Dienstag, 15. März 2016

[Die Story hinter dem Buch] Kyra Groh - Tage zum Sternepflücken


heute:


Kyra Groh - Tage zum Sternepflücken

 


Über die Ideenfindung einer Liebesroman-Autorin.

Oder: Was die Hähnchenfrau, Antony McCarten und Youtube mit „Tage zum Sternepflücken“ zu tun haben.

Es gibt Fragen im Leben, die man einfach nicht beantworten kann. Nicht, weil einem keine Antwort einfällt, sondern weil die Antwort einem wirren Bündel von Wildblumen ähnelt, die man einfach nicht zu einem sauberen Strauß zusammenbinden kann. Man könnte es versuchen, indem man Blättchen abzupft, Stiele trimmt und Ästchen kürzt. Aber wäre es dann noch das gleiche?

Zu diesen Fragen gehört zum Beispiel: Warum liebst du deinen Partner? Klar, man kann Attribute aufzählen oder gemeinsame Erlebnisse aus dem Nähkästchen auspacken. Aber wirklich begreiflich machen, kann man es dem Fragenstellenden eigentlich nie. Manchmal überrumpelt einen das Ausbleiben adäquater Antworten sogar so sehr, dass plötzlich das eigene Urteilsvermögen zur Frage wird.

So ähnlich ergeht es mir, wenn ich beantworten soll, wie ich auf die Idee zu einem Buch komme. Kostprobe? Bitte sehr: Als ich auf einer Lesung genau dies für meinen Erstling „Pinguine lieben nur einmal“ schildern sollte, fiel mir nur noch ein, dass es an einem Tag im August war und ich bei der örtlichen Hähnchenfrau ein halbes Hinkel orderte. Sie jammerte, dass ihr in letzter Zeit die Kundschaft ausbliebe, weil die Muslime grade Ramadan machen. Diese Religion-Hähnchenbuden-Wirtschaft-Korrelation hat mich dermaßen fasziniert, dass ich abends im Bett lag und mir eine Geschichte um eine 20jährige Chaotin ausdachte, die sich in einen blinden Zyniker verliebt. Das Bindeglied zwischen der Hähnchenfrau und diesem Plot ist eine andere Romanfigur: ein schwuler Türke, der Gynäkologe werden will und während des Ramadan heimlich Chickenburger isst. Doch wie genau mein Gehirn da genau vom einen aufs andere gekommen ist: Herrje, das kann ich beim besten Willen nicht erklären. Ich wünschte ja, ich könnte dieses Organ in meinem Schädel verstehen!

Wie so oft, wenn es um Erkenntnisse geht, musste erst ein Außenstehender ran, um mir den Ursprung meiner Ideen ein wenig näher zu bringen. Dieser Außenstehende war Anthony McCarten und er tat es ganz unabsichtlich. Ja, genau der Anthony McCarten, dessen Roman „Superhero“ zu meinen absoluten Lieblingen gehört. Ich mag dieses Buch so sehr – es hat sogar einen kleinen Gastauftritt in meinem neuesten, eigenen, Buch „Tage zum Sternepflücken“.

2013 war ich auf einer Lesung des Neuseeländers und er antwortete auf eben jene Frage, wegen derer ich grade so absurd weit aushole, etwas wie: Er schreibe Romane über Dinge, die er nicht verstünde. Das Schreiben biete ihm eine Form der Auseinandersetzung mit komplexen Themen, die er nicht selbst erlebt aber irgendwie im Kopf feststecken habe.
In dieser Umschreibung habe ich mich wiedergefunden. Wie muss es sein, blind zu sein? Oder mit einem blinden Menschen Kontakt zu haben? Zack – „Pinguine lieben nur einmal“ war geboren. Wie kommt man eigentlich aus dieser verdammten „Friendzone“ raus? Und wie ist das Leben als jugendlicher Vater? Bumm – daraus entstand „Halb drei bei den Elefanten“.

Im März erscheint nach diesen beiden mein drittes Buch. Wie eben schon – ziemlich undramaturgisch (falls das ein Wort ist) – vorgegriffen, heißt es „Tage zum Sternepflücken“. Darin geht es um – na klar – um die Liebe. Und zwar um eine ganz besonders heikle Form der Liebe, um die ich mir folgende Gedankengemacht habe: „Wie muss es sein, wenn man in einer Beziehung nicht die Betrogene ist – sondern die Außenstehende, mit der betrogen wurde? Ist man da die Böse? Trägt man schuld? Wie fühlt man sich gegenüber der Person, deren Liebster dich zum Fremdgehen auserkoren hat?“ Da ich nicht vorhatte, leibhaftig in diese Rolle zu schlüpfen, musste wie so oft eine Romanfigur herhalten. Und ein bisschen tut mir Layla, die Hauptperson in „Tage zum Sternepflücken“, die ich dazu auserkoren habe, deswegen auch leid. Doch gleichzeitig bereue ich nichts! Denn kaum hatte sich mein Köpfchen einmal ausgemalt, dass es eine merkwürdige Dreiecksbeziehung mit Layla an der Spitze geben wird, floss der Rest der Geschichte aus mir heraus: Julius war plötzlich auf meiner geistigen Bildfläche und ich beschloss, dass er – ein junger, gutaussehender Gitarrist, der Layla in einer Bar abschleppt – Layla leider nur zur Zweitbesetzung machen kann, weil er noch in einer Beziehung feststeckt.

