Dienstag, 25. August 2015

[Story hinter dem Buch] Beck, Lilli - Glück und Glas



heute:


Beck, Lilli - Glück und Glas

 


Am 07. Mai 1945, dem Tag, an dem Deutschland kapituliert, warten zwei Frauen in der Münchener Frauenklinik in der Maistraße auf die Geburt ihres Kindes. Während Elsa eine sogenannte „Hausschwangere“ ist und gegen ein Bett und Verpflegung als Anschauungsobjekt für Studenten und Hebammenschülerinnen dient, liegt Hilde, die Gattin eines Schuhfabrikanten, auf der Privatstation. Eigentlich hätten sie sich nie begegnen sollen. Doch als Elsa sich weigert, ihr Kind im Hörsaal zur Welt zu bringen, und in Hildes Zimmer Zuflucht sucht, ändert das Schicksal seinen Lauf.
Marion und Hannelore werden am selben Tag und am selben Ort geboren, aber ihr Schicksal steht nicht unter demselben Stern. Voller Mitgefühl für die obdachlose Elsa, deren Mann noch nicht aus dem Krieg zurück ist, bietet ihr Hilde an, als Haushaltshilfe bei ihnen anzufangen. Elsa darf die kleine Marion zur Arbeit mitbringen, und so wachsen die Mädchen wie Schwestern auf. Sie gehen zusammen zur Schule, und die kluge Hannelore hilft Marion bei den Hausaufgaben. Marion ist nicht dumm, doch sie muss im Haushalt helfen, und ist deshalb oft müde und unkonzentriert. Den ersten Knick bekommt die Freundschaft, als Hannelore aufs Gymnasium wechselt und Marion weiter die Volksschule besucht.

© Lilli Beck
Das Foto entstand 1957, zum Ende meines ersten Schuljahres. Ihr findet mich in der zweiten Reihe von oben, ziemlich in der Mitte. Ich trage ein kariertes Kleid mit weißem Bubikragen, weißer Schürze, einen Bubikopf und grinse mit zusammengekniffenem Mund.


Meine Romane beginnen mit einer zündenden Ausgangsidee. Mal ist es nur ein Blitzgedanke, mal ein besonderes Wort oder ein Gespräch. Bei GLÜCK UND GLAS war es das Treffen mit einer langjährigen Freundin. Wir kennen uns seit den Siebzigerjahren, als sie auf der Filmhochschule studiert und ich als Fotomodel gearbeitet habe. Damals gab sie mir eine kleine Rolle in einem ihrer Hochschulfilme, mit dem lustigen Titel: Persil ist auch kein Schnittlauch. Obwohl sich unsere Wege später getrennt haben, hielten wir Kontakt und trafen uns auch sporadisch. Bei einem Treffen im Oktober 2013 landeten wir mal wieder in unserer bewegten Vergangenheit. Sie meinte, dass wir irgendwann noch einmal zusammen einen Film drehen sollten und sie über ein Thema nachdenke. Worauf ich entgegnete, dass wir eigentlich auch unser Leben verfilmen könnten, da gäbe es genug Stoff. Dieser Satz muss sich in meinem Gehirn festgesetzt haben, denn zwei Tage später dachte ich: Warum eigentlich nicht?, und überlegte, wie ich meine Biographie in einem Roman unterbringen könnte. Etwa zur selben Zeit fielen mir immer wieder Artikel oder TV-Beiträge zum Ende des 2. Weltkriegs auf, das sich im Jahr 2015 zum siebzigsten Mal jähren würde. Und bei einer TV-Doku kam mir die Idee, eine Geschichte über zwei Freundinnen zu erzählen, die bei Kriegsende geboren werden. Ich selbst bin zwar „erst“ 1950 geboren, aber auch fünf Jahre nach Kriegsende waren noch längst nicht alle Schäden beseitigt, wie ich aus den Erzählungen meiner Mutter wusste. Meine Eltern, meine jüngere, damals zweijährige Schwester und ich, waren bei einer sehr bösartigen Frau zwangsweise einquartiert, die meine mit unserem Bruder hochschwangere Mutter, nicht in ihre Küche zum Wasser holen ließ, sondern sie zwei Stockwerke nach unten ins Waschhaus schickte. Das war 1953, und es hat noch bis weit in die 1960er Jahre gedauert, bis alle Menschen eine anständige Unterkunft hatten. Es war für alle sehr schwer, und nur die wenigsten hatten ausreichen zu essen. Ich kann mich zwar nicht erinnern, wirklich gehungert zu haben, so wie die Menschen in Kriegszeiten und auch noch die ersten Jahre danach, aber in meiner ganzen Kindheit musste jede Tafel Schokolade durch drei geteilt werden und im Winter war nur die Küche geheizt. Noch heute schleppe ich selbst bei 30 Grad im Sommer Jacken mit – es könnte ja kalt werden. Von einer Tafel Schokolade nur wenig zu essen, schaffe ich selten und es käme mir nie in den Sinn, Lebensmittel wegzuwerfen.


