Dienstag, 7. Februar 2017

[Die Story hinter dem Buch] Tanja Weber - Mein Herz ist ein wilder Tiger


heute:


Tanja Weber - Mein Herz ist ein wilder Tiger

 


Pünktlich zum Erscheinen meines Buches, in dem sich so viel um den Zirkus dreht, macht eine traurige Nachricht die Runde: der größte Zirkus der Welt, Ringling bros. and Barnum & Baileys schließt im Sommer endgültig seine Pforten.
Seit vielen Jahren schon macht das Zirkussterben die Runde, zunächst traf es kleine Familienunternehmen, nun den Giganten der Branche. Ausschlaggebend war zuletzt der Verzicht auf die monumentalen Elefantenshows, für die Ringling Bros. berühmt war. Dass es ist dieser Tierquälerei ein Ende hat, begrüße ich absolut. Auch ich bin strikt für ein Wildtierverbot im Zirkus.
Dennoch: dass dies gleichbedeutend ist mit dem Aussterben einer jahrhundertealten Kulturtradition, macht mich sehr traurig.

Für das Buch „Mein Herz ist ein wilder Tiger“ habe ich in über hundert Jahren Zirkusgeschichte recherchiert und habe dabei eine großartige und faszinierende Welt entdeckt. Zirkusmenschen sind eine ganz besondere Spezies, sie leben und lebten unter unschönen Bedingungen: sie arbeiten mit vollem Körpereinsatz, oftmals in lebensgefährlichen Nummern, sie sind immer unterwegs, sind nicht versichert und nicht festangestellt. Ihre Lebensverhältnisse sind prekär, aber sie würden niemals mit einem „normalen“ Beruf tauschen wollen. Zirkusfamilien sind sehr traditionsbewusst, sie vererben ihr Handwerk, ihre Liebe zu den Tieren mit denen sie arbeiten und ihren Stolz auf ihre Zirkusgeschichte schon an die Allerkleinsten. Zu einer Zirkusfamilie gehören nicht nur diejenigen, die miteinander blutsverwandt sind, sondern alle, die im Zirkus beschäftigt sind.
Ich bewundere das Ethos der Zirkusmenschen und ich bin im Verlauf der Beschäftigung mit dieser fremden und reizvollen Welt auf die verrücktesten Anekdoten gestoßen. So zum Beispiel auf diese hier (siehe Bild):

© Fotograf unbekannt
© Fotograf unbekannt

© Fotograf unbekannt

1908 tritt die Todesartistin Mauricia de Tiers mit einer halsbrecherischen Nummer in ihrem "Autoboliden" auf. In Portugal kommt es bei einer Tournee zum schlimmsten Unfall ihrer Laufbahn. Der Bolide stürzt ab, die Lenkstange bohrt sich durch ihren Brustkorb, ein Lungenflügel ist perforiert, drei Rippen gebrochen, ebenso das Schlüsselbein. Das Kostüm ist zerfetzt, darunter die Haut abgeschabt, Knochen ragen aus dem Fleisch. Die Artistin liegt unter dem Fahrzeug begraben, das Publikum tobt, es glaubt, dass die Künstlerin tot ist, Frauen werden ohnmächtig. Mauricia de Tiers wird geborgen und hinter die Kulissen getragen. Dort lässt sie sich einen Spiegel reichen, stellt fest, dass ihr Gesicht unversehrt ist, lässt sich wieder in die Manege bringen und nimmt den frenetischen Applaus des Publikums entgegen. Sie schafft es sogar, aufzustehen und sich zu verbeugen. Erst als sie erneut abtritt, bricht sie hinter dem Vorhang ohnmächtig zusammen.

Was für eine Courage!
Wagemutige Frauen, starke Männer, tolldreiste Clowns und anbetungswürdige Artisten entführen uns für die kurze Zeit einer Vorstellung in einen phantastischen Traum. Wer als Kind selbst den Zirkus geliebt hat und heute Kindern dabei zusieht, wie sie mit offenem Mund die Kunststücke der Zirkuskünstler verfolgen, muss um jeden Zirkus, der seine Pforten dicht machen muss, trauern.

geschrieben von
Tanja Weber




  • Broschiert: 288 Seiten
  • Verlag: Droemer TB (1. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426304627
  • ISBN-13: 978-3426304624




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