Dienstag, 28. Juni 2016

[Die Story hinter dem Buch] Beuther, Christina - Ist das jetzt schon Liebe?



heute:


Beuther, Christina - Ist das jetzt schon Liebe?

 


Bis vor ein paar Jahren habe ich mir nie groß darüber Gedanken gemacht, wo meine Heimat ist. Aufgewachsen in einem kleinen fünfhundert Seelen Ort in Ostwestfalen, hat es mich zum Studium nach Köln gezogen, schließlich für ein paar Jahre nach Cambridge in Massachusetts, USA, bevor wir als Familie vor nun mehr als zehn Jahren in Heidelberg angekommen sind.
Home is where the heart is, heißt es, und klar ist mein Herz hier, bei meinem Mann und unseren drei Kindern.
Nun starb 2011 mein Vater, und meine Mutter beschloss, mein Elternhaus zu verkaufen und nach Minden, in die nächst größere Stadt, zu ziehen. Das machte Sinn; meine Schwester in Köln, ich in Heidelberg, das große Haus mit dem riesengroßen Garten, die Abhängigkeit vom Auto, wenn man einkaufen, Freunde treffen, zum Arzt wollte, ... Ich bin froh über ihre Entscheidung und der Meinung, dass sie richtig war und ist, dazu wundere ich mich jedoch über mich selbst, dass ich den Ort meiner Kindheit und Jugend, den ich nach dem Abi gar nicht schnell genug verlassen konnte, vermisse.
Poldi
© Christina Beuther

Ich bin nicht hauptberuflich Autorin, das heißt, ich schreibe in meiner Freizeit. Nun ist freie Zeit in dem Alltagstrubel, den drei Kinder und ein voller Job mit sich bringen, eher rar, trotzdem wusste ich nach „Aber so was von Amore“, dass ich das Schreiben nicht mehr missen wollte. Auf einer Autofahrt aus Berlin zurück nach Heidelberg war dann plötzlich eine Idee da, eher waren die Gedanken, die schon seit einer Weile in meinem Kopf hingen, zu einer Idee gewachsen, aus der nun „Ist das jetzt schon Liebe?“ geworden ist, Julis Geschichte.

„Klar geht es also auch um Liebe, aber nicht nur darum; es geht um die Frage, was Heimat ist ...“, habe ich im Exposé geschrieben. Damit ist es ein sehr persönliches Buch geworden:
Beekelsen hat viel von dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin; es gibt den Dicken Berg, über den man fahren muss, um dorthin zu kommen, die Wesermarsch mit den Weserwiesen, das Loch, das in Wirklichkeit Kippe heißt, den kleinen Supermarkt, den Friedhof mit Blick auf die Weser, die Weite. Das alles festzuhalten, war mir wichtig. Für mich, auch für meine Kinder, die sich später nur noch vage an den Ort erinnern werden, und für meine Schwester, mit der ich mich während des Schreibprozesses sehr viel über unsere Erinnerungen ausgetauscht habe und die fertige Seiten direkt gelesen hat. Auch meine Mutter hat das Buch vorab gelesen. Ich gebe zu, dass ich aufgeregt, sie kurzfristig verstimmt und ich sehr froh war, als sie am Ende meinte, sie wäre mit der Geschichte versöhnt. Ria hat übrigens nichts von meiner Mutter, Oma Lene hingegen viel von meiner Großmutter, die herzlichen Augen, das liebe Wesen, die Knopfkiste, die Handcreme mit Kamillen-Duft, ...

Rosi, die Glückskatze
©
Christina Beuther

Anders aus Juli bin ich nicht bei meiner Großmutter aufgewachsen, aber sie war dennoch immer da. Meine Eltern, meine Schwester und ich haben zusammen mit meinen Großeltern in einem großen, ehemaligen Bauernhaus gelebt. Ich denke, man kann sagen, dass ich ein Oma-Kind war. Meine Großmutter ist seit vielen Jahren tot. Die Erinnerungen an sie beim Schreiben wieder lebhaft gemacht zu haben, war wunderschön. Auch Petermann gab es. Mein Petermann hieß Shakespeare. Und meine Kinder würden jetzt sicherlich sagen, dass Petermann auch viel von Poldi und Rosi, unseren beiden Familienkatzen, hat.

