Freitag, 30. Oktober 2015

[Die Story hinter dem Buch] Dorn, Wulf - Die Nacht gehört den Wölfen


heute:
 

Wulf Dorn - Die Nacht gehört den Wölfen

 


Sollte ich die Entstehungsgeschichte zu diesem Buch in einem Satz zusammenfassen, so wäre es wohl »Der Mensch denkt und das Leben lenkt.«

Tatsächlich ist »Die Nacht gehört den Wölfen« der Roman, an dem ich am längsten geschrieben habe. Genaugenommen habe ich dieses Buch zweimal geschrieben, und die nun veröffentlichte Fassung hat kaum noch etwas mit der ursprünglichen Geschichte zu tun.

Um das zu erklären, müssen wir um gut drei Jahre in die Vergangenheit zurückgehen, in den Winter 2012. Ich hatte an einem Märchennachmittag in einer Bibliothek teilgenommen und las dort mehreren Kindergartengruppen vor. Kinder sind ein großartiges Publikum, das seine Emotionen unverwandt äußert. Da wird gelacht und gebangt, geschrien und gelauscht, und nirgendwo sonst sind Geschichten lebendiger.

Wie so oft, wenn ich vor Kindern lese, kam »Rotkäppchen« besonders gut an. Vor allem die Szene, in der das Mädchen wissen will, warum die Großmutter (mit der plötzlich so tiefen Stimme) einen so großen Mund habe, und prompt die Antwort erfährt.

Der Wolf scheint die kleinen Zuhörer mindestens ebenso zu faszinieren wie mich (sowohl in meiner Kindheit als auch noch heute), was wohl daran liegt, dass es meist der Bösewicht ist, der uns von einer Geschichte am eindrücklichsten in Erinnerung bleibt.

Nachdem auch diesmal Rotkäppchen und die Großmutter vom Jäger gerettet worden waren, forderte mein junges Publikum lautstark ein weiteres »Wolfsmärchen«. Also ließ ich die Geschichte mit den sieben Geißlein folgen, und wieder sah ich dieses faszinierte Funkeln in den Kinderaugen bei Meister Isegrims Auftritt.

Nach dieser Lesung wollte mir der Wolf nicht mehr aus dem Sinn gehen – diese Figur, die bei uns sowohl Unbehagen als auch Faszination auslöst. Wer war er eigentlich, dieser Wolf? Diese Frage ließ mich nicht mehr los.

Natürlich, für die Kinder war die Antwort einfach: ein Wolf ist ein Wolf. Aber welche Bedeutung hat er aus der Sicht eines Erwachsenen und für was steht er in unserem Unterbewussten?

Also begann ich zu recherchieren. Ich las psychologische und mythologische Abhandlungen, und war auf einmal mitten in einem neuen Thema gefangen. Es ist unglaublich, wie viel man dazu finden kann, angefangen bei besagten Märchen und Fabeln bis hin zu den Interpretationen von Freud und Jung.

Zunächst hielt ich diese Nachforschungen für reine Neugier, aber das änderte sich, als ich mich eines Tages mit meinem Agenten zum Mittagessen traf. »Mein böses Herz« war gerade erschienen und ich arbeitete an einem neuen Projekt namens »Phobia«, dessen Erscheinen für den Herbst des darauffolgenden Jahres geplant war. Und da man in der Buchbranche gern über längere Zeit voraus plant, meinte mein Agent, es sei an der Zeit, sich über weitere Projekte Gedanken zu machen.

Er fragte, ob ich schon eine Idee für das nächste Buch hätte, und ich antwortete aus einem Bauchgefühl heraus. Die nächste Geschichte werde meine Version des Rotkäppchens sein – nur eben kein Märchen, sondern eine psychologische Interpretation mit einem jugendlichen Pärchen in der Hauptrolle.

Mein Agent war sofort Feuer und Flamme und gab die Info an den Verlag weiter, wo man sich ebenfalls begeistert zeigte. Natürlich erwartete man einen Thriller von mir, denn in dieser Genre-Schublade sind meine Bücher schon seit »Trigger« zuhause.

Also setzte ich mich an das neue Thriller-Projekt, gleich nachdem ich »Phobia« beendet hatte, und gab ihm den Arbeitstitel »Wolf«. Wie immer entwarf ich zunächst die Figuren – einen Jungen namens Simon und ein Mädchen, das ich Cora nannte – und machte mich an die Ausarbeitung des Plots. Dafür wählte ich ein klassisches Thrillerthema, das Simon zum Zeugen eines Verbrechens machte, der vom Täter (dem »Wolf«) gejagt und bedroht werden sollte. Natürlich sollte viel geschehen und alles zu einem mehr oder weniger guten Ende führen, wie es die Leser von einem Thriller erwarten. So weit, so gut.

Doch schon während des Schreibens spürte ich, dass dieser Story etwas fehlte. Hinzu kam, dass auch Simon die Rolle nicht zu passen schien, die ich ihm zugedacht hatte. Immer wieder brach er aus dem für ihn vorgesehenen Rahmen aus und zeigte sich mir von einer völlig anderen Seite. Es war, als schien auch er zu merken, dass das ursprüngliche Thema mehr zu bieten hatte als einen ... nun ja, banalen Thriller, der nur auf Spannung, Tempo und Schockmomente setzt.

Da war noch etwas anderes, das verstand ich sehr wohl. Aber ich verstand noch nicht, was es genau war. Ich wusste nur, dass es mit dem Wolf zu tun hatte. Und so kämpfte ich mit einem Manuskript, das mir nicht gelingen wollte – bis zu jenem Tag, an dem ich meinem höchstpersönlichen Wolf begegnete.

