Montag, 21. März 2016

[Die Story hinter dem Buch] Nina George - Das Traumbuch


heute:


 Nina George - Das Traumbuch

 


Jeder Roman beginnt mit einem Bild, das mich unvermutet „anfliegt”.
Als professionelle, erfahrene Schreibende erkenne ich diese besonderen Ideen aus dem ständigen Rauschen der Einfälle ziemlich gut; sie fliegen mich nicht nur an, sondern landen mit der Heftigkeit einer Ohrfeige im Hirn und im Herz. Ein bisschen wie „Liebe auf den ersten Blick” – ohne das man denjenigen wirklich kennt. Aber er kommt durch die Tür und: Krawumm.

© Nina George
Dieses „Verlieben“ entzündet auch bei der Entwicklung eines Romans mein inneres Licht, es wirkt wie ein Türöffner – und ich will wissen: in was verliebe ich mich da gerade? Warum? Was ist das Thema? Worum geht es wirklich, was steht hinter diesem Bild?

Während ich diese Tür öffne und das Thema dahinter erkunde, die große Geschichte, die ich wahrnehme, aber noch lange nicht sehen kann, ist eine unberechenbar lange oder kurze Zeit.

Bei dem „Das Traumbuch“ war der Auslöser eines Bildes mein Vater, mein toter Vater, der am Steuer meines Wagens sitzt und mich anschaut, während ich gerade in die Notaufnahme gebracht werde. Eine Lebensmittelvergiftung bringt mich über den Rand des Bewusstseins im Februar 2014, und auf der Suche nach einem Krankenhaus am Ende der Welt – im Finistère, der Bretagne, wirklich am Ende der Welt – das mich versorgen kann, fährt mein Mann wie besessen 45 Minuten lang mit Höchsttempo über verschlungene Straßen. Er sitzt am Steuer, nicht mein Vater, aber für Sekunden verschwimmt das Bild, und die Welt verschiebt sich.

© Nina George
Zweimal werden wir abgewiesen, erst das Krankenhaus in Morlaix kann mich versorgen. Bis dahin dehydriere ich schwer, der Kreislauf versagt, ich bin nicht mehr ansprechbar.
Und sehe stattdessen meinen Vater, der mich ruhig anssieht und sagt: Ich warte auf dich. Ich bin da.


© Nina George


Ich überlebe, und aus diesem Moment formt sich ein neues Bild, eine Idee, eine Ohrfeige: Wie wäre es, wenn im selben Moment, in dem ein Mann genau weiß, wie er sein Leben ändern muss, um glücklich zu werden – wenn er dann überfahren wird?
Und was geschieht ihm dann „zwischen den Welten“, im Koma, zwischen Leben und Tod: Was sieht er? Wen sieht er? Welche Türen öffnen sich – und wie kann ich das erzählen, ohne religiös, kitschig, esoterisch oder klinisch zu werden?

Das Traumbuch ist mein wagemutigstes Buch; es erzählt aus drei Ich-Perspektiven mehrere Variationen von ein und demselben Leben. Ich verwebe darin komainduzierte Wahrnehmungen, Träume, Vorahnungen, Tatsächliches, Erwünschtes und wage auch kurz einen Ausflug in die Theorie der Parallelwelten.

© Nina George
Ganz klassisch, in der Manier der Was-wäre-wenn-Erzähltradition: Was wäre, wenn ich mich an dem Tag anders entschieden hätte? Was wäre, wenn ich nicht gestolpert wäre, wenn ich die Frau geküsst anstatt verlassen hätte, was wäre wenn?

Letztlich ist „Das Traumbuch“ zu einem Roman geworden, der uns fragt, welche Entscheidungen im Leben die wirklich wichtigen sind. Und ob wir ein immer perfektes Leben leben können – oder eben nicht, vermutlich sogar: nie. Wir können nur leben und nicht aufhören, mutig zu sein.

© Nina George
Ich persönlich glaube aber auch, es sind die kleinen, die aller, aller, allerkleinsten Entscheidungen, die wesentliche Auswirkungen haben. Nicht immer nur die großen, die: wen heirate ich? Wo ziehe ich hin? Soll ich studieren oder einen Laden für Croissants eröffnen?
Nein, es sind die Situationen im Augenwinkel des Schicksals.

Bei mir waren es die gepulten bretonischen kalten Krabben, die ich als Vorspeise hatte, anstatt den Ziegenkäse, den ich eigentlich lieber gehabt hätte.
Die ganze Küste erlitt in diesen Tagen Vergiftungen, mehrere Menschen starben.

Ich nicht; ich hatte nur diese seltsame Idee von Henri M. Skinner und seiner Odyssee durch die tausend Türen seines eigenes Lebens.

geschrieben von
Nina George

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Knaur HC (17. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426653850
  • ISBN-13: 978-3426653852



Kommentare:

  1. Danke für die Story, die ich hier nach der Lesung gestern in Hamburg nochmal nachlesen darf... die Geschichte mit den Entscheidungen am Anfang der Lesung hat mich so besonders berührt, weil sie auf die Higlights des Lebens erinnert, die eben manchmal aus diesen kleinen Entscheidungen entstehen...für mich fast die schönsten Sätze gestern abend...

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  2. Hallo Renate,
    das klingt, als hättest du eine traumhafte Lesung gehabt. Wie schön!
    LG Claudia

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