Was die anderen Personen betrifft, ist es mir wichtig zu schreiben, dass meine Fantasie mit mir durchgegangen ist und ich keine konkreten Vorbilder im Kopf hatte, als es darum ging, Friedekings Helga, Bultemeiers Ingo und wie sie alle heißen, aufs Papier zu bringen (Man sagt es, da wo ich herkomme, wirklich so herum. Ich war immer Owen Christina, eigentlich Jürgens Christina, aber irgendwie hatten alle Nachnamen noch ältere Spitznamen.). Sicherlich gilt der Ostwestfale als solcher als besonderer, ein wenig eigentümlicher Menschenschlag, stolz und stur, eher schweigsam, trotzdem sehr herzlich, was kein Widerspruch sein muss, ebenso wenig wie die auf den ersten Blick vielleicht widersprüchliche Bezeichnung der Region, doch man ist nun mal kein Westfale, sondern Ostwestfale.

Vor über zwanzig Jahren bin ich vollkommen bewusst fortgezogen, und trotzdem ist dieser Fleck meine Heimat. Heidelberg ist mein Zuhause, dort, wo meine Familie ist, aber Heimat ist da, wo das Herz sich weitet, wenn der Horizont weiter wird, Heimat ist die Landschaft, die vertraute Melodie der Sprache, die auch wenn man sich in der Fremde trifft, ein Gefühl von Heimat vermitteln kann.

© Christina Beuther

Zurück zu „Ist das jetzt schon Liebe?“ und zum Satz aus dem Exposé. Klar ist das Buch auch eine Liebesgeschichte.
Ich lese gerne Bücher, in denen es Liebesgeschichten gibt, aber diese Liebesgeschichten müssen nicht zwangsläufig im Vordergrund stehen. Auch die Liebesgeschichte zwischen Juli und Jan stand für mich beim Schreiben nicht im alleinigen Fokus, darum hatte ich auch erst Probleme, mich mit dem Titel anzufreunden, und richtig leicht geht er mir noch immer nicht über die Lippen. „Juli im August“ war mein Arbeitstitel, „Juli und die Heimat im Herzen“ oder „Juli und die Weite des Horizonts“ waren weitere Vorschläge. Letztendlich hat der Verlag anders entschieden, aber das so wunderschöne Cover hat meinen ersten Unmut komplett vertrieben.
Insgesamt hat der ganze Lektorats-Prozess dieses Mal recht lange gedauert. Das erste Manuskript habe ich vor fast zwei Jahren eingereicht. Da sind die erste Version, Anregungen und Wünsche des Verlags, Ideen und Gedanken der Lektorin, die oft auf Anhieb wunderbar sind , auf den zweiten Blick passen hin und wieder aber auch beim erneuten Überdenken aus Autorensicht nicht stimmig sind, ... In diesen zwei Jahren hat sich das Buch doch auch verändert. So ist die Liebesgeschichte zwischen Juli und Jan sicherlich weiter herausgearbeitet als in der ersten Version. Gleiches gilt für Ria, die anfangs vager angelegt war und meiner Lektorin eigentlich noch immer nicht konkret genug ist. Ich mag die Leerstellen, die bleiben und bin gespannt, wie meine Leserinnen und Leser Ria sehen. Auch Sami gab es im ersten Manuskript noch nicht. Selbst Lehrerin nicht unbedingt der leichtesten Schülerinnen und Schüler war er mein Kompromiss in Richtung Verlag, der sich auf Seiten meiner Protagonistin eine stärkere Entwicklung, auch beruflich, gewünscht hat. Ich mag es aber, dass Juli Kinderbücher illustriert und wollte hier keinen Wechsel. Ihre Beziehung zu Sami ist für mich eine glaubhafte Entwicklung, die zu Juli passt und sie nicht verbiegt.
Dennoch hat dieser stete kritische Blick meiner Lektorin, diese intensive Auseinandersetzung mit den Personen und der Handlung, Juli und ihrer Geschichte mehr Tiefe verliehen.

Am Ende steht Julis Zauberbuch; Oma Lenes Rezepte und Julis Rezepte in einem Buch. Und so schließt sich der Kreis. Ich habe eine ganz lebhafte Kindheitserinnerung an meine Großmutter, eine Schürze umgebunden in der Küche, wie sie mir beibringt, Pfannkuchen zu machen. Etwas, das ich mit Juli teile.

Und nun sind sie endlich in der Welt; Juli und Jan, Mo, Onkel Georg, Beekelsen und seine Bewohner.
Viel Spaß in Ostwestfalen. Mit Juli. Im August.

geschrieben von
Christina Beuther


  • Taschenbuch: 240 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (17. Juni 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746632250
  • ISBN-13: 978-3746632254





1 Kommentar:

  1. eine tolle Liebesgeschichte wo zum glück wirklich auch einmal die Liebe nicht an erster stelle steht bei einer geschichte! Bevorzuge ich auch hin und wieder mal bei einem Buch :-)
    LG Jenny

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