Ich sah ihn an einem bitterkalten Nachmittag auf der Beerdigung eines sehr lieben Menschen. Dort wurde mir bewusst, was der Wolf für mich (und wahrscheinlich für die meisten von uns) tatsächlich bedeutet. Er ist kein figürliches Wesen, sondern etwas, das tief in uns umgeht – dort, wo es uns am meisten ängstigen kann.

Kürzlich habe ich in einem Interview meine Arbeit als Autor mit der eines Forschers verglichen – mit jemandem, der mit einer Laterne die knarrenden Stufen zu einem dunklen Keller hinuntersteigt, um dort in den finsteren Ecken nachzusehen. Dieser Keller ist das Unterbewusstsein, und was dort im Verborgenen lauert, sind die Dinge, vor denen wir uns am meisten fürchten. Naturgemäß vermeiden wir, uns mit diesen Dingen zu befassen, und genießen stattdessen lieber die Schönheiten des Lebens. Aber insgeheim wissen wir, dass diese Dinge existieren, ganz gleich wie sehr wir sie verdrängen, und dass wir uns besser rechtzeitig mit ihnen befassen sollten. Denn eines unvermeidlichen Tages werden wir uns ihnen stellen müssen.

Ich glaube, nicht zuletzt deshalb suchen wir immer wieder die wohligen Schauer einer unheimlichen Geschichte oder eines dunklen Thrillers. Diese Genres bieten uns eine Art von Katharsis, denn ganz gleich ob Buch oder Film, scheinen wir uns mit solchen Geschichten auf das Ereignis vorzubereiten, das uns eines Tages in der einen oder anderen Form betreffen wird: der Tod und der damit verbundene Verlust.

In den vergangenen Jahren habe ich mich von mehreren geliebten Menschen für immer verabschieden müssen. Das ist nun einmal die Schattenseite des Älterwerdens: Je länger du lebst, desto mehr Menschen, die dir etwas bedeuten, wirst du verlieren.

Bis zu jenem Nachmittag auf dem Friedhof hatte ich dieses Thema nie weiter an mich herangelassen als unbedingt nötig. Ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen, denn das wäre schließlich eine schmerzhafte Erfahrung gewesen. Also hatte ich die Trauer stets verdrängt.

Doch diesmal gelang es mir nicht mehr. Vielleicht lag es daran, dass ich mich auf die Suche nach dem Wolf gemacht hatte. Nach meinem Wolf, von dem ich endlich wissen wollte, was er für mich bedeutet. Nun zeigte er sich mir und mir blieb keine Wahl, als mich ihm zu stellen.

Danach konnte ich an dem Thriller nicht mehr weiterschreiben. Ganz gleich was ich versuchte, das Thema dieser Verbrecherjagd kam mir nur noch trivial und nichtssagend vor.

Mein großes Glück war, dass ich Hilfe von Simon bekam. Durch meine bisherige Arbeit war diese Figur schon sehr lebendig in mir geworden. Nun zeigte er mir deutlich, dass seine Geschichte eine ganz andere war. Im Gegensatz zu mir hatte er bereits damit begonnen, sich dem Wolf zu stellen. Alles, was ich tun musste, war ihm zu folgen.

So rief ich beim Verlag an, und ich glaube, ich muss nicht erklären, dass mir das alles andere als leicht fiel. Die Werbung für das ursprüngliche Thrillerprojekt war bereits angelaufen und der Klappentext machte schon in den Katalogen, auf Webseiten und auf einigen Blogs die Runde.

Ich befürchtete, man würde mir deswegen den Kopf abreißen, aber genau das Gegenteil war der Fall. Meine Lektorin und der Verlagsleiter zeigten sehr viel Verständnis für meine Situation, wofür ich ihnen sehr, sehr dankbar bin! Alles kein Problem, sagte man mir, ich solle mir eine Auszeit nehmen, mich erholen und dann das Buch schreiben, das ich tatsächlich schreiben möchte.

Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich das freute und berührte. Mir fiel ein Mount Everest vom Herzen.

Danach nahm ich mir eine Auszeit und Simon begleitete mich. Irgendwann kam auch noch das Mädchen hinzu, das nun nicht mehr Cora sondern Caro hieß. Eigentlich sind es nur zwei vertauschte Buchstaben, aber sie machten sehr viel aus und ließen sie zu einer völlig anderen Persönlichkeit werden.

In den darauf folgenden Monaten haben Simon, Caro und ich viel über das Leben gelernt. Und irgendwann wurde daraus schließlich das Buch, das nun mit einiger Verspätung erschienen ist. Es ist weiterhin eine spannende und manchmal auch sehr gruselige Geschichte, finde ich, aber nun hat sie auch Tiefe bekommen. Und sie ist sehr persönlich geworden.

Kurz nach Erscheinen des Buches schrieb mir eine Leserin, dass sie ihre eigene Geschichte in der von Simon wiedergefunden habe und sehr berührt davon gewesen sei. »Ich glaube, dass ihr Autoren gar nicht wirklich wisst, was manchen Lesern eure Geschichten bedeuten«, fügte sie hinzu.

Das glaube ich auch. Wir können es höchstens hoffen.

Jedenfalls wisst nun auch ihr, was eine Geschichte für den Autor selbst bedeuten kann, liebe treue Leserinnen und Leser. Denn beim Betreten des dunklen Kellers befinden wir uns stets auf Augenhöhe.

Wulf Dorn
im Oktober 2015



  • Broschiert: 464 Seiten
  • Verlag: cbt (26. Oktober 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3570163970
  • ISBN-13: 978-3570163979
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren



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