Mittwoch, 16. September 2015

[Die Story hinter dem Buch] Gitta Edelmann - Canterbury Serenade




heute:


Gitta Edelmann - Canterbury Serenade

 


Hi, I’m Ella Martin.

Naja, okay, ich bin nicht Ella. Mein Name ist Gitta Edelmann und Ella ist meine Protagonistin aus Canterbury Requiem und Canterbury Serenade. Aber manchmal bin ich eben doch Ella – z.B. wenn ich recherchiere und Szenen bildlich vor mir sehe. Die Dialoge höre ich dann übrigens „in English“ und muss sie erstmal übersetzen.

Warum Canterbury? Als mich die Verlegerin Sandra Thoms vom Goldfinch Verlag vor zwei Jahren fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Cozy Crime, also einen „Wohlfühl-„ oder „Häkelkrimi“ in der Tradition von Miss Marple zu schreiben, gefiel mir als Agatha-Christie-Fan die Idee sofort. Und einen Handlungsort hatte ich auch parat: Edinburgh. Für die schottische Hauptstadt habe ich einen „soft spot“, und das nicht erst, seitdem ich zwei Jahre dort gelebt habe. Aber: Bei Goldfinch gab es schon Edinburgh-Krimis von Mara Laue! Hm. Auch York und Canterbury kenne ich recht gut. In Canterbury wohnt sogar eine meiner besten Freundinnen! Also …


Recherchereisen sind toll! Zum einen liebe ich die Aufbruchstimmung in der Planungsphase für einen neuen Roman. Alles ist möglich. Naja, fast alles. Denn Canterbury Serenade ist ja bereits das zweite Buch in der Kent-Krimi-Reihe und die Hauptfigur, Ella Martin, ist schon sehr lebendig. Praktischerweise ist sie Liebesromanautorin, also eine Kollegin, und wir können gemeinsam durch Canterbury spazieren. Was man über Ella wissen sollte? Eigentlich hat ihr Verlag sie nur für sechs Monate nach Canterbury geschickt, um für eine Liebesromanreihe zu recherchieren, da sie Großbritannien bisher nicht kennt. Als ihre Chorkollegin Aileen aber überfahren wird und sich herausstellt, dass sie ein starkes Beruhigungsmittel im Blut hatte, stellt Ella auf eigene Faust Nachforschungen an. Dabei stößt sie auf Ungereimtheiten, häkelnde alte Damen, einen mürrischen Professor, einen pfiffigen Nachbarsjungen, einen ausgesprochen attraktiven jungen Mann im Pub und einen Detective Inspector, der ihr das Leben nicht unbedingt leichter macht. Wie geübte Leser sich denken können – Ella löst den Fall in Canterbury Requiem. In Canterbury Serenade will sie eigentlich nur in Ruhe ihr Buch schreiben. Doch ich habe anderes mit ihr vor!

Was unterscheidet eine Urlaubs- von einer Recherchereise? Auf den ersten Blick nichts. Ich schaue mir historische und moderne Orte, Museen, Geschäfte an, sitze am Stour in der Sonne im Gras. Sämtliche kostenlose Flyer über Canterbury und Umgebung wandern in meinen Rucksack. Und auf den zweiten Blick? Ich bin bei Regen unterwegs und gehe durch Straßen, die völlig uninteressant sind, wenn man nicht gerade einen Standort für eine Anwaltskanzlei oder ein Reisebüro sucht. Ich mache nicht nur Fotos von Sehenswürdigkeiten wie der Kathedrale, The Beaney oder dem Westgate, sondern auch von farbig gestrichenen Haustüren mit Türklopfern, vom Odeon-Kino, vom Busbahnhof und vom Gebäude der Kent Police. Wer weiß, für welche Szenen ich die Aufnahmen noch als Gedächtnisstütze brauchen kann. Und natürlich tippe ich nach meinen Ausflügen Notizen und Ideen in mein Netbook.

Ella begleitet mich. Sie überredet mich, im Sale die pinkfarbenen Pumps zu kaufen, die uns beiden so gut gefallen haben, dass sie sie in Canterbury Serenade trägt, als sie zu einer Hochzeit eingeladen ist, und ich meine bei der Preisverleihungsgala auf der Criminale 2015. 


