Dienstag, 6. September 2016

[Die Story hinter dem Buch] Heidi Rehn - Spiel der Hoffnung


heute:



 Heidi Rehn - Spiel der Hoffnung

 



Zunächst ein dickes Dankeschön an Claudia, dass ich euch hier ein wenig mehr über mein „Spiel der Hoffnung“ und vor allem über meine Roman- bzw. Schauplatzspaziergänge erzählen darf. Das ist eine der berühmten Spontanideen gewesen, bei denen ich mir zunächst gar nicht im Klaren war, welche Lawine ich damit lostreten würde. Umso mehr freue ich mich, dass ich es einfach gewagt und dann eine so unerwartet erfreuliche Resonanz darauf erhalten habe. Inzwischen reichen meine Planungen schon bis ins Jahr 2017!

Am Karolinenplatz Frühjahr 2016

Letztlich hängt die Idee und die Konzeption dieser Spaziergänge mit meiner großen Leidenschaft fürs Recherchieren und meinem ganz persönlichen Lieblingsort, der Bayerischen Staatsbibliothek (StaBi) in der Münchner Maxvorstadt, zusammen. Erstere sorgt dafür, dass ich die Schauplätze meiner Romane immer auch persönlich erleben muss, was mich schon mehrere Male nach Polen und einmal sogar bis Estland, Litauen und Russland geführt hat. In meiner Heimatstadt München zu recherchieren, ist dagegen geradezu ein Heimspiel und quasi auch „mal eben so zwischendurch“ zu tun. Mein Lieblingsort StaBi beschert mir zudem viele wundervolle Entdeckungen in alten Büchern, Aufzeichnungen, Zeitungen und Fotobänden aus der Zeit, in der meine Romane spielen. Das kurbelt meine Phantasie gehörig an ….

Bayerische Staatsbibliothek, Ludwigstraße

Zudem komme ich, wenn ich von mir zuhause zur StaBi radele, jedes Mal an sehr vielen Ecken und Straßen vorbei, die in meinen Romanen eine wichtige Rolle spielen. Zwar sieht es dort heute ganz anders aus als in den Zwanziger Jahren, in denen die Romane angesiedelt sind, aber genau darin liegt für mich auch der besondere Reiz: Ich stehe vor den Häusern oder an den Mauern und stelle mir vor, was diese Steine schon alles erlebt, diese Bäume schon gesehen und diese Straßen schon ertragen haben. In meinem Kopf verknüpft sich das ganz automatisch mit dem, was meine Figuren in meinen Geschichten an diesen Ecken erleben und so startet jedes Mal aufs Neue mein ganz persönlicher Kinofilm in meinem Kopf.

Weil die Anfragen aus Hollywood zur Verfilmung leider immer noch auf sich warten lassen, kam mir im letzten Jahr pünktlich zum Erscheinen vom „Tanz des Vergessens“ (Juli 2015) die verrückte Idee, die Sache einfach selbst in die Hand zu nehmen: Warum das Ganze nicht einfach eine Nummer kleiner realisieren und meine Leserinnen und Leser höchstpersönlich an die Romanschauplätze führen? So kann ich demonstrieren, was beim Schreiben in meinem Kopf passiert: wie sich reales historisches Geschehen mit dem vermischt, was ich mir dazu ausgedacht habe und so letztlich zu dem wird, was im Roman zu lesen ist. Quasi eine eins zu eins Liveschaltung von der Realität ins Buch.


Ein weiterer Effekt: meine Leserinnen und Leser und ich kommen direkt miteinander ins Gespräch. Während ich an Ort und Stelle Passagen aus dem Roman vorlese, alte Fotos zeige und die Hintergründe erläutere, entsteht vor ihren Augen das Geschehen, sie können mir dazu direkt Fragen stellen, eigene Gedanken mitteilen oder aber auch Dinge über die Orte und die Ereignisse erzählen, die auch mir neu sind. Daraus ergeben sich jedes Mal völlig neue Anregungen und sehr lebendige Touren, die allen Beteiligten ganz neue Blickwinkel eröffnen und immer wieder sehr unterhaltsam sind.

