstellen zum »Making of: Das Haus, das alle Träume kennt«: überraschend und etwas anders als eigentlich gedacht. 

Wenn man als Autor ein Buchprojekt verkaufen will, schreibt man erst mal einen ausführlichen Plot und ein möglichst knackiges Exposé. Die Eckdaten und der Grundablauf der Geschichte sind also vor dem Start abgesteckt, obwohl sich beim Schreiben dann natürlich immer wieder mal etwas verändern kann. Als ich die Vorarbeiten für das »Haus« machte, ahnte ich allerdings nicht, dass dieser Roman ein Abenteuertrip mit ungeahnten Wendungen werden würde. Und ich rede jetzt nicht von technischen Kleinigkeiten wie der, dass sich der nette Bauingenieur eines Denkmalpflegeamtes, den ich im Vorfeld mit Fragen nerven durfte, halb totlachte über meinen Einfall, in ein sehr altes Wohnhaus bei der Sanierung eine Tiefgarage einziehen zu wollen. 

Aber von Anfang an. Bei mir ist es so, dass ganz am Anfang eines Romans immer Figuren stehen. Sie sind irgendwann plötzlich da, oft lange, bevor mir klar wird, was ich mit ihnen anfangen kann. Also kommen sie erst mal rein, setzten sich hin und wir beschnuppern uns. Ich mache das genau so wie mein Dackel. Erst mal checken, wie diese Figur so drauf ist. Wie ist sie? Was fühlt sie? In welcher Lebenssituation steckt sie? Hat sie eine Macke, dieses oder jenes Problem? Wovon träumt sie? 

Manchmal ist es so, dass eine Figur eine ganze Weile in meinem geistigen Gästezimmer herumsitzt und dann stellen wir doch fest, dass wir es nicht schaffen, uns zu einer gemeinsamen Geschichte zusammenzuraufen. Manchmal platzt aber auch mit großem Getöse ein neuer, unerwarteter Figurengast herein und es stellt sich heraus, dass er oder sie der Traumpartner für jemanden ist, der schon länger auf seinen Einsatz fiebert.

So war es bei Birgit und Johanna, den beiden Hauptprotagonistinnen im »Haus«. Birgit hatte ich schon länger im Kopf und im Herzen. Eine Frau Anfang 50, die nach einem Bandscheibenvorfall ihren Beruf als Physiotherapeutin nicht mehr ausüben kann. Ihr Ehemann, seines Zeichens Psychotherapeut, wartet rücksichtsvollerweise, bis sie sich nach diesem Schlag etwas gefangen hat, bevor er ihr mitteilt, dass er eine Beziehung mit einer jungen Kollegin angefangen hat. Zwecks Klärung seiner Gefühlslage möchte er jetzt eine Ehepause. Birgit ist an einem Nullpunkt ihres Lebens, weiß nicht mehr, wie es weiter gehen soll.

Eigentlich hatte ich vor, sie in eine andere Geschichte zu schicken. Aber dann tauchte plötzlich Johanna auf. Eine wütende Kämpferin gegen die Macht des Finanzkapitals, eine Occupy-Aktivistin und Hausbesetzerin, eine junge Frau, die mit geradezu schmerzhafter Intensität liebt und lebt. Die beiden krachten in meinem Kopf völlig unerwartet ineinander. Dabei verband sie doch gar nichts. Außer .... einem Haus. 

Das war der Zündfunke, aus dem die Idee dieses Romans entstand. Birgit und Johanna würden sich in einem Haus begegnen. Einem Haus am Ufer eines Flusses, der durch eine süddeutsche Universitätsstadt fließt wie die Zeit, die langsam, aber unaufhaltsam alles verändert. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Romanhandlung einsetzt, wird das Gebäude mit der fiktiven Adresse Weinlände 22 gerade luxussaniert. Durch eine Verkettung von - vor allem für die Immobilienfirma unglücklichen - Umständen ist erst eine einzige Wohnung fertiggestellt ist: die von Birgits Freundin Kathrin. Weil die aber ausgerechnet am Tag des Umzugs zu ihren alten Eltern reisen muss, da die Mutter einen Unfall hatte, springt Birgit ein, um die Möbel in Empfang zu nehmen und die Wohnung zu hüten. Sie glaubt, dass sie nachts ganz allein im Haus ist, bis sie Geräusche auf der Treppe hört...

