Samstag, 30. Juli 2016

[Lizzi-Woche] Der Mensch hinter den Büchern


Zum Abschluss der Themenwoche möchte ich euch noch den Menschen hinter den Büchern vorstellen:  
Anja Marschall im Interview
 
© Anja Marschall

Hast du Hobbies?
Bevor ich anfing zu Schreiben hatte ich Hobbies. Dazu gehörte es, Musik zu machen. Ich spiele einige Instrumente. Doch jetzt ist meine Leidenschaft auch mein Beruf. Ich schreibe mit Leib und Seele Geschichten. Wenn ich mich mal erholen will, dann bei einem guten Glas Wein vor dem Kamin. Was ich am meisten bedaure – auch schöne Medaillen haben bekanntlich zwei Seiten-, ich komme kaum noch zum Lesen. Früher habe ich viel und gerne gelesen, doch seit ich schreibe, fehlt mir nicht nur die Zeit, sondern auch die genüssliche Naivität des Unbedarften. :)
Ansonsten lese ich, wenn überhaupt Zeit ist, nur Krimis. Das dient einerseits der Entspannung und andererseits ist es die neugierige Frage, wie es denn die Kollegen machen. Aber ich denke, ich sollte mehr „richtige“ Literatur lesen. Also, leichenfrei. Hatte es mal mit Kleist und Goethe, Schiller und Hesse versucht. Hmm, aber, ich bleibe am Ball. ;-)

Wohin reist du gerne?
Ich komme aus dem Norden und merke, dass mir Gegenden mit Charakter am besten gefallen. Schottland, Irland, Norwegen. So ´was in diese Richtung. Egal wo ich bin, ich versuche mit den Leuten dort ins Gespräch zu kommen. Da die wenigsten Leute Deutsch können, ich aber passabel Englisch, doch leider kein Französisch, schränkt das meine Reiseziele ein wenig ein. Ich habe eine ganze Zeit in Großbritannien gelebt und auch in Irland. Zu beiden Ländern zieht es mich immer wieder hin.

Dein erstes Buch?
Mein erstes veröffentlichtes Buch war „Fortunas Schatten“, ein Krimi um 1900, der im Kaiserreich an der Elbe spielt. Das Buch erschien im Dryas Verlag, einem kleinen Verlag, der sich nicht scheut, auch Neulingen eine Chance zu geben, wenn sie etwas Gutes zustande gebracht haben. Es folgten zwei Brit-Crimes im Goldfinch Verlag sowie die Übersetzung und Bearbeitung eines original viktorianischen Krimis (!) von 1864: „Das Geheimnis der Lady Audley“. Dann kam der Durchbruch in die nächste Liga mit meiner Lizzi-Reihe für den Aufbau Verlag, Berlin. Dort erschien gerade Band 2 „Lizzi und die schweren Jungs“. Ein weiteres historisches Abenteuer um meinen Helden Hauke Sötje, der schon in „Fortunas Schatten“ ermittelte, wird im emons Verlag im kommenden September erscheinen. Ich werde oft gefragt, wie viele Versuche ich unternehmen musste, um mein erstes Buch zu veröffentlichen und wie viele fertige Manuskripte von mir noch in Schubladen auf die Erweckung warten. Nun ja, „Fortunas Schatten“ war mein erster Veröffentlichungsversuch und nachweislich erfolgreich. Ich schreibe seither ein bis zwei Bücher im Jahr. Da alle meine Manuskripte zu Büchern wurden, habe ich also nichts auf Vorrat und somit nur „leere Schubladen“.

Wie war dein Weg zur „richtigen“ Schriftstellerin?
Nun, man sollte schreiben und nicht nur schreiben wollen. Das ist eine offenkundige Grundvoraussetzung, die aber viele übersehen. Doch schreiben alleine reicht nicht. Bevor ich hauptberufliche Autorin wurde, war ich bereits in einem Krimiverband Mitglied. Die „Mörderischen Schwestern“ nehmen nicht nur krimischreibende Frauen auf, sondern generell auch Krimiliebende. Somit war ich auch ohne Veröffentlichung schon in den richtigen Kreisen. Ich habe zugehört, wenn die „richtigen“ Autorinnen redeten, und ich habe viel dabei gelernt. Dann habe ich einschlägige Literatur gelesen, um gewisse Anfängerfehler nicht zu machen. Naja, und dann schrieb ich und schrieb und schrieb. Danach ging ich auf Verlags- und Agentensuche. Frust hoch Drei! Alle sagten mir, dass Historisches megaout sei. „Hübsche Geschichte“, meinte ein Agent. Ob ich die nicht in die Jetztzeit legen könne. Nun, ich hatte drei Jahre für „Fortunas Schatten“ recherchiert und mir gefiel mein Buch so wie es war. Da schmeiße ich doch nicht alles weg und mache den millionsten Flatterbandkrimi draus! Meine erste Reaktion: Der Kerl ist wohl bekloppt! Aber, dieser Agent hatte nun einmal Recht. Der Markt ist nach Wanderhure und Co seit einiger Zeit übersättigt. Auch das muss ein Autor, wenn er sein Manuskript anbietet, berücksichtigen: den Markt. Dann kam mir der Zufall zu Hilfe. Ich hatte im Literaturhotel Iserlohn eine Frau getroffen, die jemanden kannte, der jemanden kennt. Naja, du weißt schon. Der Dryas Verlag war dann mein Glück. Durch die Vordertür an einen Verlag zu kommen, ist verdammt schwer, weil zeitgleich tausende auch durch diese Tür wollen. Wenn man aber erst einmal „drinnen“ ist, hat man gute Chancen, weitere Bücher zu veröffentlichen. Und so kam Buch 2, Buch 3 usw., bis ich mit „Lizzi und die schweren Jungs“ soeben mein sechstes Buch veröffentlicht habe. Buch Nr sieben kommt im September 2016.

Was gelingt dir beim Schreiben besonders gut?
Die Menschen sind meine Spezialität. Ich liebe skurrile Charaktere, die auch mal Dinge sagen dürfen, die ich nicht sagen darf. Die Charaktere sind bei mir immer zehn Zentimeter neben dem Mainstream. Zum Beispiel meine Lizzi: Ganz ehrlich, welche 70jährige trägt heute noch Kopftuch und Trenchcoat? Aber Lizzi tut es, weil sie sich dem Jugendwahn unserer Zeit widersetzt. Sie will weder übers Internet einen neuen Mann suchen, noch auf Weltreise gehen oder die Falten beim Chirurgen glätten lassen. Lizzi lebt nach dem Motto: Leben und leben lassen. Für eine Frau, die Morde aufklärt, ist das schon ein recht gewagter Anspruch. ;-)

Wo kommen die Ideen her?
Sie sind einfach da. Letztens habe ich ein Nickerchen im Garten gemacht. Da setzt sich im Halbtraum ein Mitfünfziger zu mir. Graue Haare, Zopf, attraktiv. Er stellt sich vor: „Ich heiße Håkan Larsson und ich spiele Cello.“ Das war´s. Als ich aufwachte, hatte ich meinen Protagonisten für einen Thriller samt Handlung im Kopf. Lizzi ereilte mich auf ähnliche Weise. Ich ging in Hamburg in den dritten Stock eines Wohnhauses. Vor mir eine recht rundliche ältere Dame, die trotz ihrer Fülle dermaßen energisch und behänd war, dass ich nur dachte „Respekt“. Als ich mit ihr ins Gespräch kam, stellte sich heraus, dass ich hier ein richtiges Hamburger Original vor mir hatte und ich wusste: Sie wird meine Detektivin-wider-Willen. Der Held von „Fortunas Schatten“ ist in Wahrheit Hauke Hajen aus dem Schimmelreiter von Th. Storm, nur ein wenig mehr sexy, ;-)

