Dienstag, 4. August 2015

[Story hinter dem Buch] Jary, Micaela - Wie ein fernes Lied



heute:


Jary, Micaela - Wie ein fernes Lied

 


Meine erste intensive Begegnung mit dem Thema Swing im Zweiten Weltkrieg liegt fast fünfzehn Jahre zurück. Damals absolvierte meine Tochter ein Schülerpraktikum bei der Hamburg Welle des Norddeutschen Rundfunks. Eines Abends erzählte Jessica mir am Telefon von einem interessanten Mann, der in ihrem Alter – also mit siebzehn oder achtzehn Jahren – wegen seiner Musik ins Konzentrationslager Moringen musste. Der Mann hieß Günter Discher (1925–2012) und war der »älteste DJ Deutschlands«. Er schenkte Jessica etwas Basisliteratur über Jazzmusik im Dritten Reich und die Hamburger Swingjugend – und zu meiner größten Überraschung fand ich in den Sachbüchern meinen Vater wieder. 

© Rossigraphie

Natürlich wusste ich, dass mein Vater, der Komponist Michael Jary, in den Jahren 1941 bis 1944 ein Kammertanzorchester geleitet hatte. Ich wusste auch, dass dies eine reine Studioband gewesen war, die niemals öffentlich aufgetreten ist. Und ich kannte viele Musiker persönlich, die damals mit ihm gespielt haben. Jedenfalls wusste ich einiges über diese Zeit, aber ich kannte den Stellenwert nicht, den das Kammertanzorchester Michael Jary offensichtlich in der Geschichte des Swing in Deutschland einnahm. Mein Interesse war geweckt – und ich begann das Thema zu recherchieren. 

Kammertanzorchester mit Michael Jary
© Micaela Jary

Leider konnte ich meinen Vater nicht mehr fragen, da er schon 1988 verstorben war, aber ich lernte Günter Discher kennen und stellte auch fest, dass einige Hamburger Freunde meiner Eltern Mitglieder der Swingjugend gewesen waren. Dabei handelte es sich um Jugendliche, die sich nicht unbedingt zum Widerstand gegen das Dritte Reich organisierten, aber ganz entschieden bürgerlichen Ungehorsam leisteten. Ich nahm Kontakt zum Jazzinstitut Darmstadt auf, außerdem zum Barmbeker Schallarchiv in Hamburg, und war irgendwann den spektakulärsten Geschichten zum Swing im Zweiten Weltkrieg auf der Spur.


Wer sich mit dem Thema beschäftigt, kommt irgendwann unweigerlich nach Paris. Ich las viel über Django Reinhard und über den legendären Hot Club de France sowie über die Zazous, die französische Swingjugend. Selbst unter der Nazi-Herrschaft blieb Paris eine der Hochburgen des Swing, wenn nicht sogar das europäische Zentrum des Jazz. Deshalb stand für mich von Anfang an fest, dass, wenn ich einen Roman mit diesem musikalischen Hintergrund schreiben wollte, dieser auch in Paris spielen müsse. 

Recherchematerial zum Buch: zwei Paris-Reiseführer aus der Besatzungszeit und ein alter Stadtplan
© Micaela Jary

Hinzu kommt, dass ich die Stadt an der Seine ganz besonders liebe. Ich durfte viereinhalb Jahre in Frankreich leben, davon vier Jahre nur acht Häuser vom Arc de Triomphe entfernt. Es war eine wundervolle und für mein Leben in vielerlei Hinsicht entscheidende Zeit. Wahrscheinlich wäre ich für immer in Frankreich geblieben, hätte ich mich nicht irgendwann in einen Herrn verliebt, der in München lebte – seinetwegen bin ich nach Deutschland zurückgezogen. Mit diesem Herrn bin ich inzwischen verheiratet, aber unvergessen ist, dass unsere Beziehung vor sechzehn Jahren in der Stadt der Liebe begann. Umso schöner war es, im vorigen Winter für die Recherche zu meinem neuen Buch an der Seite meines Mannes über die wohlbekannten Straßen und Plätzen zu schlendern. Erwähnenswert ist dabei vor allem der Besuch des Musée Carnavalet und der Ausstellung „Paris liberé, Paris freed, Paris befreit“, die mir viele Informationen zur Besatzungszeit lieferte.

das bin ich im Januar vor dem Muse Carnavalet in Paris
mit dem Banner der besagten Ausstellung

© Micaela Jary

Gute Unterhaltung beim Lesen!
Let’s swing!
Micaela Jary


  • Taschenbuch: 544 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch (10. August 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492306136
  • ISBN-13: 978-3492306133




Kommentare:

  1. Das ist ja wirklich mal eine spannende Geschichte hinter dem Buch. Total interessant.

    Liebe Grüße,
    Vanessa

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  2. Danke für diese schöne Geschichte. Ich finde es immer wieder spannend, wie Geschichten entstehen. Danke Micaela Jary und Claudia für die Verkürzung der Wartezeit auf Ein fernes Lied.

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  3. Danke für diese schöne Geschichte. Ich finde es immer wieder spannend, wie Geschichten entstehen. Danke Micaela Jary und Claudia für die Verkürzung der Wartezeit auf Ein fernes Lied.

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