Dienstag, 11. April 2017

[Die Story hinter dem Buch] Sven Koch - Dünenfluch


heute:


Sven Koch - Dünenfluch

 

"Dünenfluch" ist der mittlerweile fünfte Krimi über die "Fantastic Four" - meiner Ermittler-Gruppe rund um Tjark Wolf, Femke Folkmer, Ceylan Özer und Fred Berger. Wenn ich ehrlich bin: Damit hätte ich nicht gerechnet, dass es einmal fünf Bücher werden und die sehr unterschiedlichen vier Charaktere so gut ankommen und es mir so viel Spaß macht, sie zum Teil haarsträubende Kriminalfälle lösen zu lassen. Ich glaube, das liegt an ihrer Gegensätzlichkeit: Tjark ist sehr eigensinnig und macht gern Alleingänge, bei denen er Gesetz und Ordnung oft etwas beugt. Femke gerät etwas in seinen Sog, obwohl sie der genaue Gegensatz von Tjark ist und sehr geerdet. Ceylan hat als Deutschtürkin so ihre eigenen Probleme und ist emotional und aufbrausend, während Fred der klassische hemdsärmelige Kumpeltyp ist und durch seine Art immer wieder für ein bisschen Witz sorgt. Zwischen allen funkt es deswegen immer wieder, und als Leser kann man zwischen vier Personen wählen, mit denen man sich identifizieren mag. Ich habe sie jedenfalls alle gleich lieb.

"Dünenfluch" hat viel mit der deutschen Zeitgeschichte zu tun. Als die Flüchtlingswelle in Deutschland anrollte und mit ihr die Fremdenfeindlichkeit aufloderte, fühlte ich mich an die frühen Neunziger Jahre erinnert. Damals war gerade der Eiserne Vorhang gefallen - sehr viele Menschen kamen aus Ostdeutschland und der ehemaligen DDR. Zu der Zeit war ich schon Zeitungsreporter und habe darüber vor Ort berichtet - die Zustände und Schwierigkeiten, alle Menschen unterzubringen und zu versorgen, waren viel größer als heute. Ich erinnere mich an eine Grundschule, die den Sommer über komplett mit Menschen aus Rumänien belegt war. Mehrere hundert Personen, und die Zustände waren ganz grauenhaft - gleichzeitig waren die Bewohner des Ortes sehr aufgebracht.

Das Damals und Heute hat mich beschäftigt. Ich wollte es gern in einer Geschichte verbinden, die Parallelen aufzeigt. Dabei kam mir die Idee eines alten Verbrechens, das bis in die Gegenwart nachwirkt, das die Menschen wieder einholt. Es ging mir um die Frage der Kollektivschuld eines ganzen Dorfes an schlimmen Geschehnissen, vor denen man die Augen verschlossen hat - und das geschieht immer wieder, überall auf der Welt und zu jeder Zeit. Dabei ging es mir gar nicht darum, einen sozialpolitischen oder -kritischen Krimi zu schreiben und für Toleranz, Miteinander und Verständnis zu predigen. Überhaupt nicht.

Es ging mir eher um die Frage: Warum sind Menschen so? Welches sind die Mechanismen, die quer durch alle Epochen und Gesellschaften und Ethnien immer wieder dazu führen müssen, dass es am Ende tote Menschen gibt? Was führt dazu, dass einer den Anderen umbringt und Gewalt in zivilisierten Gesellschaften ebenso legitimiert wird wie vor tausenden Jahren in unzivilisierten? Wie kann das Klima so schnell kippen?

Das sind Triebfedern von "Dünenfluch", der natürlich ein handfester Krimi ist und wiederum die ostfriesische Nordseeküste als Setting hat. Mir gefällt nach wie vor das Meer als Symbol für tiefe Abgründe, die unter einer glatten Oberfläche lauern. Und dieses Mal wird es für Femke Folkmer sehr persönlich - denn mit "Dünenfluch" als fünften Roman der Reihe kehre ich wieder zum Anfang zurück: nach Werlesiel, Femkes Heimatort. Dort treffen wir auf einige Figuren, Orte und Geschichten, die schon aus "Dünengrab" bekannt sind. Das Wiedersehen hat mir viel Spaß gemacht.

Den Ort gibt es übrigens nicht wirklich. Den habe ich mir für "Dünengrab" ausgedacht, weil es mir nicht wichtig war, über eine existierende Örtlichkeit zu schreiben. Natürlich erkennt man fraglos ein bisschen von verschiedenen bekannten Küstenorten wieder. Ich wollte vielmehr mein eigenes Städtchen schaffen - in dem sich, ähnlich wie Stephen King's Derry - immer wieder das Böse niederschlägt und das als Sinnbild für alle anderen Orte steht. Ein bisschen ist Werlesiel für mich auch wie ein kleines Gotham-City. Wer weiß, vielleicht sieht Tjarks schwarzes BMW Cabrio auch aus diesem Grund etwas so aus wie ein kleines Batmobil...

geschrieben von
Sven Koch

  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (3. April 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426520192
  • ISBN-13: 978-3426520192




Liebe Grüße,
Claudia

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