Dienstag, 23. Februar 2016

[Die Story hinter dem Buch] Peter Prange - Die Rose der Welt


heute:


 Peter Prange - Die Rose der Welt

 


Wie bei den meisten meiner Romane bin nicht ich auf das Thema gestoßen – vielmehr hat das Thema mich entdeckt. Ich recherchierte für eine ganz andere Geschichte, als ich bei dem französischen Mediävisten Jacques LeGoff ein paar Zeilen über einen Streik las, den die Studenten und Professoren der Pariser Universität im Jahr 1229 vom Zaun gebrochen und zwei Jahre lang durchgehalten haben, um ihre Rechte gegenüber Krone und Kirche zu behaupten. Ich war sofort elektrisiert. Was mich hier angesprungen hatte, war nichts weniger als der erste Streik der europäischen Geschichte überhaupt!

Alles begann mit einer Wirtshausschlägerei im Karneval des Jahres 1229, im Pariser Faubourg Saint-Marcel. Aus den Quellen geht hervor, dass es zu Streitigkeiten bei der Bezahlung der Zeche kam. Es folgten tagelange Krawalle zwischen Studenten und Bürgern. Als Soldaten des Stadtpräfekten mehrere Studenten zu Tode prügelten, forderten die Magister die Obrigkeit auf, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, oder sie würden in den Streik treten.

Der Streik endete 1231 mit einer Bulle des Papstes. Darin beschnitt Papst Gregor IX. die Zugriffsrechte der Krone auf die Universität und sicherte dieser zugleich ein erstaunlich hohes Maß an Selbstverwaltung zu. Diese Bulle gilt darum heute als die Magna Charta der Pariser Sorbonne – und zugleich als Magna Charta der akademischen Freiheitsrechte überhaupt.
Die Freiheit von Forschung und Lehre, ja die Freiheit des Denkens überhaupt ist eines der wichtigsten Güter, die eine moderne, aufgeklärte Gesellschaft auszeichnen. Doch sie ist alles andere als selbstverständlich, bis heute nicht. Quer durch die Jahrhunderte haben Kirche und Staat immer wieder versucht, Einfluss auf die Universitäten, sprich: die Produktion und Verbreitung von Wissen zu nehmen, um sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Eines der spektakulärsten Beispiele ist der Fall Galilei, dessen Weltbild nicht in das der Kirche passte – das Ende ist bekannt. Solche Auswüchse gibt es bis in die Neuzeit. Unter der Naziherrschaft wurde in Deutschland arische, in der DDR marxistisch-leninistische „Wissenschaft“ betrieben. Heute kommt neben Kirche und Staat noch eine dritte Macht vermehrt ins Spiel: die Wirtschaft, die durch Vergabe sogenannter „Drittmittel“ Einfluss auf Forschung und Lehre zu nehmen sucht. Kurz: Die akademische Freiheit ist ein Gut, das es immer wieder aufs Neue zu beschützen gilt, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, dass die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis für wie auch immer geartete Ideologien missbraucht wird.

Als Student habe ich ein Seminar über Thomas von Aquin besucht und auch eine Arbeit über diesen großen mittelterlichen Theologen geschrieben. Schon damals faszinierte mich die Strenge der scholastischen Argumentation, mit der eine Frage in allen nur denkbaren Aspekten auf logische und sachliche Richtigkeit hin überprüft wird, bevor man eine These wagt. Wenn ich heute manche TV-Talkshow sehe, kann ich mir eine Wiederbelebung solcher Gedankenstrenge für unsere Debatten nur wünschen!

Fragen aus allen Bereichen der damaligen Wissenschaft wurden auf diese Weise verhandelt. Ein theologisches Beispiel: „Ist Lachen des Teufels und darum eine Sünde?“ König Ludwig, genannt der Heilige, der in meinem Roman, noch unmündig, im Konflikt mit seiner regierenden Mutter eine wichtige Rolle spielt, hat die Frage für sich so beantwortet, dass er sich an normalen Tagen ein Lachen erlaubte, es sich aber freitags und in der Fastenzeit verbot. In den öffentlichen Disputationen gelangten auch Fragen zur Erörterung, die heute in der Ratgeberliteratur verhandelt werden: „Was ist die wahre Liebe?“ „Welchen Weg gibt es zum Glück?“ „Ist Bescheidenheit eine Tugend?“ Eine Frage, die ich bei meinen Recherchen aufgestöbert habe, war für das Leben meines Helden von so zentraler Bedeutung, dass ich sie seinen Lehrer stellen und von diesem ausführlich erörtern ließ. „Darf man mit Wissen Handel treiben und Geld verdienen?“ Hintergrund ist dabei die Annahme, dass alles Wissen von Gott stamme, also diesem allein gehöre, man folglich von niemandem für dieses Wissen Geld verlangen dürfe. Das scheint uns heute abstrus. Und doch sind wir damit mitten in einer aktuellen Diskussion, wenn heute Menschen, geprägt durch die Umsonst-Mentalität des Internets, das Urheberrecht mit der Begründung in Frage stellen, dass alles Wissen doch in der Gesellschaft gründe, ein Autor also keine Tantieme für seine geistigen Hervorbringungen „verdiene“. Wie Sie sehen, sind die „Piraten“ scholastisch hervorragend geschult!

geschrieben von
Peter Prange


  • Gebundene Ausgabe: 528 Seiten
  • Verlag: FISCHER Scherz; Auflage: 1 (25. Februar 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3651022641
  • ISBN-13: 978-3651022645




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