Dienstag, 8. November 2016

[Story hinter dem Buch] Peter Prange - Unsere wunderbaren Jahre


heute:



Peter Prange - Unsere wunderbaren Jahre

 


Furz im Universum und Nabel der Welt

Als ich zum ersten Mal an einer Ladenkasse in Euro bezahlte, hatte ich eine Idee. Wie wäre es, die jüngere deutsche Geschichte unter der Perspektive des Geldes zu erzählen, am Beispiel einiger weniger Menschen, beginnend mit dem Tag der Währungsreform 1948 und endend mit der Einführung des Euro 2002? Was haben diese Menschen aus ihren „Talenten“, den berühmten 40 D-Mark „Kopfgeld“, im Verlauf ihres Lebens gemacht? Und was machte in dieser Zeit das Geld aus ihnen – und aus diesem Land?

Eine verlockende Idee – doch da ich keine Ahnung hatte, wo ich die Geschichte verorten, mit welchen Menschen ich sie verkörpern sollte, ließ ich die Finger davon. Ohne konkreten Ort, ohne konkrete Schicksale, so meine Befürchtung, würde aus der guten abstrakten Idee wahrscheinlich eine entsetzlich abstrakte Geschichte, mit didaktisch aufbereiteten, seelen- und leblosen Pappkameraden als Protagonisten.

So geriet die Idee von meinem Kopf in meinen Zettelkasten, und damit in Vergessenheit. Doch daraus tauchte sie schlagartig wieder auf, als ich nach dem Tod meiner Mutter im Frühjahr 2013 die Briefe las, die mein Vater ihr vor über einem halben Jahrhundert geschrieben hatte. Darin begegnete mir ein Panoptikum der wunderbarsten Figuren: ein Kriegsheimkehrer, der, ohne selber tanzen zu können, sauerländischen Jungbauern gegen Eier und Speck das Tanzen beibringt; eine Flakhelferin, die, schwanger mit ihrem zweiten Kind, neben ihrem toten Mann aufwacht; ein kleiner Schuhverkäufer, der von einer großen Unternehmerkarriere nicht nur träumt, sondern diese auch beherzt in Angriff nimmt – alles Menschen, die ich kannte, Onkels und Tanten und Freunde meiner Eltern.

Nach der Lektüre dieser Briefe wusste ich, an welchem Ort meine Geschichte spielen musste: in meiner Heimatstadt Altena. Und so kurios es klingen mag, erst als ich diese Entscheidung getroffen hatte, fiel bei mir der Groschen. Natürlich musste die Geschichte hier spielen – in Altena wurden ja die Rohlinge der D-Mark-Münzen hergestellt, ich hatte damit in den 70er Jahren selber gedealt. Damit nicht genug, ist diese kleine, dreckige Industriestadt auf vielfache Weise mit der ganzen Welt verflochten. Zwei Drittel deutschen Drahtes wurden hier produziert, Altenaer Unternehmer waren in der Adenauer-Zeit wichtige Wirtschaftsführer der Republik, und auf der Burg, dem Juwel der Stadt, hat das weltumspannende Jugendherbergswerk seinen Anfang genommen.

Furz im Universum und Nabel der Welt: Von dem Provinznest Altena aus ließ sich darum die ganze deutsche Geschichte erzählen, nach Maßgabe des Geldes. Wie zwei deutsche Währungen zu zwei deutschen Staaten führten ... Wie Handel und Geldverkehr die Phase der deutsch-deutschen Zweistaatlichkeit prägten ... Wie die Währungsunion in die Wiedervereinigung mündete, und diese mit dem Euro schließlich in die europäische Perspektive ... Drei Währungen, drei Akte, drei Metamorphosen deutscher Identität.

Auf diese Weise wurde aus einer abstrakten Idee eine konkrete Geschichte. Jeder Ort, jede Figur ist durch das Leben selbst beglaubigt. Darin wimmelt es nur so von Freunden und Bekannten und Verwandten, sogar ich selbst fand darin einen Platz, ohne dass ich ihn gesucht hatte. Insofern ist „Unsere wunderbaren Jahre“ eine sehr persönliche Geschichte – gleichsam die Geschichte meines Lebens. Zugleich aber ist sie ein deutsches Märchen: Wie wir wurden, was wir sind – oder die Geschichte einer wundervollen Illusion.

.

Den Leserinnen und Lesern von Claudias Bücherregal wünsche ich viel Spaß bei der Lektüre!

Tübingen, im Oktober 2016

Peter Prange


  • Gebundene Ausgabe: 984 Seiten
  • Verlag: FISCHER Scherz; Auflage: 1 (13. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3651025039
  • ISBN-13: 978-3651025035





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen