Freitag, 16. Juni 2017

[Stefanies Rezension] Swift, Graham - Ein Festtag

Gastrezension von Stefanie

Mutterloser Muttertag (Hörbuchrezension)

Ein Dienstmädchen, ein junger Herr, eine gelegentliche Liebe, deren Ende in der bevorstehenden Hochzeit des jungen Herrn liegen wird – Graham Swift hat sich hier eines Themas gewidmet, das man schon viele Male gehört/gelesen hat. Aber der Handlungsverlauf ist hier ganz anders, als der Leser oder Zuhörer sich ausmalen konnte.

Ich habe „Ein Festtag“, im Original eigentlich „Mothering Sunday“, also 'Muttertag', in einer neu erschienenen Hörbuch Version des DAV (der Audio-Verlag), gelesen von Iris Berben, gehört. Es handelt sich hier um eine ungekürzte Lesung auf 3 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 4 Stunden und 17 Minuten.

Zum Inhalt: Jane Fairchild, ein Findelkind, ist Dienstmädchen, aber sie ist des Schreibens und Lesen gut mächtig und liebt Bücher. Im Jahr 1924, am Muttertag, ist das Haus leer und da sie keine Mutter besuchen kann, aber alle Dienstmädchen an diesem Tag frei haben, um ihre Mütter zu besuchen, kann Jane ihren Liebhaber Paul, einen feinen jungen Mann, treffen. Dieser wird bald standesgemäß heiraten. Es ist das letzte Mal, dass beide sich treffen....

Der Leser lernt auch die ältere Jane kennen, die später Schriftstellerin geworden ist und auch diese Geschichte aus ihrem Leben in einem Buch verarbeitet hat. Aber der Handlungsverlauf geht einen ungewöhnlichen Weg, der nicht zu erwarten war und mich vielleicht auch nicht ganz zufrieden gestellt hat. Das Buch ist durchweg aus der Sicht der Jane Fairchild geschrieben.

Bei „Ein Festtag“ handelt es sich um leise Literatur, um einen Roman, in dem eigentlich wenig passiert. Doch der Autor wählt seine Worte so kunstvoll und bedacht, und man hat hier oft das Gefühl, es handelt sich um einen älteren Roman, nicht um ein Werk aus dem 21. Jahrhundert. Der Roman ist ein schönes Spiel mit Worten und auch mit Gedanken; nur wenn es um die Erotik geht, sind die Begriffe leider sehr plump gewählt, was nicht ganz in das Gesamtbild des Werkes passt.

Iris Berben scheint hierfür die perfekte Sprecherin; man kann gut zuhören, auch, wenn die Gedanken ob dieser vielen Gedanken des Dienstmädchens immer mal abschweifen. Allerdings finde ich es etwas merkwürdig, wie die Sprecherin 'Magnolienbaum' (mit nj) ausspricht, und bei „Lives of the Engineers“ hätte sie sich ja mal erkundigen können (sie spricht 'i' statt 'ei'), wie das mit diesem Wort im Englischen ist. Ansonsten handelt es sich um eine sehr gute Lesung.

Dieses Buch/Hörbuch ist ganz schwierig mit Sternen zu bewerten. Die Sprache und der Anfang haben mir recht gut gefallen, aber das Buch entwickelt sich dann in eine ungewöhnliche Richtung, und ich wäre doch lieber bei der Dienstmädchen-Geschichte oder in dieser Zeit geblieben. Man muss dieses Hörbuch sicher zweimal hören, um es ganz erfassen zu können. Es gab auch Andeutungen, die mir noch nicht ganz klar sind. Vielleicht sind diese einfacher beim Lesen des Buches zu erfassen.

Fazit: „Ein Festtag“ ist ganz sicher gute Literatur ohne große Höhepunkte und Spannung, aber das hat der Autor so auch nicht gewollt. Es lässt mich ein wenig unzufrieden und nachdenklich zurück, aber es hat mir beim Hören eigentlich sehr gut gefallen. Insgesamt vergebe ich daher vier Sterne, da mir noch irgendetwas fehlt.


  • Audio: 3 CDs - ca 4h 17min
  • Verlag: Der Audio Verlag (5. Mai 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3862319970
  • ISBN-13: 978-3862319978
  • Verlag:
    http://www.der-audio-verlag.de/


Liebe Grüße,
Claudia

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