Freitag, 23. September 2016

[Die Story hinter dem Buch] Hanel, Julia - Liebe, Zimt und Zucker


heute:



Hanel, Julia - Liebe, Zimt und Zucker

 



Ich habe einen USB-Stick zu Hause. Er ist grün und viel zu klein. Deswegen verliere ich ihn ständig. Wobei „verlieren“ ein bisschen übertrieben ist. Ich verlege ihn eher permanent. Manchmal landet er nur auf dem Schreibtisch meines Mannes, manchmal auf meinem Nachttisch, im Wohnzimmer, zwischen Unterlagen oder in meiner Handtasche. Er ist jedenfalls nie dort, wo er hingehört. Ist aber nicht so schlimm, weil ich ihn sowieso immer wieder finde. Dachte ich. Bis zu jenem Abend (Das klingt jetzt unbeabsichtigt ein bisschen wie der Beginn einer schlechten Gruselgeschichte).


An diesem Abend habe ich ihn jedenfalls nicht gefunden und nach zwei Stunden Bücher aus dem Regal werfen und Schubladen ausleeren einen Anflug von vollkommen überzogener Panik bekommen. Wahrscheinlich weil mir zum ersten Mal klar wurde, dass mein USB-Stick ziemlich viel über mich verrät – nicht nur mir, sondern jedem, der ihn finden würde. Ich habe darauf ein ganz schönes Stück Leben abgespeichert. Meine Manuskripte zum Beispiel, Urlaubsfotos, meine digitale Bewerbungsmappe, eine Powerpoint zu Omas 75. Geburtstag, alte Hausarbeiten, Scans meiner Heiratsurkunde, ein paar Songs, die ich gut finde.

Nachdem ich fest davon überzeugt war, meinen Stick nie wieder zu finden, habe ich mir also vorgestellt, wie irgendwo auf der Welt (o.k., ein bisschen übertrieben) irgendjemand vor seinem Laptop sitzt und neugierig meine Daten durchforstet. Und ich muss nicht erwähnen, dass dieser jemand in meiner Vorstellung nicht so attraktiv und charmant wie Julian war. Ich habe mich gefragt, was dieser jemand wohl über mich denken würde, wenn er meine Manuskripte findet (und vielleicht klaut und unter seinem Namen veröffentlicht?!), wenn er sich meine Urlaubsbilder ansieht (jugendfrei, aber trotzdem), wenn er in mein Leben eintaucht und sich ein Bild macht von dieser blonden Frau, die er nicht kennt. Die gerne Landschaften fotografiert, Coldplay hört, 20 Seiten Hausarbeit über Thomas Manns Novellen geschrieben hat.


Natürlich habe ich den Stick an diesem Abend noch gefunden – auf dem Fensterbrett unseres Badezimmers (Wo sollte er auch sonst sein?). Die Gedanken sind trotzdem in meinem Kopf hängengeblieben und haben sich weiterentwickelt. Haben Marit und Julian entstehen lassen, zwei Menschen, die sich durch einen kleinen USB-Stick kennenlernen, der in einem Coffeeshop liegen bleibt. Das wäre gar nicht mehr zeitgemäß, hat heute mein Chef scherzend kritisiert. Jeder hätte heutzutage eine Cloud, in der er Dinge abspeichert, keine USB-Sticks mehr. Aber genau in diesem Moment liegt das kleine grüne Ding neben mir auf dem Schreibtisch, dort, wo ich es sehen kann. Wo es nicht verlorengeht. Und es so viel schöner als eine Cloud. So viel konkreter. So viel grüner. Und so viel inspirierender.

Liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen!

geschrieben von
Julia Hanel


  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (9. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548287883
  • ISBN-13: 978-3548287881






1 Kommentar:

  1. und zack, auch schon auf meiner Wunschliste steht, obwohl ich hier sehr lange überlegen musste ob oder ob nicht! ;-) LG

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