Freitag, 21. Oktober 2016

[Stefanies Rezension] Müller, Carin - Tage zwischen Ebbe und Flut

Gastrezension von Stefanie

Wer die ersten ca. 110 Seiten sehr nervigen Familienstreit überwunden hat, bekommt mit Carin Müllers „Tage zwischen Ebbe und Flut“ ein sehr schönes Buch geliefert. Da das Buch nur knapp 280 Seiten hat, ist also erst einmal Durchhaltevermögen gefragt. Die Vergabe meiner Sternzahl war damit auch gar nicht so einfach, aber am Ende überwiegen doch die positiven Seiten des Buches inklusive seiner sehr emotionalen Stellen. Interessiert hat es mich eigentlich nur wegen der Thematik „Alzheimer“, einer Krankheit, die man nie so ganz verstehen kann und es doch immer versucht.


Zum Inhalt: Felix hat Alzheimer in einem noch gemäßigten Stadium. Da er sich immer eine Kreuzfahrt gewünscht hat, will seine Tochter Judith mit ihm auf einem Großsegler durch Mittelmeer schippern. Schließlich wird aus dem Reisepaar eine Familienkonstellation von Judith, ihrem Vater Felix, ihrer Mutter Ellen, die Seereisen hasst, sowie ihrer Nicht Fabienne, die zufällig und gegen ihren Willen dazustößt. Die ersten Tage der Fahrt vergehen im Streit, in Sarkasmus, Vorwürfen und mit einem kranken Vater, der sich durch die Gängelei, vor allem durch seine Ehefrau, so gar nicht entspannen kann. Auch Judith, die sonst immer arbeitet, kann nicht entspannen, hat sie doch auch noch mit ihrer verbitterten Mutter und den Geistern der Vergangenheit zu kämpfen... Doch das Meer verändert alle, und auch Felix kommt noch zu eine tollen Abenteuer.

Der recht kurze Roman lässt sich durch den sehr flüssigen, wenn auch oft sehr legeren Schreibstil, einfach so weglesen; die Kreuzfahrt mit ihren Stopps und Landausflügen gibt dem Roman Struktur (hinten gibt es eine Mittelmeerkarte mit den Anlegehäfen und der Route, die ich leider erst ganz am Schluss entdeckt habe, da ich Bücher beim Lesen selten hinten aufschlage). Die Handlung ist eher nichtssagend, man hält an diesem oder jenem Hafen und macht einen Landausflug oder geht zum Schwimmen. Die Häfen oder Stopps wären damit komplett austauschbar; es hätte auch eine Alaska-Kreuzfahrt sein können. Die Kreuzfahrt steht also völlig im Hintergrund; die Entwicklung der Figuren ist das eigentliche Thema des Romans.

Neben dieser Entwicklung steht natürlich auch die Krankheit des dementen Vaters im Vordergrund. Dieser kennt immerhin noch seine Familie und hat noch keine Extremform der Krankheit. Wenn anfangs wirklich der Streit der Familie im Vordergrund steht, so gewinnt die Krankheit von Felix später etwas mehr Raum. Dabei finde ich es beachtenswert, wie liebevoll und reflektiert die Autorin mit dem Thema umgeht. Nicht zu kurz kommen dabei auch die Konflikte, die Pflegende – in diesem Fall Ellen, Felix' Frau – jeden Tag durchmachen – Konflikte, die das gesunde Umwelt an den Rand der Kapazitäten bringt.

Judith selbst hat aber auch ihre eigenen Probleme, die sie am Ende der Kreuzfahrt doch aufzuarbeiten weiß. Und so bleibt der Leser am Ende doch mit vielen Denkanstößen und schönen Momenten zurück, und auch eine kleine Träne durfte ein oder zweimal fließen. Auch das Nachwort hat mir gut gefallen.

Fazit: So bleibt „Tage zwischen Ebbe und Flut“ für mich ein Roman, der wenig Handlung hat, aber doch einige Einsichten bringt und Denkanstöße liefert. Außer Felix und Fabienne sind die Protagonisten auch nicht gerade allzu sympathisch. Es wird sehr viel gestritten, nach meinem Geschmack etwas zuviel. Aber der Autorin ist das gelungen, was für sie vermutlich das Hauptziel war: Sie hat das Leben mit Alzheimer mit all den Facetten der Krankheit, der Verzweiflung, den schönen Momenten, dem Unverständnis der Umwelt und dem Leiden des Kranken und ebenso des Umfelds so authentisch und liebevoll beschrieben, dass viele Stellen im Gedächtnis bleiben und das Buch in meinem Behaltregal bleiben darf. Aufgrund der recht langen und nervigen Durststrecke am Anfang würde ich 4,5 Sterne vergeben.

  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426519739
  • ISBN-13: 978-3426519738
  • Verlag:



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