Donnerstag, 28. Juli 2016

[Lizzi-Woche: Die Story hinter dem Buch] Marschall, Anja - Lizzi und die schweren Jungs



heute:



Marschall, Anja - Lizzi und die schweren Jungs

 



Die Geschichte hinter dem neunen Lizzi-Krimi
Ein Indsiderbericht von Anja Marschall

Die Idee zu „Lizzi und die schweren Jungs“ verdanke ich einer Straßensperrung. Für einen Kreuzfahrtkrimi – den es wohl niemals geben wird – traf ich einen Cruisemanager der AIDA-Flotte in Hamburg. Als ich wieder nach Hause wollte, war da diese eine Straße gesperrt. Als waschechte Hamburger Deern hatte ich aber natürlich sofort eine Idee, wie ich dennoch nach Hause kommen könnte.

Und dieser Weg führte mich über die Hamburger Reeperbahn. Nun kennen die wenigsten Leute den Kiez bei Tag. Nachts, ja, in der Nacht, da wissen wir alle, wie die sündigste Meile der Hansestadt aussieht, wenn schon nicht persönlich, so doch wenigstens von Postkarten, Plakaten und TV-Krimis. Lichter, dröhnende Musik aus den Kaschemmen, mehr oder minder hübsche Mädels, die die Männer anbaggern, zotige Sprüche der Türsteher (die nennt man hier Koberer) und uniformierte Polizisten, die jeden Luden mit Handschlag begrüßen.

Aber am Tag? Wenn die gewissen Damen schlafen und die Angestellten die verräucherten Kneipen putzen? Ernüchternd, sage ich da nur. Die Reeperbahn bietet dann ein ganz anderes Bild. So ganz ohne Lichterreklame wirken die Häuserfronten auf der einen Seite der Reeperbahn dermaßen schäbig, dass dagegen jede Plattenbausiedlung luxuriös anmutet. Da sind aber auch Kinder, die zur Schule gehen, Hausfrauen mit Einkaufstüten, ältere Herren, die sich auf ein Schwätzchen treffen. Dieses Ambiente zeigte mir, dass auf der Reeperbahn und drum herum ganz normale Menschen wohnen. Richtige, echte Menschen. Keine Drogis, keine Prostituierten, keinen Luden, keine Touris, sondern Menschen, die essen, schlafen, lachen, einkaufen und leben. Und ich fragte mich, wie man all das an so einem vermeintlich verruchten Ort hinbekommen kann?

Ich suchte mir einen Parkplatz, den man hier tagsüber übrigens problemlos finden kann, und stieg aus. Stundenlang stromerte ich durch die Straßen, obwohl es nieselte. Ich trank in einem Stehcafe eine Tass´ Kaff´und kam mit zwei netten Frauen ins Gespräch. Und dann sah ich sie! Lizzi! Trenchcoat und Kopftuch. Energisch marschierte sie Richtung Hein-Hoyer-Straße. Ich fragte mich, was sie da wollen könnte, und so folgte ich ihr. Lizzi verschwand in einem dieser typischen Hamburger Jugendstilhäuser. An den Klingelschildern fand ich fast nur ausländisch klingende Namen, nur an zweien nicht. Die Gardinen in den Fenstern im vierten Stock waren konservativ, mit Geranien auf der Fensterbank. Irgendwo hörte ich das Piepen eines Wellensittichs durch ein offenes Fenster. Grinsend ging ich zurück zu meinem Auto. Ich hatte meine Geschichte im Kopf.

In den Tagen darauf recherchierte ich im Netz alles, was nicht typisch ist für den Kiez. Wie man dort als „Normalo“, abseits der Touristenpfade, so lebt. Dazu gab es vor Jahren mal einen Bericht im Fernsehen. Weihnachten auf dem Kiez, oder so. Ein TV-Team begleitete den bürgernahen Beamten des Reviers in der Adventszeit bei seinen Gängen durch die Straßen. Den Namen des Beamten notierte ich mir sofort. Ein Anruf in der Davidwache und schon hatte ich erfahren, dass der gute Mann noch immer im Dienst sei. Nur müsse ich erst über die Pressestelle im Polizeipräsidium Kontakt zu ihm finden. Gesagt getan. Ein paar Tage später klingelte das Telefon und der besagte Beamte war dran. Kriminalhauptkommissar Hebe.

