Dienstag, 13. Oktober 2015

[Die Story hinter dem Buch] Nike Mangold - Die Orangerie


heute:
 

Nike Mangold - Die Orangerie

 


Hamburg ist meine Heimatstadt, und auch wenn sie mittlerweile nicht mehr mein Lebensmittelpunkt ist, halte ich mich immer noch für einen echten »Fischkopp«.

Ich trinke Astra, drücke dem HSV die Daumen, und sobald ich jemanden treffe, der nördlich von Hannover geboren wurde, werfe ich mit den wenigen Brocken Plattdeutsch um mich, die ich von Vaddern gelernt habe. Zeige ich Leuten die Stadt, schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Sind wir tagsüber an der Alster unterwegs, bin ich stolz auf den Reichtum, den die Hanseaten angehäuft haben. Machen wir uns jedoch des Nachts Richtung Reeperbahn auf, verwandele ich mich in eine Seemannsbraut und prahle damit, schon den einen oder anderen Korn in berüchtigten Spelunken gekippt zu haben. Gern gebe ich männlichen Touristen dann auch Tipps, wie man sicher wieder nach Hause kommt. (»Wenn du nicht willst, dass dich die Damen in dieser Seitenstraße ansprechen, kauf dir einen Döner, bevor du an ihnen vorbeigehst.«) 

Zugegeben, St. Pauli wird zunehmend schicker und sauberer, trotzdem war es für mich lange der Ort in Hamburg mit dem ich Halbseidenes und Verruchtes verband, aber auch Freiheit, Über-die-Stränge-Schlagen und Toleranz. Die Reeperbahn und ihre Nebenstraßen bildeten einen Spielplatz für Paradiesvögel und vom Leben gebeutelte, sozusagen den Gegenpol zur Alsterchaussee.

Verblüfft war ich darum, als ich vor zwei Jahren beim Stöbern nach Büchern für meine Wunschliste auf »Das Hamburger Gängeviertel - Unterwelt im Herzen der Großstadt« von Geerd Dahms stieß und im Klappentext las, dass sich die wahre Hamburger Unterwelt einst an dem Ort befunden hatte, wo ich sie am wenigsten vermutet hätte.

Das Buch konnte man nur noch gebraucht kaufen, und nach meiner Bestellung bei einem Antiquariat wartete ich ungeduldig eine Woche lang, bis es bei mir eintraf. Ich arbeitete damals gerade in Nürnberg, es war kurz vor Weihnachten, und am selben Tag, an dem der Postbote meine Büchersendung brachte, nahm mich meine Freundin Nina mit dem Auto nach Hamburg mit, wo ich meine Eltern besuchen wollte. Ich werde leicht reisekrank und kann unterwegs eigentlich gar nicht lesen, trotzdem packte ich das Buch in meine Handtasche, um »nur mal in das Vorwort reinzuschauen«. Tja, danach war ich geködert. Beim ersten Tankstopp kaufte ich eine Packung extra starker Hustenpastillen und unterdrückte, dank Pfefferminzüberdosis, meine Übelkeit weit genug, um mich durch zwei Drittel der knapp 300 Seiten zu schmökern. (Entschuldige Nina, ich war eine unhöfliche Mitfahrerin.)

Geerd Dahms verriet mir, dass es in meiner geliebten Hansestadt einst das größte Elendsviertel Europas gegeben hatte. Dort, wo heute die Mönckebergstraße verläuft, drängten sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Zehntausende Hamburger in mittelalterlich engen Wohnungen und ärmlichen Verschlägen. Doch während unzählige historische Romane in dem Moloch spielen, das London in früheren Jahrhunderten gewesen ist, gibt es kaum Bücher, die von der Hamburger Altstadt erzählen, als diese noch ein Ort war, an dem Seuchen wüteten und zwei Dutzend Familien in einem einzigen Haus wohnten.

Durch die schmalen Gassen passten oft nur Handkarren, und noch weniger Platz war in den Hinterhöfen, die man zugebaut hatte, bis lediglich noch die Gänge frei blieben, die dem Viertel seinen Namen gaben. Eine Kanalisation gab es nicht, und Trinkwasser wurde aus denselben Kanälen geholt, in denen Abfälle und Fäkalien landeten. Für die Bewohner war ihr Viertel Heimat und Fluch zugleich. 

Erst vor gut einem Jahrhundert wurde das Gängeviertel abgerissen, doch aus der Historie der Stadt scheint es regelrecht getilgt. Wie ist das zu erklären, wo Hamburg doch viel auf Tradition hält? Vielleicht hat es mit dem Ende des Viertels zu tun. Um seinen Abriss rankt sich ein deftiger Skandal.

Jedenfalls entfaltete Dahms Buch in meinem Kopf eine Welt, die noch mein Urgroßvater hätte besuchen können, die vom heutigen Leben in der Stadt an der Elbe aber so weit entfernt scheint, als habe sie auf einem anderen Kontinent existiert.

Im Hamburger Stadtarchiv gibt es einige alte Fotos vom Gängeviertel, und wenn ich jetzt die Mönckebergstraße entlang schlendere, legt sich manchmal eine dünne, schwarz-weiße Schicht über die Wirklichkeit, und ich sehe schmutzige Kinder, Frauen mit aufgekrempelten Ärmeln und müde Männer vor mir. Wer waren diese Leute und welche Träume hatten sie? Einer von ihnen, einer jungen Marktverkäuferin, ging ich in Gedanken nach. Sie hieß Alma und verfügte über ein besonderes Talent, das ihr schließlich half, Arbeit im vornehmen Harvestehude zu finden. Dort gab es Licht, Luft und exotische Blumen im Überfluss. Doch würde Alma in der Straße der Millionäre Fuß fassen können? Was führte die gelangweilte Kaufmannsgattin aus der Nachbarsvilla im Schilde? Und warum lebte ein nackter Mann zwischen den Orchideen in einem Gewächshaus?

Ich wollte all das herausfinden und schrieb Almas Geschichte auf.

geschrieben von
Nike Mangold




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