Mittwoch, 6. Januar 2016

[Gastrezension] Müller, Titus - Nachtauge



Wir schreiben das Jahr 1943. Eric Knowlden, der für die Abteilung M15 der Spionageabwehr des britischen Geheimdienstes arbeitet, bringt seine Familie in den Luftschutzkeller. Die permanenten Luftangriffe auf London fordern die Mitarbeiter der Abwehr, denn für die gezielte Bombardierung wird eine deutsche Spionin verantwortlich gemacht. Sie trägt den Tarnnamen „Nachtauge“ und ist bisher durch sämtliche Kontrollen geschlüpft. Im Luftschutzkeller kommt Eric die entscheidende Idee.


Währenddessen wartet Georg Hartmann in Neheim auf einen Zug mit russischen und ukrainischen Zwangsarbeiterinnen. Sie sollen für die Waffenherstellung eingesetzt werden. Georg Hartmann ist Lagerkommandeur und darf sich aus den ankommenden Frauen einige auswählen. Er entscheidet sich unter anderen für eine junge rothaarige Frau.

Der Autor hat einen fesselnden und vielschichtigen historischen Roman geschrieben. Das Buch lässt sich zügig lesen und hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Das lag zum einen an dem angenehmen Schriftstil, zum anderen an der abwechslungsreichen Handlung und den interessanten Protagonisten. Auf zwei davon möchte ich näher eingehen.

Georg Hartmann ist von Beruf Lehrer. Um nicht an die Front zu müssen, hat er mit Unterstützung seines Schwagers Axel, einem Gestapomann, die Stelle als Lagerleiter erhalten. Innerlich aber distanziert er sich von der aktuellen deutschen Politik. Er liest verbotenen Bücher und behandelt die Zwangsarbeiterinnen als Menschen. Trotzdem muss er manche Grausamkeiten seiner Untergebenen dulden. Da er kein Parteimitglied ist, steht er unter besonderer Beobachtung.

Nadjeschka, die junge Ukrainerin, kann und will sich mit ihren Los nicht abfinden. Ihre Aufmüpfigkeit hat Georg schon am Bahnhof geahnt. Als Lehrer hat er einen Blick dafür. Doch da kann er noch nicht wissen, dass die junge Frau sein Herz berühren wird.

Das Geschehen spielt abwechselnd in London und in Neheim an der Möhnetalsperre. Die ist das Ziel einer geheimen britischen Militäroperation. Diese zu verhindern, ist Nachtauges vordringliche Aufgabe.

Der Schreibstil des Buches passt sich den historischen Gegebenheiten an. Detailgenau und mit passenden Worten werden die Zustände in Deutschland beschrieben, seien es die unmenschliche Behandlung der Zwangsarbeiter, die Lage nach der Bombardierung von Dortmund oder die allgemeine Bespitzelung und Denunziation. Vor allem die Gespräche in Alex` Familie zeigen, wie weit das nationalsozialistische Gedankengut schon in die Kinderzimmer vorgedrungen war. Als ich als Leser eine Mathematikstunde als Hospitant an Georgs Seite erleben durfte, wurde das Ausmaß der politischen Einflussnahme besonders deutlich. Gut wurde herausgearbeitet, dass selbst in Kreisen der Gestapo Misstrauen gegeneinander überwog. Die Jungen wollten sich profilieren, koste es, was es wolle. Der Autor beherrscht den Umgang mit Metaphern. Zu den sprachlichen Höhepunkten aber gehören die gekonnt gestalteten Dialoge. Hier werden Gegensätze deutlich, Lebensfragen angesprochen und Personen allein dadurch charakterisiert, was sie sagen. Sie ermöglichen auch einen Blick in die psychischen Tiefen der Protagonisten. Georgs innere Zerrissenheit, Nadjeschkas Freiheitsdrang, Axels Fanatismus und Wiesen Untertanenmentalität sind nur einige der aufgezeigten Emotionen. Obiges Zitat stammt von Nadjeschka. Besser und kürzer kann man Georgs Dilemma nicht ausdrücken.

Im englischen Teil der Geschichte steht der Zweikampf zwischen Eric und Nachtauge im Mittelpunkt. Mit Nachtauge wurde eine Spionin kreiert, die alle Raffinessen ihres Geschäfts beherrscht. Nicht nur Worte, auch Gesten und Ungesagtes entscheiden über Sieg oder Niederlage.

An vielen Stellen des Romans ist spürbar, dass ihm eine ausführliche und exakte Recherche zugrunde liegt. Fakten wurden zu einer Handlung mit hohem Spannungsbogen verarbeitet.

Am Ende der Geschichte teilt der Autor kursiv mit, wessen Schicksale ihn zu dem Roman inspiriert haben. Ein umfangreiches Nachwort zum historischen Hintergrund und eine Liste an Sachliteratur ergänzen das Buch.

Das Cover mit der Frau, die kurz zurückschaut, aber auf dem Weg ist, passt zur Handlung.

Fazit: Der Roman hat mir ausgezeichnet gefallen. Er ermöglicht einen Einblick in eine historische Epoche, die das letzte Jahrhundert geprägt hat. Er zeigt aber auch, dass inmitten aller Unmenschlichkeit die zarten Pflanzen der Hoffnung und der Liebe gedeihen können, und dass es Menschen braucht, die sich dem Unrecht entgegenstellen.

  • Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
  • Verlag: Karl Blessing Verlag (11. März 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3896674587
  • ISBN-13: 978-3896674586
  • Verlag:



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