Es war vier Uhr nachmittags, als ich die Davidwache zum ersten Mal in meinem Leben betrat. Nett, professionell, ein wenig distanziert, aber auf alle Fälle neugierig, so begrüßte man mich. „Herr Hebe kommt gleich runter.“

Da ich vier Minuten zu früh war, musste ich exakt vier Minuten warten. Nicht drei und nicht fünf. Vier. Dann kam KHK Hebe durch die Glastür. Typ netter Nachbar, würde ich sagen. Dem würde ich glatt meinen Haustürschlüssel geben, wenn ich mal in den Urlaub fahre. Dass ich vorhin aber bei Spätgelb noch über die Kreuzung gehuscht bin, erwähne ich lieber nicht. In der obersten Etage der Davidwache – Neubau, hinten rechts - gibt es einen Konferenzraum mit fantastischem Blick über den Kiez bis hinunter zum Hafen. Ich war ganz begeistert. Doch Herr Hebe holte mich von der Touri-Wolke gleich wieder runter. „Wir stehen manchmal hier oben und beobachten die da unten.“ Er wies zur Davidstraße hinunter, wo der Bezirk liegt, in dem die Damen des horizontalen Gewerbes Männer ansprechen dürfen. Natürlich findet man hier auch die weltberühmte Herbertstraße. Tatsächlich. Ein 1A Blick auf die Szene, samt Hinterhöfen und rot beleuchteter Fenster.

Was nun folgte waren vier Stunden Insiderwissen rund um menschliche Abgründe. Die Luden beobachten das Geschehen ihrer Mädchen auf der Straße mit Kameras, während sie es sich selber im ersten Stock gut gehen lassen. Die Plätze auf der Straße besetzen die Prostituierten im Rotationsverfahren. Wenn Eine einen Freier abschleppt, rücken die anderen auf ihren Platz vor und sie muss sich dann hinten anstellen, wenn sie zurückkommt. Eigentlich fair. Schockiert und fasziniert hörte ich zu, welche persönlichen Schicksale viele von den Gestalten da unten hatten. Missbrauch in der Kindheit ist Hauptursache Nr. 1, warum Menschen sich zur Prostitution zwingen lassen. Drogen spielen natürlich auch eine Rolle, aber ein Zuhälter weiß, dass eine Drogenabhängige nicht lange für ihn arbeiten kann. KHK H meinte, er könne, ebenso wie jeder der Zuhälter vom Kiez auch, in einen Raum voll ganz normaler Leuten gehen und sofort sehen, wer die psychologische Disposition habe, früher oder später – und mit den geeigneten Mitteln – zur Prostitution „motiviert“ zu werden. Mit etwas Übung sähe man den Menschen sofort an, ob man in der Kindheit ihre Seelen gebrochenen hat. KHK H spricht mit so viel Verständnis für sein Klientel, dass ich den Eindruck habe, er ist nicht nur Polizist, sondern auch Sozialarbeiter, Psychologe und Beichtvater. Dennoch: „Wichtig ist, dass manniemals Arbeit und Privatleben vermischt. Ein Beamter, der zwischen privat und beruflich nicht trennen kann, ist verloren. Ebenso derjenige, der versucht, in der Szene Eindruck zu schinden.“ Das hier, sagt er, sind zwei Paar Schuhe und man muss wissen, wann man welches Paar zu tragen hat. Während Herr Hebe erzählte und erzählte flog mein Schreiber über die Seiten des Ringbuches. Irgendwann musste ich die Reißleine ziehen. „STOP“. Mehr geht nicht. Jedenfalls nicht heute. Wir machten noch einen Rundgang durchs Gebäude. Ich konnten schnelle Blicke auf Kripobeamte werfen, die einen Einsatz vorbereiteten. Ich sah die uniformierten Beamten und bemerkte, wie verdammt jung sie alle sind. „Wer zu uns kommt, bleibt entweder für immer oder haut hier schnell wieder ab.“ Extrem, so wie das ganze Stadtviertel selber. Unten im Keller, sind die Ausnüchterungszellen. Probeliegen gefällig? Klar. Uuups, und schon war die Tür hinter mir zu und das Licht ging aus. Mieses Feeling, wirklich. Echt mieses Feeling da drinnen. Wer jetzt denkt, dass er günstig dort mal übernachten kann, dem kann ich sagen, dass die Pritsche knochenhart ist und auch kein Frühstück ans Bett serviert wird. Als ich die Davidwache verließ, begann draußen gerade das Kiezleben. Und ich hatte das Gefühl, nicht mehr nur Zuschauerin zu sein, sondern anzufangen, zu verstehen.

