Dienstag, 18. April 2017

[Die Story hinter dem Buch] Franziska Fischer - Das warme Licht des Morgens


heute:


Franziska Fischer - Das warme Licht des Morgens

 


Wenn deine Welt plötzlich dunkel wird

Du öffnest die Augen, und alles, was du siehst, ist nichts. Dunkelheit. Sodass es eigentlich egal ist, ob du die Augen wirklich öffnest oder nicht, sodass es egal ist, ob an den Wänden deines Zimmers Bilder hängen oder Fotos auf Kommoden stehen, sodass es egal ist, dass du beim Essen auf dein T-Shirt kleckerst. 

Alles ist egal, im ersten Moment. Denn deine Welt hat sich verändert, doch die aller anderen nicht. Sie sehen, wie der Frühling die Stadt in Farben taucht, sie schauen sich einen neuen Kinofilm in 3D an und gehen danach in eine Fotoausstellung, sie blicken sich an, sie lächeln still. Während du neben ihnen sitzt und Sätzen lauschst wie „Volker ist ganz schön dick geworden“ und „Der Nachtisch sieht ja lecker aus.“ Für dich sieht der Nachtisch nicht lecker aus. Für dich schmeckt er auch nicht lecker, weil du es gewohnt bist, erst das Bild wahrzunehmen und dann den Geschmack, doch wenn Schritt eins fehlt, ist auch Schritt zwei nur noch halb präsent. Die Stimmen der anderen schwirren durcheinander, du merkst nicht, wenn Lücken im Gespräch entstehen, bzw. erst zu spät, manchmal bist du nicht sicher, ob etwas ernst gemeint ist oder sarkastisch, weil du das Lächeln in den Augen der anderen nicht erkennen kannst. Deshalb ziehst du dich immer mehr zurück. Deshalb gewöhnst du dich an die Stille in der Dunkelheit, weil sie das Einzige ist, das dir so etwas wie Sicherheit vermittelt.

Veränderungen sind dein Feind. Ein Stuhl, der nur ein bisschen anders steht als gestern. Die Obstschale, die beim Abwischen des Küchentisches auf die Arbeitsplatte gestellt wurde, und plötzlich findest du sie nicht mehr. Die Milch, die im Supermarkt auf die andere Seite des Kühlregals geräumt wurde. Der Schlüssel, von dem du nicht mehr weißt, wo du ihn abgelegt hast.


In einer Welt ohne Farben und Licht zu leben oder auch in einer, die grau ist, nur mit vagen Andeutungen von Schatten und Licht, ist für mich eine unheimliche Vorstellung. Gerade als Autorin brauche ich visuelle Eindrücke, um meine Figuren zu verorten, um Ideen zu gewinnen. Was also, wenn ich auf einmal nichts mehr sehen könnte? Wenn all die Beschreibungen komplett meiner Erinnerung und Imagination entspringen müssten? Wenn ich Stimmen keine Gesichter mehr zuordnen könnte? Wenn es kein Lächeln und keine Blicke mehr gäbe? Ich würde mich ärmer fühlen, dachte ich. Eingesperrt. Meine Welt wäre ein dunkler, kalter Ort, den ich nie wieder verlassen könnte. Zumindest ist sie das am Anfang für den Schriftsteller Levi, die Hauptfigur meines Romans Das warme Licht des Morgens, nachdem er nach einem Unfall das Augenlicht verliert und sich nun mit der neuen Situation arrangieren muss. Doch während meiner Recherche zu dem Roman stieß ich auf so viele interessante, auch positive Aspekte der Blindheit. Auf Menschen, die sich trotzdem einen funktionierenden Alltag erarbeiten. Was es bedeutet, Hilfe annehmen zu müssen und das auch zu können. Und dass Blindheit nicht gleich Blindheit bedeutet, denn der visuelle Kortex des Gehirns geht ja nicht verloren, nur weil die Augen keinen Input mehr liefern. Bei manchen Menschen erhält er sich trotz Blindheit eine reiche Farben- und Bilderwelt, die sogar durch die anderen Sinne stimuliert werden kann und manchmal lebendiger wird als die Sehender.

 
 
Das Spannendste am Schreiben ist eigentlich, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die man nicht kennt oder sogar fürchtet, den eigenen Horizont zu erweitern, sich in Figuren einzufühlen, die ganz anders sind als man selbst. Bei diesem Roman ist das stärker der Fall als bei all meinen anderen, und das liegt nicht nur daran, dass die Hauptfigur ein Mann ist. Die Einsicht, die ich in die facettenreiche Wahrnehmungsweisen Blinder gewonnen habe, hat mich auf jeden Fall bereichert. Und ich hoffe sehr, dass dies auch für meine Leser der Fall ist.

geschrieben von
Franziska Fischer

  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Droemer TB (3. April 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342630547X
  • ISBN-13: 978-3426305478





Liebe Grüße,
Claudia

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