Bundesarchiv Bild 146_2006_0049 Revolution in Bayern,
Gardeschützendivision (Ludwig-, Ecke Theresienstraße, Mai 1919)

München, Maxvorstadt, Ludwig-, Ecke Theresienstraße Mai 2015

Aus organisatorischen Gründen habe ich die Tour auf eine bestimmte Ecke – eben die Münchner Maxvorstadt – begrenzt. Das hat zwar den Nachteil, nicht wirklich alle interessanten Orte zeigen zu können und vor allem vorrangig die Münchner Leserschaft zu erreichen. Inzwischen reisen einige Interessierte allerdings schon extra von auswärts zu den Romanspaziergängen an, was mich natürlich ganz besonders freut. Außerdem kann ich auf dem knapp zweiständigen Rundgang einen repräsentativen Querschnitt durch das Roman- und das historische Geschehen geben, das den Hintergrund für die Geschichten in meinen Büchern liefert.

Das Café Stefanie in der Theresien-, Ecke Amalienstraße,
Treffpunkt der Münchner Bohème und Revolutionäre (Aufnahme 1905)

Beim Romanspaziergang im Juli in der Theresien-/ Ecke Amalienstraße
(ich bin übrigens die mit der Sonnenbrille und dem Mikrophon vor der Nase)

Der „Tanz des Vergessens“ erzählt Lous Erlebnisse vor den Ereignissen der frühen Zwanziger Jahre, von Mai 1919 (Niederschlagung der Münchner Räterepublik) bis November 1923 (Hitler-Putsch). Nach den Ereignissen im Mai 1919 haben sich viele Menschen in München von der Politik abgewandt und mit einem „jetzt erst recht“-Gefühl ins Vergnügen gestürzt, während sich andere politisch radikalisiert haben. Zwar war München nie ein solches „Sünden-Babel“ wie das Berlin der Zwanziger Jahre, aber einige Bars, Künstlerkneipen und „Vergnügungsetablissements“ wie etwa im Luitpold-Block mit seinem weltberühmten Café, den Billardsälen und dem Ballsaal Luitpold Tabarin gab es trotzdem. Auch davon erzähle ich bei meinen Spaziergängen und zeige das, was davon noch übrig geblieben ist. Leider ist das nicht mehr sehr viel.

Das heutige Café Luitpold im Luitpold-Block Brienner Straße

Im „Spiel der Hoffnung“ sieht es von Beginn an rosiger für meine Heldin aus: Ella verschlägt es 1927 verwaist und völlig mittellos nach München. Um diese Zeit sind die Zwanziger Jahre jedoch tatsächlich so golden, wie immer behauptet wird: Die Wirtschaft brummt, jeder hat eine Wohnung und ausreichend zu essen, das Geld besitzt wieder einen Wert - und man vergnügt sich jetzt erst recht nach Herzenslust. Selbst das behäbige München ist damals an vielen Ecken mondän – und verwandelt sich für Ella in eine wahre Märchenkulisse, in der ihr sogar der berühmte schöne Prinz auf dem Silbertablett serviert wird. Ob man all dem Glitter und Glamour aber wirklich trauen und ihn als Dauereinrichtung begreifen darf oder ob das Ganze nicht doch eher ein Tanz auf dem Vulkan ist, der bald ausbrechen und alle Hoffnungen unter sich begraben wird, davon erzählt der Roman „Spiel der Hoffnung“.


Bei meinen Spaziergängen ab September führe ich vor, wie sich das München der frühen Zwanziger zum München der Goldenen Zwanziger verhält, welche Parallelen und Gemeinsamkeiten, aber auch welche Unterschiede es gegeben und was es für den einzelnen, wie etwa meine Ella, die damals hier lebte, bedeutet hat. 

Eins verspreche ich schon jetzt: es war niemals alles wirklich golden, was glänzt. Warum, das lässt sich am besten erleben, wenn man es einmal vor Ort mit eigenen Augen gesehen hat. Kommt also am besten einmal selbst mit auf die Tour und lasst es euch von mir an den Romanschauplätzen ganz unmittelbar zeigen. Ich freue mich auf euch!

Eure Heidi Rehn

© für die Fotos 2015/2016: Heidi Rehn

Die aktuellen Termine für die Romanspaziergänge
findet ihr auf meiner Homepage www.heidi-rehn.de


  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342651592X
  • ISBN-13: 978-3426515921




PS: Wer nun neugierig ist, sollte sich mein Gewinnspiel anschauen. Es gibt signierte Bücher und sogar Freikarten für einen Romansparziergang in München.


1 Kommentar:

  1. das ist ja echt nen toller beitrag von dir heute dazu (y) wirklich echt genial ist und ich immer mehr begeistert bin von dem was du dir so alles einfallen lässt!? :-) VLG Jenny

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