Dienstag, 19. April 2016

[Die Story hinter dem Buch] Susanne Mischke - Warte nur ein Weilchen


heute:



Susanne Mischke - Warte nur ein Weilchen

 


Als ich 2002 in den Norden, genauer gesagt in die Gegend um Hannover, zog, war der Begriff „Regionalkrimi“ noch ein Insiderbegriff von Verlagen und Buchhändlern. Nachdem ich meine neue Heimat etwas besser kennengelernt hatte, traute ich mich, den ersten Roman am Rand des Deisters spielen zu lassen, der Titel lautete „Wölfe und Lämmer“. Es geht darin tatsächlich, unter anderem, um Wölfe, und dass einmal tatsächlich Wölfe in Niedersachsen herumlaufen würden, erschien nicht nur mir damals als pure Utopie.

Danach hatte ich große Lust auf eine Serie. Ich wollte Figuren schaffen, die sich von Buch zu Buch entwickeln, die den Leser nicht nur für die Dauer eines Romans in ihren Bann ziehen, und ungeduldig auf das nächste Buch warten lassen. Es sollte kein einzelner Kommissar sein auch kein Duo, sondern gleich ein Team, und so entwickelte ich nach und nach die Charaktere von Hauptkommissar Bodo Völxen, Oda Christensen, Jule Wedekin und Fernando Rodriguez. Und natürlich nicht zu vergessen Dr. Bächle, der schwäbische und schwäbelnde Rechtsmediziner und Pedra Rodriguez, Fernandos resolute Frau Mama, und, und, und …

Oft werde ich gefragt, ob die Figuren reale Vorbilder haben. Nein, haben sie nicht, zumindest nicht bewusst. Sie sind durch und durch erfunden, ebenso ihre Lebensgeschichten und die privaten Katastrophen und Episoden, die sie durchleben.

Ich wollte, dass Völxen, ein geborener „Städter“, auf dem Land lebt. Oft heißt es, er züchte Schafe, was aber nicht stimmt, er hält sie nur als Haustiere, sein privater Streichelzoo sozusagen. Deshalb kann er den Gedanken, Lammfleisch zu essen, auch nur schwer ertragen. Die Scharmützel zwischen Völxen und seinem Schafbock Amadeus haben sich zu einem Running-Gag entwickelt, ebenso Völxens Nachbar, der Hühnerbaron. Der wortkarge und in Teilen philosophisch angehauchte Austausch der beiden Männer über Gott und die Welt bei einer Flasche lauwarmem Herrenhäuser hat sich ebenso etabliert wie die Untaten von Terriermischling Oscar, der in „Totenfeuer“ dazukam.

Fünf Bände lang prickelte und krachte es zwischen Jule und Fernando: das höhere Töchterchen und das Macho-Muttersöhnchen. Immer mehr Leserinnen – ja, vor allem die – flehten mich geradezu an, die beiden doch endlich zusammenkommen zu lassen. Also habe ich Jule und Fernando im sechsten Völxen-Krimi „Warte nur ein Weilchen“ ein Paar werden lassen. Wie das genau passiert ist – nun, das geschah zwischen Band fünf und sechs. Das mag sich jeder selbst ausmalen. Schließlich ist es ja eine Krimiserie und keine Liebesschnulze. ;-)

Mit der Zeit merkte ich, dass der größte Teil meiner Leserschaft mehr am Privatleben der Ermittler interessiert ist, als an den konkreten Mordfällen. Darum nimmt dieses von Buch zu Buch einen immer breiteren Raum ein. In „Warte nur ein Weilchen“ lag es daher nah, das Private mit dem Spannenden, dem zu lösenden Fall, zu verknüpfen. Erstmals kommt ein Angehöriger des Teams gewaltsam ums Leben, und zwar Jules Mutter – was natürlich einen Schatten auf das frische Liebesverhältnis von Fernando und Jule wirft.

Außerdem hatte ich das Gefühl, dass dem Team im 6. Band eine kleine Auffrischung ganz gut tun würde. So stößt – erst einmal aushilfsweise – die junge Kommissarin Rifkin dazu. Eine überaus toughe junge Frau mit russisch-jüdischen Wurzeln, die Fernando das Fürchten lehrt. Und Oscar auch. Schon seit längerer Zeit war mir danach, mal einen richtigen „Kotzbrocken“ auftreten zu lassen. Nicht nur im Kreis der Verdächtigen, sondern als Ermittler. Also rekrutierte ich Erwin Raukel, das alte, versoffene Wrack. Er ist äußerlich wenig anziehend, politisch total inkorrekt, ein Macho, ein Säufer, er hat grausige politische Ansichten und noch grausigere Essmanieren, er ist ungehobelt, eitel und hält mit seiner Meinung praktisch nie hinterm Berg. Zudem hat er die Angewohnheit, sich ständig am Hintern zu kratzen (Hämorrhoiden?)

Das Problem dabei war jedoch: Je unmöglicher ich Raukel sich benehmen ließ, desto sympathischer wurde er mir … Es hat einen höllischen Spaß gemacht, ihm die Worte in den Mund zu legen, und auch bei den Lesungen sorgt der Raukel-Part stets für allergrößte Heiterkeit.

„Warte nur ein Weilchen“ hat übrigens nichts mit Haarmann zu tun. (Der hat ja im ersten Band, „Der Tote vom Maschsee“ seinen Auftritt.) Aber das Motto des bekannten Haarmann-Liedes passt ganz gut zum Plot. Es geht nämlich im Grunde um späte Rache. Und um Gentrifizierung. Und um’s Saufen … Viel Spaß mit dem neuen „Völxen“,

wünscht Susanne Mischke

  • Broschiert: 336 Seiten
  • Verlag: Piper Paperback (1. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 349206020X
  • ISBN-13: 978-3492060202



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