Was liebst du am Autorin-sein?
Das Recherchieren. Ob nun in staubigen Archiven aus vermeintlich „toter“ Geschichte ein lebendiger Roman wird oder ob ich zum Probeliegen in die Ausnüchterungszelle der Davidwache auf dem Hamburger Kiez gehe, mir macht alles Spaß. Dann liebe ich es, mir immer neue Geschichten auszudenken. Mittlerweile habe ich mindestens neun Ideen für Bücher, die ich unbedingt schreiben möchte. Dabei ist sind zwei Thriller, eine Auswanderergeschichte, ein viktorianischer Roman im Künstlermilieu um Oscar Wilde, ein Jugendbuch, ein Regiokrimi von der Küste, zwei weitere Nachfolgebände von „Fortunas Schatten“ (Band 2 erscheint im September bei Emons unter dem Titel „Tod am Nord-Ostsee-Kanal“) und ein skurriler Weihnachtsroman.
Das Schreiben liebe ich auch sehr, weil ich dann in eine andere Welt abtauche. Da nervt es mich, wenn es an der Haustür klingelt, wenn mein Magen knurrt oder wenn ich ins Bett muss. Und ich liebe Lesungen! Wenn ich spüre, dass die Leute voll mitgehen, so wie bei der Premierenlesung von „Lizzi und die schweren Jungs“ kürzlich, dann weiß ich, wofür ich ein Jahr lang hart gearbeitet habe.

Ein Tag im Leben von Anja Marschall?
Aufstehen um 6:30 Uhr, Frühstück, Kind zu Schule, dann ran an den PC. Wehe das Telefon klingelt oder jemand steht an der Tür!
13 Uhr: aufspringen, weil das Mittagessen noch nicht fertig ist und das Kind doch gleich nach Hause kommt. 15:00: Kind zum Spielen schicken und ran an den PC, Korrekturfahnen lesen. 19 Uhr: Mann küssen und fragen, wie der Tag im Büro war, in regelmäßigen Abständen verständnisvoll Nicken und in Gedanken noch einmal den Plot von heute früh durchgehen. 21:30 Uhr, alle im Bett, ran an den PC. Gegen 1 Uhr klingelt das Telefon. Nachbarin ist dran: „Nun geh aber mal ins Bett, Kindchen!“ Zehn Minuten später: Licht aus. Bis 6:30 Uhr träumen, wie der Plot weitergeht.

An welchem Buch arbeitest du derzeit?
Ich schreibe an meinem ersten Thriller. Anlass war ein sehr schwerer Unfall, den ich selber letztes Jahr hatte. Das Erlebnis, zu glauben man stirbt, prägt. Ich werde eine junge Frau Ähnliches erleben lassen, wie das, was ich erleben musste: Morphiumalbträume, Schmerzen, Ängste, Hilflosigkeit, Abhängigkeit. Und all das packe ich in eine spannende, sehr spannende Geschichte, wo ein Opfer sich am Täter rächen will. Nur endet nachher alles ganz anders, als der Leser es erwartet. ;-) Ich hoffe, ich werde das Buch in diesem Jahr fertig haben. Ob meine Agentin es an einen Verlag verkaufen wird? Ich weiß es nicht. Es ist ein sehr persönliches Buch und ich stehe zum ersten Mal vor der Situation, dass ich ein Buch ohne Vertrag schreibe. Das bietet aber auch kreative Chancen.

Was planst du noch für Lizzi?
Viel Spaß und eine Menge „Born to be wild“




Kommentare:

  1. Guten Morgen,
    Danke für das spannende Interview! Ich habe es sehr gerne gelesen. Interessante Fragen und Antworten.
    Hab ein schönes Wochenende!
    LG
    Yvonne

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  2. am spannendsten finde ich ja wie ihr neues buch in etwa sein wird-mega spannend und selbst mich jetzt schon daran erinnert auch gerne mehr darüber lesen zu wollen :-) VLG Jenny

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