Dienstag, 12. Januar 2016

[Die Story hinter dem Buch] Ulrike Herwig - Oskar an Bord


heute:


 Ulrike Herwig - Oskar an Bord

 


Die Idee zu dieser Geschichte kam mir an einem brütend heißen Sommernachmittag, als ich meine Eltern besuchte. Dort wurde ich Zeuge wie ein Rotkreuz-Transporter vormittags in der Straße anhielt, der Fahrer umständliche eine Omi aus dem Wagen klaubte und sie dann per Rollstuhl zu ihrer Haustür brachte. Im Inneren des Transporters befand sich noch jemand, das konnte man deutlich erkennen. Und dieser Jemand saß also die ganze Zeit da hinten drin, während die Fahrertür offenstand und der Fahrer alle Hände voll mit der Omi zu tun hatte. Da kam mir ein geradezu teuflischer Gedanke: Was wäre eigentlich, wenn jetzt jemand das Auto klauen würde? Es bot sich ja geradezu an und Gelegenheit macht bekanntlich Diebe. Würde der Dieb den anderen Passagier kurzerhand rausschmeißen? Oder ihn mitklauen? Oder – interessantestes aller Szenarien – vielleicht gar nicht merken, dass da noch jemand drin saß?

Selbstverständlich blieb die Beantwortung dieser wichtigen Fragen rein theoretisch. Doch eine zweite Episode gesellte sich an diesem Tag verlockend dazu. Im Supermarkt traf ich auf ein sich streitendes Ehepaar, das zischelnde Feindseligkeiten austauschte, weil er den teuren Käse wieder aus dem Korb nahm und mit etwas anderem ersetzte (ich glaube es war Bier) und wie sie sich daraufhin wehrte und beschwerte und wie jeder der beiden - zwischen Milchprodukten, Dudelmusik, dem Angebot der Woche und dem Ruf nach Frau Krämer an die Kasse vier - die Schuld für das überzogene Konto beim anderen suchte. Der Streit gipfelte in seinem entnervten „Ja, soll ich vielleicht eine Bank überfallen?“ und ihrem erschöpften und demonstrativ lauten Ausatmen. Eben Hitzewelle nachmittags um 17.00 Uhr, irgendwo in Deutschland. Die Frau verdrehte die Augen und warf mir einen Blick zu, der unmissverständlich „Männer! Wer brauchtse!“ signalisierte, die beiden setzten ihren freudlosen Einkauf fort und ich ging wie ferngesteuert aus dem Supermarkt und hätte mich beinahe selbst noch straffällig gemacht, weil mir in diesem Moment eine großartige Buchidee durch den Kopf sauste und ich fast vergessen hätte zu bezahlen.

Was wäre, so schlussfolgerte ich nämlich, wenn unser gestresster und irgendwie bedauernswerter Mann wirklich eine Bank überfiel, einfach aus Verzweiflung? Oder vielleicht besser eine Tankstelle? Das war sicher einfacher. Und wenn er dann fliehen würde, am besten mit einem geklauten Auto? Und sich in dem Auto schon jemand befand? Ein Rot-Kreuz-Auto - natürlich! Und wenn man dann noch seine ebenso gestresste und bedauernswerte Frau mit in die Gleichung warf, die - aus welchen Gründen auch immer - den Überfall völlig schockiert miterlebte und ihren Mann zur Rede stellte und dann selbst mit drin hing, dann ...

... bekam man eine Story namens „Oskar an Bord“!!

PS: Die beiden haben selbstverständlich nie erfahren, dass sie den Anstoß zu einer Buchidee gegeben haben. Aber ich hoffe wirklich sehr, dass es ihnen mittlerweile besser geht und sie sich nicht mehr streiten.


geschrieben von 
Ulrike Herwig


  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (18. Dezember 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342326084X
  • ISBN-13: 978-3423260848



Kommentare:

  1. Herrliche Geschichte! Ich bewundere Autoren immer, wie sie aus solchen Situationen gleich Geschichten im Kopf formen können.
    Danke fürs teilhaben lassen.
    LG
    Yvonne

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  2. Einen tieferen Sinn hat der Roman zwar nicht, ist aber trotzdem beste Unterhaltung.

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