Dienstag, 13. September 2016

[Die Story hinter dem Buch] Ivonne Keller - Unglücksspiel


heute:



 Ivonne Keller - Unglücksspiel

 



Da ich mich in meinen Romanen mit psychologischer Spannung beschäftige (die fesselt mich als Leserin auch am meisten) überlege ich mir mittlerweile vor der Planung des Plots für einen neuen Roman, mit welcher „psychischen Störung“ meiner Figuren ich mich gerne beschäftigen würde. Das hört sich vielleicht etwas abgebrüht an, aber da psychische Erkrankungen eine Faszination auf mich ausüben – vor allem im Hinblick darauf, welchen Einfluss Personen mit einer psychischen Störung auf ihre Umwelt/Familie ausüben – ist das vielleicht vergleichbar damit, als würde ein Autor historischer Romane sich überlegen, mit welcher Epoche er sich gern beschäftigen würde.

Als ich mich Anfang 2015 daran machte, einen neuen Spannungsroman zu planen, sah ich im Fernsehen einen Bericht über Angststörungen, der davon berichtete, wie die Angst das Leben der Menschen mit dieser Erkrankung bestimmt, all ihre Handlungen beeinflusst, bis ins Kleinste – und die Figur Nerina meines Romans UNGLÜCKSSPIEL war geboren.

Ivonne Keller

Nerina hat Angst. Todesangst. Besonders seit jenem Tag vor elf Jahren, an dem sie etwas Unverzeihliches tat. Etwas, für das Gott sie strafen wird und für das sie abgeschoben werden könnte, zurück in den Kosovo, aus dem sie einst floh. Daher verfolgt sie die Angst. Immer.
Als Anja, eine junge Frau mit Kind, in die Nachbarschaft zieht und sich mit ihr anfreundet, spürt Nerina ein wenig Hoffnung und vergisst für einen Moment ihre Furcht. Doch dann macht die neue Nachbarin einen Fund, der Nerinas Geheimnis in Gefahr bringt. Für Nerina beginnt ein dunkler Alptraum, aus dem es nur einen Ausweg zu geben scheint …

Dass mein Roman sich auch mit dem Thema Flucht beschäftigt kam nicht aus der Flüchtlingskrise – als ich mir den Plot überlegte gab es noch keine Flüchtlingsströme in Richtung Europa, zumindest nicht in dem Ausmaß, wie das ab Sommer 2015 der Fall war. Mich interessierte das Thema Flucht im Zusammenhang mit der Angst vor Abschiebung. Denn kein Flüchtling, der hier ankommt, weiß, ob er auch bleiben darf.

Das Schreiben fiel mir diesmal sehr leicht. Zum einen liegt das möglicherweise daran, dass ich mich zum ersten Mal gewagt habe, die Story in meiner Heimatstadt spielen zu lassen. 

 

Zum anderen war ich sofort „warm“ mit Nerina. Ich konnte mich sehr gut in sie hineinfühlen, in ihre Unsicherheit in dem für sie fremden Land, aber auch in ihre Überforderung als Mutter eines Sohnes, der sie erpresst, und der sie Dinge tun lässt, die sie niemals tun würde, wäre da nicht diese Angst vor Abschiebung. Ich wollte gern zeigen, wie Menschen durch ihre Umstände zu Taten getrieben werden können, und nicht, weil sie per sé schlechte Menschen sind.
Da ich im Ausland studiert habe, weiß ich, wie man sich als „Fremder“ fühlt, außerdem bin ich dreifache Mutter und weiß um manche Herausforderung mit Kindern. Was, wenn man das nicht gut hinbekommt? Dann könnte alles aus dem Ruder laufen.

Neben Nerina gibt es noch zwei weitere weibliche Hauptfiguren: Anja und Marlies.
Anjas Mann hat gerade das gemeinsame Haus verkauft und ist untergetaucht – den Grund dafür kennt Anja nicht. Sie muss mit Tochter Mina nach Bad Vilbel in ein heruntergekommenes Siedlungshäuschen ziehen – dieses liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nerina. Die beiden freunden sich an, und Nerinas Ängste werden größer denn je.

Und dann ist da noch Marlies, Anjas Vermieterin, deren Tochter vor elf Jahren spurlos verschwand. Diese Figur hat mich während des Schreibens am meisten überrascht. Zu Beginn meines Romans hatte ich sie nicht mal „auf dem Schirm“. Als ich ca. 50 Seiten geschrieben hatte, merkte ich: Moment mal, die hat auch was zu sagen. Und da war er, der dritte Erzählstrang.
Es hat sich herausgestellt, dass Marlies’ Auftauchen den Handlungsverlauf noch einmal komplett drehte – sogar das geplante Ende änderte sich erheblich – aber es fühlte sich von Anfang an stimmig an.

Glücklicherweise habe ich eine Lektorin an meiner Seite, die sich auf solche Eingriffe in den Plot einlässt. Ihr gefiel die Figur Marlies sehr gut, um genau zu sein, hielt sie sie für die stärkste Figur des Romans. Für mich ist es ein großes Glück, mit Menschen zusammenarbeiten zu können, die mir vertrauen.

Das Schreiben wie auch das Leben haben mich gelehrt: Nichts ist planbar. Du wirst einfach immer überrascht – egal, wie genau du alles planst, es wird etwas geschehen, das deine Richtung ändert. Für mich ist das sowohl beim Schreiben als auch beim Leben wichtig: flexibel zu bleiben.

Bei der Recherche zu meinem Roman habe ich viele interessante Menschen kennengelernt. Selbstverständlich recherchiere ich genau – daher waren meine Ratgeber Psychologen, Physiotherapeuten, Gefängsnisseelsorger, Ärzte, Polizisten und Musliminnen. Insbesondere zu den Musliminnen haben sich wunderbare Freundschaften entwickelt, mein Horizont hat sich erweitert, und inzwischen arbeite ich aktiv bei der Flüchtlingshilfe in meiner Heimatstadt mit. In gewisser Weise habe ich all diese positiven Erfahrungen Nerina zu verdanken. Als Schriftsteller muss man offen sein: Für andere Religionen und Kulturen genauso wie für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder einfach nur „böse“ Menschen, die sich mir in all ihrer Schlechtigkeit zeigen, und ich muss sie „machen lassen“, darf keine Zensur ausüben. Die Vorstellung, jemand würde mir vorschreiben wollen, wie ich etwas zu schreiben habe, wäre schrecklich.


Früher habe ich meine Romane in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit geschrieben. Inzwischen schreibe ich hauptberuflich und fahre selten S-Bahn, daher habe ich meinen Arbeitsplatz in die städtische Bibliothek verlegt. Die Atmosphäre dort ist einmalig.

geschrieben von 
Ivonne Keller 
Für alle Fotos gilt: © Ivonne Keller


  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342651883X
  • ISBN-13: 978-3426518830



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen