Samstag, 25. Juni 2016

[Gastrezension] Thürmer, Christine - Laufen. Essen. Schlafen.: Eine Frau, drei Trails und 12700 Kilometer Wildnis

Gastrezension von Starbucks

Christine Thürmer ist (zumindest anfänglich) der Hape Kerkeling der amerikanischen Weitwanderwege: nicht so ganz fit, etwas unbedarft und unbeholfen, dafür aber spontan und beruflich sehr erfolgreich. Fast schon impulsiv tauscht sie nach einer Entlassung den Bürostuhl gegen die Wildnis des Pacific Crest Trail – und wird danach von den Weitwanderwegen Amerikas und später auch der ganzen Welt nicht mehr losgelassen. Ich selbst gehe den Jakobsweg am Stück, wannimmer der Beruf das zulässt, und im März sind wir auch die ersten 120 km des Pacific Crest National Scenic Trail gewandert. Auch die meisten anderen Landschaften, in denen die Autorin sich bewegt, kenne ich gut, und so fühle ich mich in diesem Buch immer ganz nah am Geschehen, obwohl ich niemals zu den thruhikern (die die Weitwanderwege in einem Sommer am Stück zurücklegen) gehören werde.

Zum Inhalt: Wie schon erwähnt, ist Christine Thürmer zu einer Weitwanderin geworden, die die drei großen Fernwanderwege der USA, Pacific Crest Scenic Trail, Continental Divide Trail (ein Weg, der bis heute nicht fertig gestellt ist und wo man sich selbst zum Teil die Route suchen muss) in drei Sommern komplettiert hat. Danach hat sie noch viele weitere Projekte überlebt (das kann man hier zu Recht so sagen), aber ihr Buch „Laufen Essen Schlafen“ handelt von den Erlebnissen auf diesen drei Wegen. Dabei beschreibt sie Extremsituationen ebenso wie berührende Zusammenkünfte mit Menschen auf dem Weg. Auch die Landschaft und der Weg selbst werden thematisiert, stehen aber etwas hinter den Erlebnissen, die die Autorin mit den Wanderern und trail angels (Menschen am Weg, die sich um die thruhiker kümmern) hat. Wer einen Reiseführer oder Tipps für den Weg sucht, ist hier falsch - „Laufen Essen Schlafen“ ist der ganz persönliche Weg der Christine Thürmer, so wie sie ihn (oder sie, da es drei waren) erlebt hat.

Ich habe das Buch ganz gebannt gelesen, denn erstens kenne ich den ersten Teil des PCTs selbst – da ist man quasi mit dabei – kenne die Ängste vor der eigenen Courage, bevor es losgeht. Dann geht man die ersten Schritte, und das Laufgefühl wird immer besser, der Weg immer vertrauter. Christine Thürmer schönt nichts – ihr Weg klingt zumindest ehrlich und authentisch. Sie hat Höhen und Tiefen, und es lässt sich auch nicht leugnen, dass sie so manches Mal dem Tod vielleicht sehr nahe war. Die Weg in den USA sind wild, das Wasser rar, die Zivilisation nicht um die Ecke. Wandern mit Einkehren wie in Europa ist quasi nie angesagt.

Dennoch schildert Christine Thürmer weniger den Weg, sondern die Erlebnisse auf ihren Zwischenstopps eben in der Zivilisation. Dies zeigt ein wenig, dass die Höhepunkte eben nicht auf dem Weg liegen, sondern in der echten Dusche und der Nacht im richtigen Bett. Vielleicht muss man eben erst solche Strapazen auf sich nehmen, um die Gaben der Zivilisation und Sozialisation schätzen zu lernen.

Fazit: Ich könnte so ewig weiter rezensieren, so gut hat mir dieses Buch gefallen. Gern hätte ich doch einmal in die Packliste der Autorin hineingeschaut, aber dafür wurde dieses Buch ja nicht geschrieben. Dafür runden kurze Karten der drei Fernwanderwege sowie viele Fotos, die das Buch lebendig machen, das Leseerlebnis ab. Vielleicht hat mir das Buch so gut gefallen, weil ich mich diesen Wegen so verbunden fühle, weil ich die Landschaften gut kenne, weil ich selbst fernwandere oder einfach nur, weil die Autorin so gut schreibt? Es hat auf jeden Fall mit fünf aus fünf Sternen oder mehr seinen Platz in mein Behaltregal gefunden.

  • Broschiert: 288 Seiten
  • Verlag: Malik (1. April 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3890294715
  • ISBN-13: 978-3890294711
  • Verlagsgruppe:


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