© Lilli Beck
Lilli als Einjährige mit Mama

Unser Leben wurde leichter, als meine Mutter 1959 in einem Kino als Platzanweiserin anfing. Ich erinnere mich, dass wir dann öfter mal ein Paar Wiener Würstchen bekamen. Da war ich neun Jahre alt, und musste ab dieser Zeit sehr viel im Haushalt helfen. Dafür durfte ich dann die Nachmittagsvorstellungen besuchen. Sogar Filme, die erst ab 16 Jahren freigegeben waren. Meine Mutter war da ziemlich fortschrittlich. Aus heutiger Sicht waren diese Filme aber ziemlich harmlos. An einen erinnere mich besonders gut: Solange es Menschen gibt, ein Melodram mit Lana Turner, der das anfangs tragische Leben einer jungen arbeitslosen Schauspielerin erzählt, die eine obdachlose Schwarze mit Kind bei sich aufnimmt, und die eine große Karriere macht. Beide Frauen sind verwitwet und kämpfen mit Rassenvorurteilen und der Vereinbarkeit von Mutterpflichten und Karriere. Bei Filmen wie diesen, entstand meine Liebe zu Geschichten und nicht zuletzt der Wunsch, reich und berühmt zu werden.

Vieles aus meinem ereignisreichen Leben habe ich in GLÜCK UND GLAS eingewoben, manches aber verändert bzw. anderen Figuren zugedacht, da einige meiner Freunde und Weggefährten noch leben. Die Modelgeschichten habe ich alle tatsächlich so erlebt - abgesehen vom Rauschgiftschmuggel. Das ist einem Mitbewohner aus meiner Kommune passiert, der lange im Gefängnis saß. Die Lebensgeschichte der beiden Freundinnen ist zwar rein fiktiv, aber auch in meinem Leben gibt es sei über 40 Jahren eine beste Freundin, mit der mich mehr verbindet, als nur Freundschaft.

Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, dieses Buch zu schreiben, nicht zuletzt wegen der umfassenden Recherchen, die nötig waren, für eine Story die vor dem Hintergrund Münchens spielt und auch die letzten 70 Jahre bundesdeutscher Geschichte abbildet. Ich hoffe, die Leser haben ebenso viel Vergnügen bei der Lektüre.

geschrieben von
Lilli Beck

Weitere Infos:


Interview-Portrait mit Lilli Beck zu "Glück und Glas" - Blanvalet 

 

  • Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Verlag (24. August 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3764505435
  • ISBN-13: 978-3764505431





Kommentare:

  1. Das klingt so unglaublich interessant. Als junger Mensch weiß man über diese schwere Zeit eigentlich viel zu wenig und obwohl ich schon älter bin, weiß ich nur aus wenigen Erzählungen meiner Mutter und Oma etwas davon. Dieses Buch möchte ich auch lesen, es darf auf meine Wunschliste. LG

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  2. Ich habe gestern Abend mit dem Buch angefangen und bin schon sehr gespannt auf die Geschichte von Moon und Lore. Danke für das tolle Interview! Es ist sehr aufschlussreich!
    Liebe Grüße
    Martina

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  3. Hallo Claudia,
    da ich das Buch aktuell lese, finde ich diese "Story hinter dem Buch" sehr interessant und mag auch die persönliche Note, die die Bilder vermitteln.
    Ich sage DANKE für die Vorstellung.
    Liebste Grüße,
    Hibi

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