In Tiny Tim’s Tearoom finden wir uns zum Afternoon Tea ein. Ella wird später eine kleine Liebesgeschichte schreiben, die hier spielt: Tee mit Ernest (als ebook erhältlich). Wir besuchen zum x-ten Mal die Kathedrale und nehmen den Bus nach Whitstable, wo es am Hafen die besten Fish & Chips gibt, wie wir vom Vorjahr wissen. Wir sitzen auf einer Bank in St. Martin’s Churchyard und schauen hinunter auf die Stadt, während sich in meinem Kopf langsam die Story entwickelt. Dieses Mal soll Ella auf eine deutsche Touristengruppe treffen und …



Ich unterhalte mich mit den Captains der Historic River Tours auf dem Stour – im letzten Jahr habe ich so eine Tour mitgemacht – und erfahre ein bisschen mehr über den Tourismus in Canterbury. Bei Oxfam gerate ich in eine lustige Gesellschaft aus vier jungen Männern, die mit Hilfe der beiden älteren Damen, die hier arbeiten, einen fünften als Frau verkleiden, für ein Ferienprogramm für Kinder, wie sie erzählen. In einer Buchhandlung komme ich ins Gespräch mit der Buchhändlerin über Schreiben und Verlage und Cozy Crimes und beim Abschied bedauert sie, dass mein neues Buch nicht gleich auf Englisch erscheinen wird.

Einen Tag fahre ich nach London. Es regnet. Tatsächlich regnet es sogar den ganzen Tag – was ich seltsamerweise zum ersten Mal erlebe, obwohl ich schon oft dort war, Sommers wie Winters. Also blende ich kurzerhand alle Spaziergänge aus und stürze mich in die Museen, vor allem ins Victoria & Albert und das Museum of London Docklands. Übrigens zum Teil auch ohne Ella. Denn da spukt noch eine andere Story in meinem Hinterkopf …

 
Und dann passiert es: Der Zufall spielt mir einen ganz besonderen Handlungsort in die Hände: Das Gefängnis von Canterbury. Ich weiß, dass es seit 2013 geschlossen ist und 2014 von der nebenan liegenden Christ Church University gekauft wurde. Nun amüsieren mich die „Keep out“-Schilder an dem Gebäude. An diesem Tag stehen Sicherheitsleute in knallgelben Warnwesten am offenen Tor. Hm. Nach kurzem Zögern wage ich es: Ich frage höflich, was los ist, oute mich als neugierige Krimiautorin. Wie immer sind die Engländer sehr freundlich. Man klärt mich auf, dass an diesem Tag Führungen durch das Gebäude für Mitglieder der Christ Church University stattfinden. Und lädt mich tatsächlich ein, bei der nächsten, der letzten (!) Führung mitzugehen. Die Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen. So komme ich also ins Gefängnis von Canterbury. Ein Gefängnis, das 2003 zu den überbelegtesten des Landes gehörte und in dem es nicht einmal einen Essensraum gab, so dass die Gefangenen zu dritt in ihren engen Zellen von Tabletts essen mussten. Die Atmosphäre ist immer noch bedrückend. Gittertüren auf den Gängen, Gitter zwischen den Stockwerken im Treppenhaus. Stacheldraht auf den hohen Mauern. 

Doch all das wird sich ändern. Die neueren Gebäude wie die Sporthalle werden abgerissen – die Universität freut sich auf ihre Erweiterung. Das alte Zentralgebäude aus dem Jahre 1808, das unter Denkmalschutz steht, wird im ältesten Teil museumsmäßig restauriert und insgesamt umfunktioniert: Es soll ein Studentenwohnheim werden!



Nach einer Woche voller Eindrücke nehme ich den Fernbus ab Dover zurück nach Deutschland (Ella fliegt nicht so gerne). Zum Glück ist der Abschied von England nicht für lange: Schon drei Monate später werde ich mit meinem Chor auf einer Konzertreise in Oxford sein und in der ehrwürdigen Universitätsstadt weiter recherchieren. Denn ganz zufällig wird auch Ellas Chor dort ein Konzert geben. Dabei wird sie dann auf DI Heidi Green und DI Frederick Collins treffen – die Hauptfiguren meiner Kollegin Katharina Mylius – und zwar im Crossover von Canterbury Serenade (aus der Sicht von Ella) und Bloody Rosemary (aus den Perspektiven von Heidi und Frederick).

Den Winter über arbeite ich am Manuskript. Und ich freue mich, dass ich noch einige Zeit mehr mit Ella verbringen darf. Drei weitere Bücher sind geplant, in jedem Jahr eines, und eigentlich kann Ella ja in einem der nächsten Bände auch einmal einen Urlaub in Edinburgh machen, oder? Dann muss ich natürlich dort recherchieren …

geschrieben von
Gitta Edelmann

  • Broschiert: 250 Seiten
  • Verlag: Goldfinch (10. September 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3940258504
  • ISBN-13: 978-3940258502






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