Die Davidwache gehört zum Kommissariat 15, dem räumlich kleinsten Revier in Deutschland. Nicht einmal ein Quadratkilometer ist das Gebiet groß, dennoch ist es wohl das berühmteste Revier der Welt, und jenes mit den meisten Menschen – am Wochenende – pro Quadratmeter. Ein enormer Druck, der da auf den Beamten lastet, denn so mancher brave Gast auf dem Kiez meint, hier gelten keine Regeln. Falsch gedacht.

Um die Arbeit der Beamten, die manchmal auch zu ihren Waffen greifen müssen, besser nachvollziehen zu können, machte ich ein Schießtraining im LKA in München. Wow, was für ein Gefühl, eine Walther PPK in der Hand zu haben. Kein schlechter Rückstoß, aber der ist nix gegen den eines Revolvers. Ob ich getroffen habe? Und wie! Ich gebe zu, dass Waffen das gewisse Etwas haben können. Gefährlich! ;-)
Doch langsam wurde es Zeit. Ich begann mit dem Schreiben. Die Zeilen flutschten nur so dahin. Wie immer, wenn ich schreibe, läuft in meinem Kopf ein Film ab, den ich nur ordnen und sortieren muss. Apropos Film: 1964 drehte Jürgen Rolands seinen Krimi „Polizeirevier Davidwache“ auf dem Kiez. Spätestens mit der TV-Serie „Großstadtrevier“ ist die Wache Ecke Reeperbahn/Davidstraße die „In-Kulisse“ für jeden Hamburg-Krimi. Und so musste ich als Autorin höllisch aufpassen, dass ich kein Remake einer dieser TV-Sendungen biete. Das klingt einfach, ist aber eine schwere Sache, denn Fantasie lebt am ehesten, wenn man sie von der Leine lässt. Sobald mir aber auffiel, dass zu viel Kiezklischee auf einer Seite auftauchte, hieß es zurückrudern, die Abzweigung finden, wo ich falsch abgebogen war, korrigieren und wieder Gas geben.

Es folgten noch viele Besuche auf dem Hamburger Kiez. Mal alleine, mal mit Kolleginnen, denen ich einen exklusiven Interviewabend mit KHK Hebe im Obergeschoß der Davidwache organisierte. Übrigens war dann die neue Leiterin der Davidwache (ja! Eine FRAU!) auch dabei. Als ich Polizeioberrätin Schröder die Hand schüttelte, dachte ich nur: Hut ab, Mädel! Den Job könnte so mancher Mann nicht machen. Respekt.

332 Seiten „Lizzi und die schweren Jungs“ waren nach sechs Monaten fertig. Der Aufbau Verlag war noch gar nicht so weit. „Jetzt schon?“ Jawoll, ging dieses Mal halt etwas schneller.:)
Jetzt ist „meine Lizzi“ fertig und im Buchhandel zu haben. Und ich? Ich bin traurig, weil ich nun so gar keinen Grund mehr habe zur Davidwache zu gehen, um im obersten Geschoss den Ausblick zu genießen und mit KHK Hebe über menschliche Abgründe und leckere Döner zu klönen.



geschrieben von
Anja Marschall

Mehr zur Autorin unter www.anja-marschall.de
oder auf Facebook bzw. auf der Verlagsseite




  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (17. Juni 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746632188
  • ISBN-13: 978-3746632186

Kommentare:

  1. toll wen man so ein buch noch mit Fotos untermalen kann und das somit alles besser rüber bringen kann-hilft immer ungemein wenn man versuch sich das verzweifelt vorzustellen! :-D VLG Jenny

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  2. Hi, hier Andi. Ich fand den Text klasse. So einen Einblick in die Recherche bekommt man als Leserin eigentlich nie. Mir hat die Schreibe richtig gut gefallen. Wenn das im Buch auch so locker geschrieben ist, kaufe ich mir das Buch. :-) Viele Grüße Andrea

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    1. Hallo Andrea,

      ja, die Romane sind genauso locker flockig :)

      LG Claudia

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