Ich schrieb die Anfänge von „Tage zum Sternepflücken“ im Jahr 2011. Ich verbrachte meine Semesterferien damals mit einem Praktikum beim ZDF und schlief unter der Woche bei meinem Vater und seiner Freundin in der Nähe von Mainz. Zu dieser Zeit hatte ich viele freie Abende, unzählige neue Eindrücke und lernte neue Menschen kennen. Mit einer frischen Geschichte im Kopf haben diese Faktoren zu einem wahren Inspirationsboom geführt. Ich beschäftigte mich mit Themen wie Kreativität, Leidenschaft, Glück und Kunst – und auch diese haben dann ganz automatisch ihren Weg ins Buch gefunden: Da wären Laylas musikalisches Talent, ihr Studium an einer Musikhochschule, die Männer in ihrem Leben, die allesamt Musiker sind, und ihre Probleme, sich mit Popularität zurecht zu finden. Aber auch Laylas künstlerisch begabte Mutter, die Glücksseminare gibt, eine schwere Krankheit überwinden muss und in allem immer das positive sieht, entsprang diesen Gedankengängen. Während dieser Praktikumszeit, in der ich die Nächte mit schreiben verbrachte, wurde ich immer mehr in den Bann von Youtube gezogen – oft, um die Zeit zu überbrücken, in der mir nichts neues zu meiner Geschichte einfallen wollte. Ich habe Künstler, die ihr Talent selbstbewusst und zielstrebig ausleben können, schon immer bewundert. Es ist eine Thematik, mit der ich selbst manchmal noch Schwierigkeiten habe. Bei vielen Youtube-Künstlern habe ich diese Fähigkeit daher mit Neid beobachtet. So kam es, dass ich dieses Medium in „Tage zum Sternepflücken“ mit einbrachte. Einserseits in Form von Julius, der Musik-Videos auf dieser Plattform veröffentlicht, und in Form von Ben, Laylas in Verruf geratenen Exfreund, der eine kleine Berühmtheit im Internet ist. Youtube wurde sozusagen der Kanal, der Lalyla immer wieder damit konfrontiert, dass es okay ist, das eigene Talent auch mal zur Schau zu stellen und dass dies nicht immer überheblich wirken muss.

Meine Motivation, die Idee zu einem Buch „rund zu machen“, kam in erster Linie daher, dass ich selbst wissen wollte, wie es mit Layla und Julius weitergeht. Bleibt er bei seiner Freundin? Wie fühlt sich Layla dabei? Gibt es eine Chance?
Diese Story in das Umfeld von Musik, Kunst und aufsteigenden Stars zu packen, hat mir unheimlichen Spaß gemacht. Außerdem hat mir das die Möglichkeit gegeben, meine Obsession mit Männern, die Gitarre spielen, meine eigene Erfahrungen mit dem Saxofon spielen und dem Musical Sweeney Todd auszuleben.

Ich habe mich beim Schreiben mit vielem auseinander gesetzt. Zum einen mit der Liebe in ihren unterschiedlichsten Formen: freundschaftliche, familiäre, leidenschaftliche, erotische, gewonnene, verlorene, erwiderte und abgewiesene Liebe und die Liebe zur Kunst. Und obwohl das Buch keineswegs autobiografisch ist, habe ich dabei doch eine Menge gelernt. Allen voran, dass es nichts hilft, bockig zu werden, oder die Welt zu hassen, oder sich ungerecht behandelt zu fühlen. Meistens hilft es einfach, deinen Hintern hoch und dich aus deiner Comfort-Zone zu bewegen und so lange so zu tun, als hättest du Selbstvertrauen, bis du es tatsächlich hast. Das zumindest ist der Weg der Erkenntnis (die Tage zum Sternepflücken ;-) ), auf den sich Layla begeben muss. Und ich hoffe einfach, der oder die ein oder andere wird sich auf diesem Weg genau so finden.

geschrieben von
Kyra Groh



  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (14. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3734101751
  • ISBN-13: 978-3734101755



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