Dienstag, 3. November 2015

[Die Story hinter dem Buch] Nicole Walter - Regenbogentänzer


heute:
 

Nicole Walter - Regenbogentänzer
 


Ideen kommen und gehen, aber da gibt es die eine oder andere Geschichte, die sich so hartnäckig in mir festsetzt, dass ich nicht anders kann als sie aufzuschreiben, weil – sie von mir erzählt werden will. Erzählt werden muss.

So erging es mir auch mit Regenbogentänzer.

Schon vor Jahren erzählte mir eine Freundin, dass sie nach ihrer Zeit als Tänzerin als Tanztherapeutin in der Psychiatrie gearbeitet hat. Ich war beeindruckt von ihrer Schilderung, dass es in dieser Therapie schon ein Erfolg sein kann, wenn es einem Patienten wieder gelingt, die Hände ruhig genug zu halten, um endlich wieder einmal ein Streichholz anzuzünden.

Die Ausgangssituation für eine Geschichte, die mich von Anfang an fesselte, war geboren. Umso mehr, da ich zu dem Zeitpunkt schon mit der psychischen Erkrankung eines entfernten Familienmitglieds konfrontiert gewesen war. Und – diese Krankheit machte mir Angst, dieses Unbekannte, dieses Unbegreifliche, ja Unberechenbare, das auch für die Angehörigen eine ungeheure Belastung ist. Jetzt aber wollte ich mehr darüber wissen. Nicht mehr wegsehen, mich nicht mehr davor drücken. Mit diesem Roman wollte ich mehr erfahren über diese Menschen, die Phil, Psychiater in meinem Roman, trotz der schweren Zeiten, die man mit ihnen erlebt, als die besonderen Menschen bezeichnet.

Ich begann zu recherchieren. Ich wollte jetzt mehr über psychische Krankheiten erfahren, hatte aber noch immer Berührungsängste, und so habe ich erst einmal mit Psychotherapeuten und Psychiatern gesprochen, unzählige Bücher darüber gelesen, den Kontakt mit psychisch erkrankten Menschen jedoch weiterhin gemieden. Doch schon während meiner Recherche geschah dieses Wunder, das mich auch heute noch immer wieder verblüfft. Die Geschichte war nicht nur eine Story, die mich interessierte und die ich spannend fand, sie begann zu leben. Die Figuren kamen wie von selbst zu mir: „Hey, Nicole, wird Zeit, dass du mal über uns schreibst.“ Milena, die Tänzerin, die nach dem Ende ihrer Tanzkarriere vor dem Nichts steht – ohne Geld, ohne Freunde, ohne Job, die zunächst ähnliche Berührungsängste und Vorurteile hat wie ich. Phil, der, vielleicht gelegentlich etwas schrullige Psychiater, der mit seinem Fahrrad nachts durch München fährt, um seine verloren gegangenen Menschen aufzusammeln, Christopher, der Kaktusmann, Alphonse, Philosoph und Saalflugzeugbauer, Strickliesel, Lilly, die Turbanfrau und alle die anderen Bewohner des Regenbogenhauses. Alle waren sie auf einmal da und haben mich beschworen ihre Geschichte zu erzählen.


Dennoch blieb alles zunächst theoretisch, der Kontakt zu psychisch kranken Menschen fehlte weiterhin, bis - mich eine psychiatrische Erkrankung im engsten Freundeskreis, und die neurologische Krankheit eines Familienmitglieds in das Isar Amper Klinikum in Haar führten, und zwar nicht nur einmal.
Über Monate hinweg wurde ich dort zur fast täglichen Besucherin der verschiedenen Stationen: Beschützte Station, offene Station, auch in der Neurologie traf ich immer wieder auf Menschen, die unter verschiedenen Seelenkrankheiten litten. Vor allem aber kam es zu, ja ich muss sagen, schönen und wichtigen Begegnungen im Café Regenbogen, in dem sich die „Gesunden“ mit den „Kranken“ trafen, denen es allerdings zu diesem Zeitpunkt, weil medikamentiert, schon besser ging. In diesen Wochen und Monaten habe ich mehr über das Leben gelernt als je zuvor. Ich habe gelernt wie zerbrechlich diese Menschen sind aufgrund ihrer Sensibilität und gleichzeitig so besonders. Ich habe gelernt, dass es jeden treffen, und dass man auch wieder gesund werden kann. Vor allem aber habe ich begonnen mir eine für mich äußerst wichtige Frage zu stellen und zwar – was ist normal? Sind wir da draußen wirklich so normal? Was ist überhaupt normal? Und ist es überhaupt gut immer nur der Norm zu entsprechen? Was geben wir dafür auf? Wie sehr verlieren wir uns in dem ständigen Angepasstsein? Und was opfern wir, weil andere es von uns verlangen. Ja sind wir am Ende überhaupt noch wir, oder nur diejenigen, die die anderen in uns sehen wollen. Auch dieses Thema fließt in die Regenbogentänzer mit ein


Jedenfalls war der Punkt endlich da, an dem ich zu schreiben beginnen konnte, diesmal ohne Berührungsängste aber mit sehr viel Respekt vor der Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Den Regenbogenmenschen, wie sich sie in meinem Roman nenne, gerecht zu werden, und sie in keinem Moment zu verraten. Jetzt schicke ich sie zu meinen Lesern auf die Reise, Milena, Phil, Christopher, Alphonse, und und und… und hoffe, dass sie mit ebenso großer Wärme aufgenommen werden wie ich für sie empfinde.

In diesem Sinn möchte ich nicht versäumen, mich auch noch einmal zu bedanken, bei den Menschen aus dem Regenbogenhaus, dem Café Regenbogen und all denjenigen, die mich gelehrt haben wie falsch diese Berührungsängste waren, und die mich einfach nur durch ihr Sein in meinem Denken, Fühlen und Wissen um das Menschlichsein, sehr viel weiter gebracht haben.

Viel Freude beim Lesen
Eure
Nicole Walter


  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (2. November 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426515504
  • ISBN-13: 978-3426515501





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