Dienstag, 15. Dezember 2015

[Die Story hinter dem Buch] Tanja Kinkel - Schlaf der Vernunft


heute:
 


 Tanja Kinkel - Schlaf der Vernunft

 



Schlaf der Vernunft - Warum ich einen Roman über das Thema RAF schreiben musste:

Angefangen hat es mit Erlebnissen, die einen Freund meiner Eltern betreffen, Dr. Hans de With,  von 1974 bis 1981 Parlamentarischer Staatssekretär im Justizministerium und somit direkter Beteiligter an den Ereignissen im blutigen Herbst 1977. Er durfte zeitweilig selbst die 200 m zwischen unseren Häusern nicht ohne seine Personenschützer zurücklegen. (Ich hoffe, er verzeiht mir, dass ich ihn in meinem Roman, um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten der echten Opfer und ihrer Mörder zu vermeiden, rücksichtslos umgebracht habe.) 

Dann war ich zu Klaus Kinkels siebzigsten Geburtstag eingeladen.  Er hatte schon als persönlicher Referent, später Leiter des Planungsstabes des damaligen Innenministers Genscher 1970 – 79, mit der RAF zu tun; dann wieder von  1982 – 1990 als Staatssekretär im Justizministerium. Ab 1987 hatte er in intensiven Gesprächen mit inhaftierten Tätern und deren Angehörigen versucht, teilweise ohne Autorisierung von Kanzler Kohl,  die RAF „nach Lage des Gesetzes und etwas guten Willen“ zu einem Gewaltverzicht zu bringen. Dies gelang, siehe RAF  Erklärung vom 10.04.1992, durch die selbst von der RAF so bezeichnete  Kinkel-Initiative.  Ich saß ihm und Helmut Kohl an diesem Geburtstag gegenüber und die Reaktionen auf die Laudationes, die dieses Thema auch berührten, eine Begegnung mit der Witwe eines der Opfer, die Möglichkeiten, über diese mir vertrauten Personen an Informationen zu kommen, die noch nicht veröffentlicht waren,  gab schließlich den Ausschlag: "Schlaf der Vernunft" musste geschrieben werden. Als Roman, der die emotionellen Seiten von Tätern und Opfern, wie ihren Angehörigen, neben den realen, bis heute kaum aufgearbeiteten Ereignissen um die RAF  in den Fokus stellen.  So wurden das Thema und ich: wirklich beste Freunde.

Freunde auch deswegen, weil mir die Menschen und ihre Gefühle zu dem Geschehen immer wichtiger wurden.  Es sollte, durfte  keine Auflistung historischer Aktionen werden, auch wenn diese den Rahmen meines Buches  zwischen Geschichtsschreibung und dem Schreiben einer Geschichte stellen, zumal fünf Morde bis heute noch nicht aufgeklärt werden konnten. Deshalb, aus Datenschutzgründen, und aus Respekt gegenüber den Überlebenden der Opfer habe ich habe ich einen fiktiven Mord in den Mittelpunkt gestellt. Trotzdem liegt die Faktenlage bestimmt bei über 90 Prozent, da ich die bestehenden Mosaiksteine nur zu einem neuen Bild zusammengefügt habe.

Wie wir es heute mit den aktuellen Krisen in Europa und weltweit wieder erleben, wo gewalttätige Verhältnisse immer tiefere Spiralen auslösen, war es damals schon für die einen Guerilla-Krieg, Terror für die Anderen, und unfassbarer Verlust für alle Betroffenen, zumal Leid nie verjährt.  Es war ein schwieriger Balance-Akt,  die Lebensgeschichte einer Täterin so zu schreiben, dass ihre nicht zuletzt durch die damalige Situation in unserem Land ausgelöste Radikalisierung verständlich wird, ohne dabei entschuldigt zu sein. Ich habe mir dafür die Aufgabe gestellt, Gewalt nicht nur zu verurteilen, sondern die Hintergründe aufzuhellen, das Geschehen begreiflich zu machen,  um vor allem die Frage zu stellen: wie können Überlebende und Täter mit den Folgen leben? 

Weil Reue bei den bekannten Tätern ohnehin nicht messbar ist, musste ich mich mit dem beschäftigen, was geschehen ist, was bekannt wurde, was vermutet werden kann, von betroffenen Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig damit verbunden waren.  Als Romanautorin versuche ich, durch unterschiedliche Perspektiven sowohl dem Staat als auch der Sympathisantenszene ihre Deutungshoheit zu entziehen, und schildere Menschen, ihre Ängste, ihre Verzweiflung, ihre Wut, ihre Argumente, bei den Verknüpfungen von brauner Vergangenheit, Politik, Staatsanwaltschaften und Polizei, wie den Vertrauensanwälten, die sich teilweise missbrauchen ließen. Dazu konnte ich auch neuere Erkenntnisse mit einbauen, was z.B. die Verknüpfungen zur Stasi als Unterstützer der RAF betrifft. 

geschrieben von
Tanja Kinkel


  • Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
  • Verlag: Droemer HC (2. November 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342619967X
  • ISBN-13: 978-3426199671




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