Agent und Verlag waren von der Idee sofort angetan. Ich setzte mich also hin, um die Geschichte von Birgit und Johanna zu erzählen, wie ich sie konzipiert hatte. Doch dann geschah etwas Merkwürdiges. Das Haus wollte eine größere, aktivere Rolle in der Geschichte und nicht nur der Handlungsort sein. Eines Nachts wachte ich zum Beispiel auf und stellte fest, dass es mir einen Prolog diktierte, der überhaupt nicht geplant war. Es ist, zugegeben, ein recht großspuriger und melodramatischer Prolog. Aber schließlich ist es auch nicht irgendein Haus, sondern steht seit zweihundert Jahren an seinem Platz, erbaut auf Fundamenten, die zurück bis ins sechzehnte Jahrhundert reichen. 

Also ließ ich dem Haus seinen Prolog. Wie sich jedoch herausstellen sollte, wollte es noch mehr. Nach und nach begriff ich, dass ich mit der Erfindung der Weinlände 22 einen Protagonisten ins (Buch) -Leben gerufen hatte, der seine eigenen Ziele verfolgte. Nicht, dass ich dem Haus in meinem Plot keine Vergangenheit gegeben hätte - in der einstigen Bel Etage wurde sogar mal eine Revolution ausgerufen. Doch es gab einen Mosaikstein seiner wechselhaften Geschichte, von dem ich noch nichts ahnte, als ich mit dem Schreiben begann. Er lag verborgen in den Fundamenten. Und das Haus gab keine Ruhe, bis auch dieser Teil der Geschichte seiner Bewohner dem Vergessen entrissen war..

© Gabriele Szebedits
 
Klingt verrückt? Nun ja, Bücherschreiben ist äußerlich fast immer eine scheinbar unbewegte Tätigkeit, bei der jemand Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat am Computer sitzt. Tief drin in diesem Bücherschreiber kann dabei jederzeit der Wahnsinn toben. 

Es war noch frostig morgens, als ich das erste Kapitel schrieb, Birgits Ankunft in der ihr fremden Stadt nach einer im Zug durchfahrenen Nacht. Da dachten wir beide noch, alles bei der Aktion Weinlände 22 liefe nach Plan. In einer gewittrigen Juliwoche, in der der Abgabetermin fürs Manuskript bedrohlich nahe rückte, war ich mir plötzlich sicher, dass das Haus mich mit seinem Pochen auf die Schicksale früherer Bewohner, ja auf die Geschichte der ganzen Stadt, in einen Irrgarten gelockt hatte, in dem mir Birgit und Johanna abhandengekommen waren. Ein Hauch von Herbst lag schon in der Luft, als Birgit sich eingestehen musste, dass mit Johanna etwas ganz und gar nicht stimmte und sie der einzige Mensch war, der ihr helfen konnte. Das war der Moment, in dem sich in mir endlich dieses unbeschreibliche Gefühl regte, dass das Wahnsinnsprojekt am Ende wirklich funktionieren könnte.

Ob es das tut? Es gibt professionelle Instanzen, Verlag, Lektorin, die mir bestätigt haben: Ja, tut es! Ihr glaubt gar nicht, wie gespannt ich jetzt auf das Urteil meiner Leser bin und darauf, was sie zu der Überraschung sagen, die am Ende wartet.

Mehr verrate ich hier natürlich nicht. Ich hoffe, das Buch zu lesen ist genauso spannend, wie es war, die Geschichte zu schreiben.

geschrieben von 
Gabriele Wünsch


  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. Juli 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426515938
  • ISBN-13: 978-3426515938




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